Zu Besuch bei Frau Gott

Zu Besuch bei Frau Gott
Ein Priester begegnete in einer Nahtoderfahrung Gott und berichtet: Sie ist eine Frau. Müssen wir jetzt die Bibel umschreiben?

Vor wenigen Tagen fand ich in meiner Facebook-Timeline eine Nachricht, die in der nächsten Zeit die gesamte Religionsgeschichte auf den Kopf stellen wird. Die komplette Bibel ist falsch, auch die Thora, der Koran: Alles falsch! Denn: Gott ist eine Frau.

Behauptet zumindest ein 71jähriger Priester aus Massachusetts, der immerhin 48 Minuten klinisch tot war und wie durch ein Wunder doch wiederbelebt werden konnte. Er erzählt von einer sehr intensiven Nahtoderfahrung: Er habe sich in einem überwältigenden Licht wiedergefunden, umgeben von bedingungsloser Liebe. Und er habe Gott getroffen. Und siehe da: Gott war eine Frau. Oder jedenfalls ein "feminine, mother-like Being of Light", also ein feminines, mutterähnliches Lichtwesen.

Zunächst einmal wäre natürlich das Thema Nahtoderfahrungen eines, das mindestens einen eigenen Artikel verdient hätte. Ich selbst habe einige Bücher zum Thema gelesen und tendiere dazu, diese Erfahrungen ernst zu nehmen, ohne sie aber für einen Beweis für ein Leben nach dem Tod zu halten.

Doch wenn wir diese Nahtoderfahrung von Father John Micheal O'neal ernst nehmen – was ist dann mit unserem Gottesbild? Müssen wir nun tatsächlich die Bibel umschreiben? Ist Gott wirklich kein Mann, sondern eine Frau?

Ich finde es gut, dass dieses Thema einmal aufkommt und unsere überkommenen Gottesvorstellungen auf den Kopf stellt. Denn: Gott ist tatsächlich kein Mann. Allerdings auch keine Frau. Die Bibel macht das ganz klar deutlich: Gott ist ein Wesen – oder wie immer wir das nennen sollen – jenseits unserer menschlichen Vorstellungskraft. Deswegen auch das Gebot: "Du sollst dir kein Bildnis machen noch irgendein Gleichnis". Luther hatte es aus den Zehn Geboten gestrichen, denn er meinte: Gott hat uns ein Bild von sich geschenkt – Jesus. Was dann wiederum dazu passt, dass die Maschine, die den Priester am Leben erhielt, auf den gut biblischen Namen LUCAS 2 hört. Lukas 2: Das ist die Weihnachtsgeschichte. Die Erzählung von der Geburt eben dieses Jesus, den Luther als das umfassende Selbstbildnis Gottes ansah.

Aber grundsätzlich müssen wir immer im Kopf behalten: Gott ist mehr, als wir uns vorstellen können. Gott ist eben kein alter Mann mit weißem Bart, der irgendwo im Schaukelstuhl auf einer Wolke dahinschwebt. Gott ist überhaupt kein "er". Auch keine "sie" und kein "es". Gott ist eben Gott. In einer von Männern geprägten Gesellschaft, wie es sie zur Zeit der Entstehung unserer Bibel nun mal war, war es verständlich, dass die Menschen von Gott eher in der männlichen Form redeten. Und doch gibt es auch in unserer Bibel Verse, die Gott als Mutter beschreiben. In Jesaja 66,13 redet Gott so von sich selbst. Er sagt durch seinen Propheten: "Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet."

Woanders redet die Bibel von Gott als Burg, als Quelle, als Licht. Auch als Vater, Herr, Herrscher. Alles das sind nur Näherungswerte. Bilder, die einen Teil der Wahrheit beschreiben. Eine Erfahrung eines Menschen mit Gott. Keines davon beschreibt das Ganze, denn Gott können wir nicht begreifen.

Also: Gott ist eine Frau. Natürlich ist sie das. Schauen Sie sich nur den Film "Dogma" an, in dem Gott von Alanis Morissette gespielt wird. Aber auch das ist nur ein Bild, im Fall des genannten Films auch ein bewusst humoristisch-provozierendes.

Aber der Film hat schon recht: Gott ist eine Frau. Natürlich ist sie das. Gott ist eine Mutter, die uns bedingungslos liebt. Und ein Vater. Und eine Burg. Und alles das. Und doch müssen wir nichts ändern an unserer Bibel, höchstens vielleicht mit Bedauern feststellen, dass manche Aspekte Gottes in diesem Buch im Vergleich zu anderen ein wenig unterbelichtet sind.

Eines Tages werden wir Gott erkennen. Aber erst nach unserem Tod. Father John Micheal O'neal war schon nahe dran. Bis es soweit ist, können wir nur in Bildern von unseren Gottesvorstellungen reden. Und uns bewusst machen: Es sind nur Bilder. Gott ist weit mehr als das. Wenn nun Father John Micheal O'neal von Gott Mutter, Sohn und Heiligem Geist predigen will – warum sollte er das nicht tun? Er hat damit genau so viel Recht oder Unrecht wie seine Kollegen.

Eines Tages werden wir Gott erkennen. Vielleicht werden wir – symbolisch gesprochen – mit Gott bei einem göttlichen Glas Wein zusammensitzen, uns zuprosten und mit ihr gemeinsam über unsere engstirnigen Gottesbilder lachen, die wir in unserer engen, begrenzten Welt hatten. Irgendwie freue ich mich darauf. Amen.

weitere Blogs

Und vielleicht ist das gut so.
Das Urteil des Landgerichts Berlin, welche Beleidigungen Politikerinnen aushalten müssen, ist ein Skandal. Denn der Verrohung der Sprache folgt die Radikalisierung der Tat
München St. Lukas
Menschenverachtende Töne in der Diskussion um ökumenische Herausforderungen durch die "Trauung für alle"
... bleibt ein spannendes Echtzeit-Experiment: weil völlig unklar ist, was daraus wird. Die letzte Medienkolumne auf evangelisch.de.
Das war unser Kirchentag 2019
evangelisch.de- und chrismon-Redakteurinnen und Redakteure haben für Euch den Deutschen Evangelischen Kirchentag in Dortmund 2019 besucht. Hier geht es zu unseren multimedialen Impressionen aus fünf aufregenden Tagen.