Während meiner Schulzeit gab es viel Literatur im Unterricht. Das ging mit Gedichten (die wir oft auswendig lernen mussten) und Kurzgeschichten in der Grundschule los, wurde dann fortgesetzt von Kinder- und Jugendbüchern, die wir in Klasse 5 und 6 gemeinsam gelesen haben, und endete mit einer langen Liste von Büchern, die wir zwischen der 7. und der 13. Klasse gelesen haben. Darunter Klassiker wie Schillers Räuber, Goethes Faust oder Brechts Kaukasischer Kreidekreis. Wir lasen Emilia Galotti, Kabale und Liebe, Woyzeck und Nathan der Weise. Wir lasen Die Physiker von Dürrenmatt und diskutierten darüber. Wir lasen den Steppenwolf und den Sandmann, Homo Faber, die Deutschstunde, Effi Briest, den Taugenichts und Berlin Alexanderplatz, wir lernten die verlorene Ehre der Katharina Blum kennen und Heinrich Manns Untertan (ein Buch, was m.E. Pflichtlektüre für alle sein sollte). Und diese Liste ist nun noch nicht vollständig. Wir haben aber mindestens 6 bis 8 Werke pro Schuljahr durchgearbeitet. Am Ende meiner Schulzeit hatte ich ein reiches Repertoire, das mir half, historische Zusammenhänge, menschliche Neigungen und Abgründe, und moralische Dilemmata zu erkennen und zu verstehen.
Kurz: Diese Bücher haben mein Leben bereichert und ich bin froh über jedes von ihnen.
Ich habe drei Kinder. Inzwischen sind sie nicht mehr in der Schule, sondern sie studieren. Aber sie kennen keines dieser Werke. Sie haben in der Schule mal ein Gedicht von Goethe gelesen oder mal eins von Schiller. Und meine Tochter hat in der Theater AG Hamlet gelesen, weil sie das spielen wollten. Aber sonst? Brecht hat keines meiner Kinder in der Schule angetroffen. Auch Böll und Lenz nicht. Sie haben vor allem moderne Bücher gelesen. Und diese dann ausgesprochen ausführlich behandelt. Auerhaus von Bov Bjerg zum Beispiel, was sie sehr mochten, obwohl sie sich wochenlang (!) nur damit beschäftigt haben und es aus allen Blickwinkeln analysieren mussten. Doch was bei Auerhaus noch gut war, wurde bei "Zweier ohne" von Dirk Kurbjuweit dann allerdings zur reinen Qual. Monatelang mussten sie sich über die Bedeutung eines Ruderbootes Gedanken machen... und natürlich haben sie dabei etwas über verschiedene Bedeutungsebenen gelernt und über toxische Freundschaften- aber etwas weniger davon und dafür eine etwas breiter gestreute literarische Erfahrung von Schullektüre hätte ruhig sein dürfen. Kurz: Ich bedaure meine Kinder sehr, dass sie nicht in den Reichtum und die Fülle der literarischen Welt eingeführt wurden.
"Von allen Welten, die der Mensch erschaffen hat, ist die der Bücher die Gewaltigste." stellte Heinrich Heine einst fest. Und wenn man von dieser Welt nur ein oder zwei Exemplare kennengelernt hat, dann fehlt einem etwas. Und es geht mir dabei nicht um Bildung, sondern um die Möglichkeiten, die einem Bücher eröffnen. Um die Möglichkeit, auf etwas zurückzugreifen, wenn man es braucht.
Als Poesietherapeutin greife ich oft auf das erlesene Repertoire meiner Klienten und Klientinnen zurück. Wir schauen gezielt darauf, welche Protagonisten Ähnliches erlebt haben, welchen literarischen Figuren jetzt weiterhelfen können. Es ist also oft auch ganz praktische Lebenshilfe, die man in Büchern finden kann. Oftmals Jahrzehnte nachdem man sie gelesen hat. In diesem Sinne will ich den heutigen Spiritusblog nutzen, um mal wieder zum Lesen anzuregen.
Greift Euch mal wieder ein Buch!
Lest.
Nehmt Euch Zeit dafür.
Denkt immer daran, was Jean Paul gesagt hat: Bücher sind nur dickere Briefe an Freunde.



