Karriere ohne Gehör - aber mit Selbstvertrauen

Portrait von Lena Schöllermann
Nadine Heggen/epd Nord
Lena Schöllermann lehrt an der Gehörlosenschule in Rendsburg, die staatlich anerkannte Ausbildungen zum Sozialpädagogischen Assistenten und zur Erzieherin anbietet. Träger der Schule ist das Institut für berufliche Aus- und Fortbildung, das zur Diakonie gehört.
Einzigartiges Projekt in Rendsburg
Karriere ohne Gehör - aber mit Selbstvertrauen
Der Weg ins Berufsleben ist für Menschen mit Beeinträchtigungen oft besonders schwer. Eine Schule in Rendsburg bietet speziell Ausbildungen für Schwerhörige an. Das Konzept ist deutschlandweit einzigartig.

Lange blieb ihr Handicap unentdeckt. "Die Erzieherinnen im Kindergarten bezeichneten mich als stur. Sie dachten, ich wollte nicht hören. Dabei konnte ich nicht hören", erinnert sich die 26-jährige Sarah Müller. Erst mit sechs Jahren erhielt sie die Diagnose Schwerhörigkeit und ihre ersten Hörgeräte.

Es begann eine Aufholjagd: Nach Schulschluss musste Sarah Müller zum Förderunterricht in Logopädie und Deutsch, die erste Klasse wiederholte sie. "Zeit zum Verabreden hatte ich nicht", sagt sie. Trotzdem blieben die Probleme in der Regelschule. Die Lehrer hätten wenig Verständnis für sie gezeigt, sie habe viel von ihren Mitschülern abgeschrieben.

In der 7. Klasse wechselte Müller von ihrer Schule in Hamburg ins Landesförderzentrum für Hören und Kommunikation nach Schleswig. Dort schaffte sie ihren mittleren Schulabschluss, brach danach aber zwei Ausbildungen ab. "Mit 18 Jahren sollte ich plötzlich entscheiden, was ich werden will. Das war schwer."

Unterricht mit Gebärdensprache

Schließlich erfuhr sie von der Gehörlosenschule in Rendsburg, die staatlich anerkannte Ausbildungen zum Sozialpädagogischen Assistenten (SPA) und zur Erzieherin anbietet. Die Schule wird vom Institut für berufliche Aus- und Fortbildung (IBAF) getragen, das zur Diakonie gehört.

Hat sich trotz fehlendem Gehör nicht entmutigen und unterkriegen lassen: Sarah Müller.

Im Gegensatz zu anderen Berufsschulen wird der Unterricht dort lautsprachlich und in Gebärdensprache vermittelt. Er richtet sich explizit an Auszubildende mit Hörschädigungen. Das Konzept ist nach Angaben der Schule in Deutschland einzigartig. Das Lehrerkollegium besteht aus fünf Lehrkräften, drei von ihnen sind hörend und zwei hörgeschädigt. Acht externen Dozent:innen ergänzen das Kollegium.

Zur Zeit werden in Rendsburg 36 Schüler:innen unterrichtet, pro Klasse maximal zwölf. Da die Auszubildenden aus ganz Deutschland kommen, wohnen sie meistens im nahegelegenen Internat. Die Kosten für die Schule übernimmt in der Regel die Agentur für Arbeit.

Diskriminierende Berufsberatung

Sarah Müller kam 2021 an die Gehörlosenschule. Die SPA-Ausbildung hat sie bereits absolviert. "Erst hier habe ich gelernt, offener zu sein, Freundschaften zu knüpfen und mich zu finden. Die Schule gibt mir Sicherheit", sagt sie.

Lena Schöllermann, die seit zehn Jahren an der Schule lehrt, freut das Feedback. "Uns ist der soziale Aspekt neben der Lehre sehr wichtig." Eine rein lautsprachliche Vermittlung der Lerninhalte sei für die Schülerinnen und Schüler sehr erschöpfend. Über die Gebärdensprache könnten sie vollumfänglich am Unterricht teilhaben. Durch die barrierefreie Kommunikation würde die Hörbehinderung der Auszubildenden quasi aufgelöst.

"Ziel ist, dass wir die Auszubildenden stärken und fit machen für den ersten Arbeitsmarkt", erklärt Schöllermann. Viele von ihnen hätten Diskriminierungen erlebt. "Bei der Berufsberatung hören sie oft, dass sie mit ihrer Beeinträchtigung zum Beispiel nicht Erzieher werden können." Dabei sei das kein Problem. Viele Absolventen und Absolventinnen der Schule arbeiteten in inklusiven Kitas oder Landesförderzentren.

83.000 Deutsche sind gehörlos

Nach Angaben des Deutschen Gehörlosen-Bundes sind 0,1 Prozent der deutschen Bevölkerung gehörlos und damit etwa 83.000 Menschen. Mit der Einführung von sogenannten Cochlea-Implantaten vor zehn Jahren war die Hoffnung groß, dass diese Zahl drastisch reduziert werden könnte.

Die Hörprothese wandelt Schall in elektrische Impulse um und stimuliert den Hörnerv direkt. Letztlich ist das Hören über die Prothese aber nicht identisch mit dem natürlichen Hören, verbessert aber meist die Kommunikation für die Betroffenen. "Mit den Implantaten ist unsere Schülerschaft vielfältiger geworden", sagt Lehrerin Lena Schöllermann.

Ihre Schülerin Sarah Müller wird im Sommer ihren Abschluss als Erzieherin machen. Sie möchte vielleicht noch studieren und Sportlehrerin werden. Das nötige Selbstvertrauen dazu hat sie jetzt.