Mit Steinen gegen Gläubige

Eine Anhängerin des Candomblé in Brasilien verlässt nach einem Gottesdienst die Kirche.

Foto: Getty Images/Mario Tama

Eine Anhängerin des Candomblé in Brasilien verlässt nach einem Gottesdienst die Kirche.

Mit Steinen gegen Gläubige
Religiöse Intoleranz kann viele Gesichter haben. Im multireligiösen Brasilien versucht jetzt der Staat eine Kultur der gegenseitigen Akzeptanz zu fördern.
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Es war schon dunkel, als Katia Coelho, ihre Enkelin Kaillane Campos und vielleicht sechs weitere Personen von einem afrobrasilianischen Gottesdienst nach Hause gingen. Alle waren weiß gekleidet, die Farbe, die die Anhänger des Candomblé bei ihren Zeremonien tragen. Nur wenige Hundert Meter von ihrer Kultstätte – in Brasilien Terreiro genannt – entfernt hörten sie plötzlich Pöbeleien. "Abfällige, rassistische Bemerkungen. Wir würden doch nur den Teufel anbeten. Das Übliche", erinnert sich die Candomblé-Priesterin Coelho später. Dann wirft einer der Männer einen Stein, der die 11-jährige Kaillane am Kopf trifft. Die beiden flüchteten unerkannt in einen Nahverkehrsbus. Kaillane wurde mit einer blutenden Platzwunde ins Krankenhaus gebracht.

Der Übergriff ereignete sich Mitte Juni in Rio de Janeiro, im nördlichen Stadtteil Penha, fernab der Strandviertel, die die Touristen kennenlernen. Und er hat eine Debatte über religiöse Toleranz entfacht. Viele Brasilianer sind stolz darauf, dass ihr Land eine Mischung von zahlreichen Kulturen und Ethnien ist und alle friedlich miteinander leben. Doch insbesondere Vertreter der Schwarzenbewegung kritisieren dies als beschönigende Illusion und verweisen auf Rassismus und die Benachteiligung von Schwarzen. "Gewalt gegen Afrobrasilianer oder ihre Religionen sind alltäglich. Auch in Schulen gibt es immer wieder Diskriminierungen", erklärt Ivanir dos Santos, Sprecher der Kommission zum Kampf gegen Religiöse Intoleranz in Rio de Janeiro. Solch eine Missachtung anderer Menschen sei nicht mit einer demokratischen Gesellschaft vereinbar.

Die Politik wie auch andere Kirchen drückten kurz nach der Attacke ihre Solidarität mit Kaillane Campos aus. Rios Bürgermeister Eduardo Paes empfing das Mädchen, die katholische Kirche lud sie zu einem Grespräch. Erzbischof Orani Tempesta verurteilte die Tat ebenso wie Repräsentanten aller anderen Religionen. "Es handelt sich um ein schweres Verbrechen. Ich hoffe, dass die Täter entsprechend bestraft werden", erklärte der lutherische Pfarrer Mozart Noronha. Kaillane selbst beteuerte im Fernsehen, dass ihr Glaube durch den Vorfall nicht beeinträchtigt worden sei. "Ich habe Freunde verschiedener Religionen, und alle respektieren sich" sagte sie.

Eine Woche später kamen Hunderte zu einem Solidaritätsmarsch in Penha zusammen. Die meisten kamen in weißer Kleidung, auch Vertreter anderer Religionen. "Diese Demonstration stärkt den demokratischen Rechtsstaat und den gegenseitigen Respekt", erklärte der Schwarzenrechtler Ivanir dos Santos auf der Kundgebung. Der Candomblé-Priester machte niemanden direkt für den Übergriff verantwortlich. Aber er verurteilte das "Verhalten einiger religiöser Führer, das Intoleranz legitimiert". Zudem forderte Dos Santos von der Regierung auf, den Vorfall nicht auf die leichte Schulter zu nehmen: "Wenn keine strafrechtliche Verfolgung zustande komme, werden wir gegen den brasilianischen Staat vor den Menschenrechtsgerichtshof der Organisation Amerikanischer Staaten OAS ziehen", drohte der Aktivist.

Sprecher der in Brasilien weit verbreiteten evangelikalen Pfingstkirchen (noch ist Brasilien das Land mit den meisten Katholiken weltweit, aber die Evangelikalen machen bereits knapp 30 Prozent der Bevölkerung aus, Tendenz steigend) verwehrten sich gegen die Andeutung, dass Anhänger der oft radikalen Pfingstkirchen oder die emotionalen Predigten für den Übergriff verantwortlich sein könnten. Der populäre Fernsehprediger Silas Malafaia kritisierte Ivanir dos Santos als "Geldempfänger" der regierenden Arbeiterpartei PT und schalt die Medien, die just in diesem Fall "nicht nach unserer Meinung gefragt hätten".

Der Streit ist nicht neu. Dass evangelikale Prediger ihre Anhänger immer wieder auffordern, die Finger von afrobrasilianischen Religionen zu lassen, ist bekannt. Je nach Stimmungslage handelt es sich dabei um Verunglimpfungen oder auch rassistische Angriffe, die den Candomblé, Umbanda oder die zahlreichen anderen Kulte als "Satansanbetung" bezeichnen. Obwohl in Brasilien religiöse Intoleranz mit bis zu drei Jahren Haft geahndet wird, ist das Nebeneinander der Glaubensrichtungen nicht immer friedfertig.

In Rio de Janeiro, wo nach offiziellen Zahlen fast zwei Prozent der Bewohner einer afrobrasilianischen Religion angehören, ist die Zahl der religiös motivierten Straftaten höher als in anderen Landesteilen. Verlässliche Zahlen gibt es zwar nicht, aber immer wieder kommt es zu Übergriffen und diskriminierendem Verhalten, sowohl im Alltag aber auch seitens der Polizei oder der Behörden. Der Menschenrechtsminister Pepe Vargas verwies nach dem Übergriff in Rio darauf, dass kürzlich ein Nationales Komitee mit Vertretern zahlreicher Konfessionen eingerichtet wurde, um Diskriminierungen zu vermeiden. Zudem werde "in Zusammenarbeit mit dem Bildungsministerium didaktisches Material für die Schulen erarbeitet, um eine Kultur religiöser Toleranz zu verbreiten".

Die Großmutter von Kaillane, die im Terreiro als Kátia de Lufan bekannt ist, glaubt nicht, dass die Täter Evangelikale waren. "Es waren Fanatiker, die nur eine Wahrheit kennen, die andere nicht respektieren können." Gläubige würden so etwas nicht tun, sagte sie. Aber sie ist sich sicher, dass es eine Aggression gegen den Cambomblé war: "Es ist nur passiert, weil wir in weiß gekleidet waren."