Schweigend um die Alster

Schneemann an der Alster im Sonnenuntergang
Christian Charisius/dpa
Auch bei frostigen Temperaturen trifft sich eine Gruppe Gläubiger, um um die Alster zu pilgern.
Pilgeraktion in Hamburg
Schweigend um die Alster
Kein Gespräch, kein Austausch, nur Schritte und Stille: Die Pilgeraktion "Schweigend um die Alster" lädt seit 15 Jahren dazu ein, den Alltag hinter sich zu lassen und gemeinsam schweigend durch die Stadt zu gehen. Auch im Winter.

Sie reden nicht miteinander. Und doch gehen sie gemeinsam. Schritt für Schritt, am Wasser entlang, durch Parks, vorbei an Verkehr und Stadtlärm. Wer ihnen begegnet, merkt schnell: Hier geschieht etwas Ungewöhnliches.

Seit 15 Jahren gehen Menschen in Hamburg einmal im Monat schweigend um die Alster.

Initiiert wurde der Weg von Gabriela Mußbach und Christel Willers, die damals auf der Suche nach einem Angebot für das Wochenende waren. "Wir haben damals nach einem regelmäßigen Angebot am Ende der Woche gesucht", sagt Mußbach. "Es sollte hier in der Stadt sein, um nicht noch irgendwohin zu fahren."

Einmal im Monat

Entscheidend sei gewesen, was nach einer Arbeitswoche noch möglich sei. "Ich habe mich gefragt: Was tut mir gut? Und was schaffe ich am Ende der Woche noch?" Die Antwort fiel klar aus. "Eigentlich möchte ich nur schweigen." Seit 2011 findet der schweigende Weg immer am zweiten Freitag im Monat statt, um 18 Uhr trifft man sich am Pilgerschild vor St. Jacobi. Zum 15. Jubiläum am Freitag (13. Februar 2026) wird nach dem Gang noch gemütlich gefeiert.

Das Schweigen biete Raum, um die Woche noch einmal an sich vorbeiziehen zu lassen: Was hat sich angesammelt? Wo war keine Zeit, sich zu freuen oder traurig zu sein? Das habe anfangs irritiert. "Und jetzt schweigen wir die ganze Zeit?" Solche Fragen habe es gegeben. Denn Schweigen könne bei manchen Menschen Unbehagen auslösen. Heute seien Schweigeangebote vertrauter - damals sei das anders gewesen.

Mehr Klarheit

Doch es bewirkt etwas. "Das gleichmäßige Gehen sorgt für Klarheit." Unabhängig von Wetter und Jahreszeit. "Besonders im Winter", sagt Mußbach. "Ich laufe gerne im Dunkeln, sehe auf die Silhouette der Stadt. Die Bäume ohne Blätter. Das ist so schön und immer wieder neu."

Eine Gruppe, die gemeinsam schweigt, fällt auf. "Die Menschen merken, wenn eine Gruppe schweigend geht", so Mußbach. Im Alltag werde gesprochen, oft aus Höflichkeit. Schweigen durchbreche diese Routine. Immer wieder werde sie angesprochen, vor allem von jungen Menschen. "Die fragen dann: Was seid ihr denn für welche?" Ihre ruhige Antwort sei, "dass wir schweigend um die Alster gehen - für den Frieden in uns und in der Welt". Sie sei überzeugt, dass dieses stille Unterwegssein über den Einzelnen hinaus Wirkung entfalten kann.

Seit 15 Jahren findet in Hamburg das Alsterpilgern mit Gabriela Mußbach statt.

Kraft sammeln

Auch das Weltgeschehen begleite die Wege. Manchmal greife sie es zu Beginn auf oder spreche ein Gebet. "Das ist etwas Aktives. Etwas Zuversichtliches." Gerade weil die politische Lage oft sprachlos mache, gehe es darum, innere Kraft zu sammeln. "Mit dem In-die-Stille-Gehen und dem Losgehen wollen wir uns stärken. Impulse im Inneren bekommen." Jeder Einzelne könne etwas für sich entdecken. "Ich kann mich wieder mit mir verbinden und damit auch wieder stabilisieren."

Das Schweigen in der Gruppe erlebe sie als etwas Besonderes. Auch ohne Austausch entstehe Nähe. "Wir müssen gar nicht miteinander sprechen, und trotzdem entsteht eine Gruppe. Am Ende ist da ganz viel Gelassenheit." Sie fühle sich frei, klar, offen. "Das sieht man den Menschen im Gesicht an." Ihr Kopf sei leer, "aber da ist keine Leere". "Es gibt nur einfach nichts mehr zu sagen. Das ist total schön und stimmig." Am Ende bedanke man sich und gehe auseinander.

Alltag hinter sich lassen

Im Schnitt nehmen fünf bis 15 Menschen teil, ein Drittel davon zum ersten Mal. Andere kommen immer wieder. Und selbst wenn nur eine Person erscheint: Gabriela Mußbach geht los. "Ich hätte nicht gedacht, dass das Interesse so groß sein würde."

Der Weg um die Alster sei bewusst gewählt. Zunächst gehe es am ruhigeren Westufer entlang, später zurück über die belebtere Ostseite. "Dann hat sich die Unruhe in mir gelegt", so Mußbach. "Ich merke von Kilometer zu Kilometer, wie ich ruhiger werde." Das Wasser begleite die Gruppe durchgehend. "Dadurch, dass wir nicht reden, staunen wir viel mehr."