Im Namen des Tigers: Indische Ureinwohner werden vertrieben

Indischer Tiger in Rajasthan

Foto: Getty Images/Anup Shah

Die Anzahl der Tiger ist in Indien stark gewachsen.

Im Namen des Tigers: Indische Ureinwohner werden vertrieben
Weltweit, auch in Indien gibt, es wieder mehr Tiger. Wo aber Tiger sind, müssen Ureinwohner weg. Stephen Corry, Direktor von Survival International, hofft, dass der neue Dschungelbuch-Film hilft, mehr Aufmerksamkeit auf das Leid der Vertriebenen in Indien zu lenken.

Sie sind wieder da. In der Neuverfilmung des "Dschungelbuchs" gibt es ein Wiedersehen mit dem Dschungelknaben Mogli, der hypnotisierenden Schlange Kaa, dem gemütlichen Bär Balu, dem lebensfrohen Affenkönig King Loui und natürlich mit dem gefürchteten Tiger Shir Khan.

Auf Basis von Motiven der Dschungelbuch-Erzählungen des in Indien geborenen britischen Schriftstellers Rudyard Kipling wird die Geschichte des Findelkindes Mogli aus der Sicht des Panthers Baghira erzählt. Baghira hat das "Menschenjunge" im Dschungel gefunden und bei einer Wolfsfamilie untergebracht. So lebt Mogli zehn Jahre lang glücklich und zufrieden im Dschungel. Dann droht Gefahr durch den Tiger Shir Khan.

Noch heute leben viele "Moglis" in und von den Wäldern. Die Betonung liegt auf "noch". Viele Stämme der indischen Ureinwohner, den Adivasis, werden im Namen des Fortschritts und der Wirtschaftsentwicklung, von Naturschützern und Bergbaumultis gemeinsam mit der indischen Polizei aus ihren angestammten Siedlungsgebieten vertrieben – nicht selten mit Gewalt. Für internationale Furore sorgen vor allem die Vertreibungen im Namen des Tigerschutzes.

Wo Tiger sind, müssen Ureinwohner weg

Zusammen mit den anderen Tigerstaaten hat sich Indien dem Schutz der vom Aussterben bedrohten Großkatze verschrieben. Neue Tigerschutzreservate werden eingerichtet, schon bestehende werden vergrößert. Die indischen Reservate sind erfolgreich. Neueste Daten zeigen: die Tigerpopulationen nehmen wieder zu. Aber: wo Tiger sind, müssen Ureinwohner weg.

Touristen im Bandhavgarh National Park in Madhya Pradesh.

Eines der berühmtesten Tigerreservate befindet sich in Kanha in Madhya Pradesh. Schon 1865 wurden in dem artenreichen Kanha, das Kipling für seine Dschungelbucherzählungen als Inspiration diente, Wälder unter Schutz gestellt. Den Baiga und den Gond wurde es damals ausdrücklich erlaubt, weiterhin in dem Schutzgebiet zu leben, im Wald ihr Vieh zu weiden und Feuerholz zu sammeln. 2014 wurden sie vertrieben, damit Touristen freie Bahn haben. Kanha besitzt eine große Tigerpopulation und die Wahrscheinlichkeit ist groß, Tiger in freier Wildbahn zu sichten. Das ist perfekt für den boomenden Tigertourismus, der jährlich rund 100.000 Touristen nach Kanha lockt.

Protestantische Kirchen machen sich für Ureinwohner stark

Die indische Forstbehörde versichert, die Baiga und Gond hätten die Umsiedlung freiwillig akzeptiert. Organisationen zum Schutz indigener Völker zeichnen ein anderes Bild. "In Wirklichkeit werden sie durch Bestechung und der Androhung von Gewalt gezwungen, die Räumungen zu akzeptieren. Einige werden in Umsiedlungslager der Regierung gebracht, andere werden einfach ausgewiesen und dazu gezwungen, in bitterer Armut am Rande ihres Territoriums zu leben", klagt Stephen Corry, Direktor von Survival International, der globalen Bewegung für die Rechte indigener Völker.

Obwohl die protestantischen Kirchen im mehrheitlich hinduistischen Indien eine kleine Minderheit sind, spielen sie im Kampf für Rechte der indischen Ureinwohner eine prominente Rolle. "Es ist verwerflich, dass den Adivasis als die wahren Bewahrer des Lands und Beschützer der Ökosysteme das Recht an ihrem Land unter der Anwendung von Zwang verweigert wird", schreibt Taranath S. Sagar, Präsident des Nationalen Kirchenrats von Indien (NCCI), in einem Dokument des Dachverbands der protestantischen Kirchen.

Gewalt und Gräueltaten prägen den Alltag

Die Ureinwohner lassen sich nicht mehr alles gefallen. Sie kämpfen für ihre Rechte. Nicht zuletzt mit Hilfe der Kirchen, wie Sagar mit einigem Stolz konstatiert. "Der Zugang zu Bildung, hauptsächlich Dank der Arbeit christlicher Missionare, hilft ihnen, ihre Diskriminierung durch das schreckliche indische Kastensystem zu verstehen, zu analysieren und dagegen vorzugehen."

Aber diese Selbsthilfe der indigenen Völker steht erst am Anfang. Noch, das räumt auch Sagar ein, prägen Gewalt, Gräueltaten und Diskriminierung den Alltag der Stämme. Laut den Volkszählungsdaten aus dem Jahr 2011 besitzen weniger als 20 Prozent der Angehörigen der Stämme und Adivasis eigenes Land. Nur ein Prozent haben bezahlte Arbeit.

Angehörige des Stamms der Baiga aus Peepatola. Sie lebt in einem Dorf in Chhattisgarh, das geräumt werden soll.

Mit Macht wehren sich indigene Stämme gegen die Vertreibung im Namen des Tigerschutzes. Manchmal sogar mit Erfolg, wie das Beispiel der Soliga zeigt. Das Volk im indischen Bundesstaat Karnataka hat vor Gericht das Recht erstritten, auf dem Land ihrer Vorfahren zu leben - gemeinsam mit den Tigern. Madegowda, ein Soliga, erzählt mit Stolz: "Wir beten die Tiger als Götter an. Es gab in der Vergangenheit nicht einen einzigen Zwischenfall, bei dem Tiger und Soliga miteinander in Konflikt geraten wären – auch nicht bei der Jagd."

Die Vertreibung geht weiter

Die friedliche Koexistenz zwischen Soliga und Tiger zahlt sich aus. Zwischen 2010 bis 2014 hat sich die Tigerpopulation im Biligirirangana Hills Tigerreservat (BRT) fast verdoppelt – von 35 auf 68 Tiere. Mehr noch: Der Zuwachs der Tigerpopulation im BRT-Reservat ist wesentlich höher als der Zuwachs im indischen Durchschnitt. "Die Indian National Tiger Conservation Authority versucht unterdessen, diese Information geheim zu halten. Denn sie würde die Politik der indischen Regierung diskreditieren, die zahlreiche indigene Völker von ihrem angestammten Land vertreibt", klagt Stephen Corry.

Touristen beobachten Tiger im bekannten Kanha Nationalpark.

Anderswo gehen die Vertreibungen weiter. Dreizehn der 59 Dörfer der Gond wurden nach Informationen der Asia Indigenous Peoples Pact Foundation (AIPP), einem Netzwerk von 47 indigenen Organisationen aus 14 Ländern, bereits gewaltsam geräumt, obwohl eine Klage der Gond vor Gericht gegen die Räumungen noch nicht entschieden ist. Sie liegen in dem für die Erweiterung des Panna Tigerreservats vorgesehenen Areal in Madhya Pradesh. Die Behörden gehen dabei nicht zimperlich vor. Sie stellen Ureinwohnern den Strom ab und hetzen Elefanten durch die Dörfer, die alles niedertrampeln und Furcht und Schrecken verbreiten.

Die Zahl der Tiger nimmt weltweit zu

Zum ersten Mal seit 100 Jahren nimmt weltweit die Zahl der Tiger zu. Streiften 2010 nur rund 3.200 Tiger durch die Wälder Indiens, Südostasiens und Russlands, sind es nach aktuellsten Daten des WWF heute schon wieder 3.890. Das 2010 unter Federführung des WWF geschlossene Abkommen der Tigerstaaten zum Schutz der Großkatzen zeigt Wirkung, auch wenn das Ziel, bis 2022 die Zahl der wild lebenden Tiger zu verdoppeln, noch in weiter Ferne ist.

Organisationen der indigenen Völker erheben jedoch gegen den WWF Indien einen gravierenden Vorwurf: zum Schutz der Tiger nehme der Tierschutzverein die Zwangsvertreibungen der Stämme stillschweigend hin. In einem Brief forderte Anfang April dieses Jahres AIPP den WWF Indien auf, zu der Vertreibung von Stämmen des Gond-Volkes im Panna Tiger Reservat Stellung zu beziehen "Wir haben noch nichts vom WWF gehört", sagte AIPP-Generalsekretärin Joan Carling am 13. April gegenüber evangelisch.de.

Gegenüber evangelisch.de gab der WWF am gleichen Tag eine Stellungnahme ab. Der WWF sei in "keinem der umgesiedelten Dörfer aktiv und ist auch an keiner Umsiedlung von Dörfern beteiligt", beteuerte Alison Harley, Sprecherin der WWF Tigers Alive Initiative. Zudem habe der WWF Indien bisher "keine detaillierten Beweise für den Vorwurf der Zwangsvertreibungen". Ohne solche Beweise aber könne der WWF Indien die Angelegenheit auch nicht deutlicher gegenüber den indischen Behörden zur Sprache bringen, schrieb Harley aus Neu Delhi, wo in dieser Woche eine große Konferenz der zuständigen Ministerien der Tigerstaaten stattfinden. Eine klare Distanzierung und Verurteilung der Zwangsvertreibungen sieht anders aus.

Stephen Corry freut sich auf den Dschungelbuch-Film. "Der neue Dschungelbuch-Film kann helfen, die Aufmerksamkeit auf das Leiden zu lenken, das indigenen Völkern in Indien im Namen des Tigerschutzes zugefügt werden." Oder um es mit den Worten von des NCCI-Präsident Sagar zu sagen: "Jede Form der Diskriminierung und der Ausgrenzung ist gegen den Willen Gottes."