Mit dem unfreiwilligen Rückzug des Christentums aus der Öffentlichkeit ist auch der Begriff Nächstenliebe aus der Mode gekommen. Umso höher ist es der ARD anzurechnen, dass gleich mehrere Freitagsreihen im "Ersten" regelmäßig vorbildliche Beispiele für ein Engagement ohne Eigennutz bieten: indem sie Personen in den Mittelpunkt stellen, die von dem Wunsch beseelt sind, ihren Mitmenschen beizustehen.
Viele tun dies zwar beruflich, leisten aber mehr, als sie müssten; und anderen ist es schlicht eine Herzensangelegenheit. Natürlich ist das stets ein schmaler Grat: Was als Fürsorge gemeint ist, kann leicht als Einmischung oder Bevormundung empfunden werden; und auch darum geht es in diesem erneut sehr sehenswerten fünften Film mit Katerina Jacob und Ernst Stötzner als "Anna und ihr Untermieter".
Die Handlung beginnt mit einer überraschenden Verhaftung: Werner Kurtz bringt, nichts Böses ahnend, den Müll zur Tonne, als ihn zwei Kripo-Beamte vom Fleck weg verhaften; auf der Tonspur kommentiert Frank Sinatra ironisch "That’s Life". Wie im Thriller erzählt eine längere Rückblende anschließend die Vorgeschichte: Kurtz, ehemals Leiter des Ordnungsamts Köln-Süd, arbeitet ehrenamtlich in einer Tafel. Als Kundin Meike Leppin (Liza Tzschirner) zusammenbricht und mit Verdacht auf akute Blinddarmentzündung ins Krankenhaus muss, bittet sie Kurtz, sich um ihre sechsjährige Tochter zu kümmern. Der Rentner bringt es nicht übers Herz, das Mädchen den Behörden zu überlassen, und nimmt Pia kurzerhand mit nach Hause. Seine Vermieterin Anna Welsendorff ist ebenfalls umgehend angetan von dem liebenswerten Kind, zumal die beiden von einer Nachbarin Meikes erfahren, dass der Gatte ein Trinker ist und seine Frau regelmäßig geschlagen hat.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
"Plötzlich Opa" beziehungsweise "Plötzlich Oma" bildet gerade am ARD-Freitag längst ein eigenes Tragikomödien-Subgenre, und zunächst hat es den Anschein, als würde sich auch "Volles Haus" in diese Richtung entwickeln, zumal Anna noch einem weiteren unerwarteten Gast Asyl gewährt: Kurtz’ bester Freund ist nach einem Streit von seiner Frau vor die Tür gesetzt worden. Weil Klaus (Max Herbrechter) mindestens ebenso prinzipientreu ist wie sein ehemaliger Arbeitskollege, darf er nichts von Pia wissen; er würde umgehend das Jugendamt informieren.
Das Versteckspiel führt zu einigen komischen Situationen, aber am Ende fliegt es natürlich trotzdem auf, und so kommt es schließlich zu Kurtz’ Verhaftung: Pias Vater (Philipp Danne) hat die Polizei eingeschaltet. Es gibt zwar ein Kontaktverbot, aber das bezieht sich nur auf Meike, nicht auf die Tochter. Die Frau (Annina Hellenthal) vom Jugendamt hat zwar Verständnis für die Skepsis der Ersatzgroßeltern, aber das Recht ist auf Leppins Seite.
Natürlich lebt auch "Volles Haus" vor allem von den heiteren Auseinandersetzungen zwischen den beiden Hauptfiguren, die zwar längst ein freundschaftliches Verhältnis pflegen, aber nach wie vor per Sie sind; Stötzner und Jacob spielen das nach wie vor ganz ausgezeichnet. Trotzdem stehen die Konflikte im Mittelpunkt. "Bitte kümmern" lautete der Arbeitstitel des Films. Martin Rauhaus, der bislang alle Drehbücher der Reihe geschrieben hat, macht anhand einer zweiten Ebene deutlich, dass ein solches Kümmern auch unliebsame Folgen haben kann. Auf diese Weise greifen Buch und Regie (Michael Rowitz) den zentralen Handlungsstrang der letzten Episode ("Plötzlich Schwiegermutter", 2025) auf, als sich ’rausstellte, dass die zukünftigen Schwiegereltern von Annas Tochter Karin (Katharina Schlothauer) erhebliche Eheprobleme haben.
Seit der Trennung gilt Horst (Herbert Knaup) in der Familie als Persona non grata. Weil Karins Tochter Nele (Johanna Schraml) das Weltverbesserungs-Gen ihrer Großmutter geerbt hat und darauf besteht, dass auch ihr Quasi-Opa zur Hochzeit ihrer Mutter mit Jens (Golo Euler) eingeladen werden soll, kommt es prompt zum Streit zwischen praktisch allen Beteiligten; aber dann braucht Jens ausgerechnet die Hilfe seines Vaters, als Meike von einer lebensbedrohlichen Infektion befallen wird.
Wie Rauhaus, ohnehin einer der besten und viel zu selten ausgezeichneten Autoren hierzulande, die vielen kleinen und großen Geschichten miteinander kombiniert, ist auch dramaturgisch ein großes Vergnügen. Die Leistungen der Mitwirkenden sind ausnahmslos sehenswert; die kleine Soraya Maria Efe ist ein echtes Naturtalent. Die Botschaft ist ohnehin zeitlos: Die Welt ist so, wie sie ist, weil zu viele Menschen getreu der Devise "So isses nun mal" die Dinge als gottgegeben betrachten und nichts dagegen unternehmen.


