Zwei Wochen. Damals, im Sommer in Berlin. Das Herz der Politik ist verschwunden. Christo und Jeanne-Claude haben den Reichstag eingepackt. Komplett. Sie haben ihn in einen silbernen Stoff gehüllt und mit dicken blauen Seilen verschnürt. Jeden Tag war ich da, bevor ich in die Tagesspiegel-Redaktion fuhr. Oder danach. Oft stundenlang. Liegend, lesend, träumend. Mit vielen anderen Leuten. Alle waren friedlich. Fünf Millionen Menschen zog der „Wrapped Reichstag“ an. Es war Rita Süssmuth zu verdanken, dass es ihn überhaupt gab. Sie war Bundestagspräsidentin und setzte sich gegen Helmut Kohl durch. Zum Glück. Nie habe ich das Gebäude so intensiv gesehen.
Christo sagte über seine Kunst: „Niemand kann diese Projekte kaufen, niemand sie besitzen, niemand sie kommerzialisieren, niemand kann Eintritt für ihre Besichtigung verlangen – nicht einmal uns gehören diese Werke. Unser Werk handelt von Freiheit, und Freiheit ist der Feind allen Besitzanspruchs, und Besitz ist gleichbedeutend mit Dauer. Darum kann das Werk nicht dauern.“
Rita Süssmuth sagte über das Reichstagsprojekt: „Die Besucher dort waren in Stille schauende, nachdenkliche, staunende Menschen. Am schönsten war der Reichstagsrasen, auf dem die Menschen lagen und sahen, wie dieses Kunstwerk als Parlamentsgebäude untätig und doch so wirksam war.“
Als der Abbau begann, verteilten unendlich viele helfende Hände unendlich viele kleine Vierecke aus dem silbernen Stoff. Eines davon habe ich. Ich schaue es oft an. Immer denke ich an das Wunder vom Nichts-sehen und Alles-sehen.
Zwei Wochen. Heute, in der Fastenzeit in katholischen Kirchen sind die Kreuze verhüllt. Das dient dem Fasten der Augen. Bis zum Karfreitag bleiben sie so. Eingepackt wie der Reichstag. Auch die Zitate von Christo und Süssmuth passen gut, wenn man sie ein bisschen abwandelt.
Das von Christo: Niemand kann die Kreuze kaufen, niemand sie besitzen, niemand sie kommerzialisieren, niemand kann Eintritt für ihre Besichtigung verlangen – niemandem gehören diese Werke. Das verhüllte Kreuz handelt von Gott, und Gott ist der Feind allen Besitzanspruchs, und Besitz ist gleichbedeutend mit Dauer. Darum kann die Verhüllung nicht dauern.
Das von Süssmuth: Die Besucher:innen sind in Stille schauende, nachdenkliche, staunende Menschen. Am bewegendsten ist es, zu sehen, wie das verhüllte Kreuz untätig und doch so wirksam ist.
Je weniger wir sehen, desto mehr wird offenbar. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar. Das lehren die Verhüllungen. Das ist ihr Geheimnis.
„Geheimnisse werden in der Kunst nicht gelüftet, sondern geschaffen“, schrieb mein Bruder Andreas einmal. Auch er war Künstler. Sein Satz passt gut zum „Wrapped Reichstag“. Er lässt sich auch gut auf die Fastenzeit übertragen: Das Geheimnis Gottes wird durch das verhüllte Kreuz nicht gelüftet, sondern geschaffen.
Selbst wenn ich glauben würde, ich könne das Geheimnis lüften, könnte ich es nicht offenbaren, was nicht zu offenbaren ist. Gott ist ein Geheimnis, das sich nicht lüften lässt, auch nicht durch Gott. Eine Selbstoffenbarung des Geheimnisses ist nicht möglich. Das Geheimnis bleibt auch dann ein Geheimnis.
Darum geht es, wenn man die Augen schließt und alles sieht. Man erkennt, was wichtig ist. Und man ahnt, worauf es ankommt.



