Die Globalisierung des Mitgefühls

Friedensnobelpreisträger Kailash Satyarthi beim Kirchentag in Stuttgart.

Foto: epd-bild/Thomas Lohnes

"Sie sind Weltbürger und damit verantwortlich für die Probleme dieser Erde", sagt Kailash Satyarthi.

Deutschland spricht 2019
Die Globalisierung des Mitgefühls
"Uns fehlt nur eins und das ist schlecht, das Recht auf unser Menschenrecht": Mit einem Sprechgesang machen die Jugendlichen ihrem Ärger Luft. Bei der Podienreihe zu Ethik in der Wirtschaft auf dem Kirchentag gehören Transparenz und internationale Richtlinien zu den Hauptanliegen.

Später werden Poltiker, Nobelpreisträger und Wirtschaftsvertreter sprechen, aber zum Auftakt der Hauptpodienreihe "Wie viel Ethik verträgt das Geschäft?" dürfen die Jugendlichen des Hope Theatres ihre Kritik äußern. Jugendliche aus den Slums von Nairobi stehen gemeinsam mit deutschen Studierenden auf einer der vielen Bühnen des Evangelischen Kirchentags in Stuttgart und fordern die Beachtung von Menschenrechten in aller Welt. Die immer noch existierenden Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen, zwischen Weißen und Schwarzen, zwischen Industrie- und Entwicklungsländern sind ihre Hauptkritikpunkte.

Als der Kinderrechtsaktivist und Friedensnobelpreisträger Kailash Satyarthi die Bühne betritt, brandet Applaus in der Hanns-Martin-Schleyer-Halle auf. Der Inder wirft der internationalen Gemeinschaft vor, bei der Durchsetzung von Kinderrechten versagt zu haben. Die Kinderrechte der Vereinten Nationen seien in den meisten Ländern der Welt gültig. Allerdings würde das Abkommen immer noch nicht überall umgesetzt. "Wir leben noch immer in einer Welt, in der Kinder nicht sicher sind", beklagt Satyarthi. "Jungen werden Waffen gegeben, um zu töten. Mädchen werden zur Prostitution gezwungen." Der Nobelpreisträger forderte anstelle des Strebens nach schnellem Profit eine Globalisierung des Mitgefühls. "Sie sind Deutsche, Sie sind Europäer, aber Sie sind auch Weltbürger und damit verantwortlich für die Probleme dieser Erde", sagt Satyarthi an das Publikum gerichtet.

G7-Gipfel soll internationalen Rechtsrahmen ermöglichen

Der christliche Freiheitsbegriff schließe immer auch die Freiheit der Anderen ein, erklärt der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm, als er nach der Verantwortung der Kirche gefragt wird. Ein Christ bekenne sich zur gesamten Schöpfung. "Man kann nicht glauben, ohne sich auch für solche politischen Fragen zu interessieren", sagt der Sozialethiker. Von den am Wochenende auf Schloss Elmau tagenden Staatschefs der G7-Länder fordert er, für einen internationalen Rechtsrahmen zum Schutz von Arbeitern.  

Vor allem seit dem Einsturz des Fabrikhochhauses Rana Plaza in Bangladesch haben die Rechte von Arbeiterinnen und Arbeitern in der Textilbranche in der deutschen Öffentlichkeit an Präsenz gewonnen. Bei dem Unglück am 24. April 2013 wurden etwa 1.200 Beschäftigte getötet. Mindestens 2.000 weitere wurden verletzt. An dem Unglücksstandort wurde auch für die deutschen Unternehmen Adler, NKD, C&A und KiK produziert. Viele Angehörige und Opfer warten noch immer auf eine Entschädigung.

Das Publikum in der Halle ist vor allem unzufrieden mit der fehlenden Transparenz beim Kleidungskauf. Auf Zetteln werden Fragen an die Podiumsteilnehmer gesammelt. Oft ist Überforderung zu erkennen. Am Preis kann der Verbraucher schließlich nicht erkennen, ob ein Kleidungsstück unter fairen Bedingungen produziert wurde. Verschiedene Hersteller nutzen zudem verschiedene Zertifizierungen, sodass Herkunft und Standards nicht auf den ersten Blick zu erkenntlich sind. Mit dem Angebot Siegelklarheit hat das Bundesentwicklungsministerium eine Möglichkeit geschaffen, wenigstens die verschiedenen Zertifikate einordnen zu können. Per Smartphone-App können die Standards eines bestimmten Siegels damit direkt im Laden überprüft werden.

Die Grünen-Politikerin Renate Künast fordert am Ende der Diskussion konkrete Maßnahmen, um Transparenz in der Textilproduktion zu schaffen. Es sei der falsche Ansatz, die Wirtschaft nicht belasten zu wollen. Durch eine europäische Transparenzrichtlinie, Einfuhrregelungen und den Dialog mit Gewerkschaften vor Ort könnten Industriestaaten für gerechtere Arbeitsbedingungen sorgen: "Was hier gilt, muss auch in anderen Länder gelten!"