Schweigeminute für die Opfer von Barmbek

Schweigeminute für die Opfer von Barmbek
Der Messerangriff in Hamburg-Barmbek hat eine neue Debatte über Abschiebungen ausgelöst. In einem Gottesdienst in der Hamburger Hafencity gedachten am Sonntag mehr als 500 Christen der Opfer des Anschlags. Mitgefühl sei die Sprache des Verstehens, sagte die evangelische Bischöfin Kirsten Fehrs. Sie forderte die Menschen auf, sich nicht vom Hass überwältigen zu lassen.

Hamburgs Bischöfin Kirsten Fehrs und die Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank (Grüne) haben am Samstag um 14 Uhr mit einer öffentlichen Schweigeminute und einem Gebet in der Hamburger Hafencity der Opfer der Messerattacke von Barmbek gedacht. Es sei verstörend und erschütternd, wenn die Gewalt so dicht an die Menschen heranrücke, sagte Bischöfin Fehrs. "Wir wollen der Trauer einen Ort geben, gemeinsam unsere Klage vor Gott bringen und zugleich zeigen, dass wir uns nicht überwältigen lassen von Hass und Gewalt."

Fegebank sagte, es sei wohltuend, in der Gemeinschaft ein Gebet für die Opfer zu sprechen. Die Gemeinschaft der Hamburger könne helfen, die Angst gemeinsam zu überwinden. Gemeinsam beteten mehrere hundert Menschen auf den Magellan-Terrassen das "Vater Unser". Der Erste Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) legte am Tatort Blumen nieder. Fegebank sagte: "Diese Stadt wird sich nicht einschüchtern lassen." Die evangelische Kirche feiert in der Hafencity am Wochenende die Ankunft des Reformationsseglers "Artemis".

De Maizière warnt vor vorschnellen Urteilen

Mit Trauer und Bestürzung hat auch die Bundesregierung auf den Messerangriff in Hamburg-Barmbek reagiert. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) erklärte am Samstag: "Ich trauere um das Opfer der grausamen Attacke in Hamburg. Seinen Angehörigen gilt mein tiefes Mitgefühl." Den Verletzten wünschte sie Genesung. "Die Gewalttat muss und wird aufgeklärt werden", betonte Merkel.

Ein abgelehnter Asylbewerber hatte am Freitag in einem Supermarkt auf Passanten eingestochen. Ein Mann wurde getötet, sechs weitere Menschen wurden verletzt. Der Täter war den Behörden als Islamist bekannt, aber nicht als gefährlicher Dschihadist. Gegen den Angreifer wurde am Samstag Haftbefehl erlassen. Er sitzt wegen des Verdachts auf Mord sowie fünffachen versuchten Mordes in Untersuchungshaft. Für eine verminderte Schuldfähigkeit gebe es derzeit keine belastbaren Hinweise, hieß es.

Der 26-jährige Tatverdächtige ist nach Angaben der Hamburger Behörden Palästinenser, wurde in den Vereinigten Arabischen Emiraten geboren und kam im März 2015 über Norwegen nach Deutschland. Nach der Ablehnung seines Asylantrags Ende 2016 lief das Abschiebeverfahren. Es fehlten aber noch die erforderlichen Papiere.

Hamburgs Innensenator Andy Grote (SPD) sagte, der mutmaßliche Täter habe an seinem Ausreiseprozess aktiv mitgewirkt. Es gebe Hinweise auf eine islamistische Einstellung, aber auch auf eine "psychische Labilität". CDU-Oppositionsführer André Trepoll kritisierte am Sonntag, dass sich der Attentäter "frei durch unsere Stadt bewegen" konnte, obwohl er schon "auf dem Radar der Sicherheitsbehörden" aufgetaucht sei.

Merkel und Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) dankten der Polizei sowie einigen Bürgern für ihre Zivilcourage bei der Ergreifung des Täters. "Erneut trifft eine schreckliche Attacke unsere Gesellschaft", erklärte de Maizière. Zugleich warnte er vor vorschnellen Schlüssen in Bezug auf das Motiv. "Wir müssen damit rechnen, dass die dschihadistische Ideologie als Begründung oder Rechtfertigung für Taten herangezogen wird, die vielleicht aufgrund ganz anderer Motive begangen werden." Die eigentlichen Motive könnten auch in der Persönlichkeit des Täters liegen.

"Freiheit, Demokratie und Mitmenschlichkeit sind stärker"

Als Reaktion auf den Messerangriff wurde indes erneut Kritik an der Flüchtlingspolitik laut. Der SPD-Innenexperte Burkhard Lischka fragte, warum der Tatverdächtige nicht in Abschiebehaft saß. "Der Bundesgesetzgeber hat erst vor wenigen Wochen die Möglichkeiten dazu erweitert", sagte er der "Heilbronner Stimme" (Montag).

Der CDU-Innenpolitiker Wolfgang Bosbach forderte strengere Einreisekontrollen. Wer ohne Papiere eintreffe, solle nicht länger über die Grenze dürfen. "Wir müssen wissen, wer in unser Land kommt!", sagte er der Zeitung. "Alleine die Annahme von Fingerabdrücke kann die Vorlage eines Passes nie ersetzen."

Der Vorsitzende der Linkspartei, Bernd Riexinger, forderte, den Täter von Barmbek mit aller Konsequenz zur Verantwortung zu ziehen. "Sein Angriff auf die Kunden eines Supermarktes ist auch ein Angriff auf das offene, tolerante, solidarische Zusammenleben in unserem Land", sagte er. Zugleich warnte er: "Freiheit, Demokratie und Mitmenschlichkeit sind stärker als der fanatische, religiös verbrämte Hass Einzelner auf unser Miteinander."

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