Nächstenliebe braucht Geschwindigkeit

geistvoll in die Woche
Nächstenliebe braucht Geschwindigkeit
Nächstenliebe ist so wichtig, dass man dafür jedes Tempolimit überschreiten sollte....

Chesed (חֶסֶד)  ist hebräisch und bedeutet übersetzt sowas wie „liebende Güte“, „Gerechtigkeit anstrebende Hingebung“ oder auch  „loyale Liebe“. Es ist ein grundlegendes ethisches Handlungsprinzip im Judentum. Chesed gilt auch als eine Eigenschaft Gottes und ist daher ein Gebot zur Nächstenliebe und zur Weltverbesserung (Tikkun Olam). 

 


Manchmal ist die Welt aber so böse und schlimm, dass sie mein Bemühen um chesed kurzfristig abwürgt. Manchmal verschlägt es selbst mir die Sprache, und bis ich sie dann wieder finde und die richtigen Worte parat habe, ist es zu spät.... und davon will ich Euch heute erzählen. 

Ich bin technisch eine Niete. Vollkommen talentfrei. Bisweilen geradezu tollpatschig doof. Aber das hält mich nicht davon ab, mich in diesem Bereich weiter zu bilden. Vor allem Bildbearbeitung interessiert mich und so bin ich Mitglied in mehreren - ich nenn sie mal try-und-error-Gruppen. In diesen Gruppen tauchen hin und wieder mal auch Leute auf, die einfach eine einmalige HIlfe beim Bearbeiten ihrer Bilder brauchen, was meistens auch  problemlos funktioniert.

Kürzlich nun lud eine junge Frau ein Photo von sich hoch, wie sie im Brautkleid in einem engen Flur steht, und sie bat darum, ob man den Hintergrund entfernen und durch was Hübsches ersetzen könnte. Eigentlich eine einfache Sache und normalerweise werden solche Anfragen von den erfahreneren Mitgliedern quasi als Übung einfach erledigt. Diesmal nicht. Denn die Frau war eine ganz normale Fau  - und kein Fotomodell. Statt Hilfe bekam sie hämische Kommentare wie "Der Hintergrund ist hier nicht das Problem" oder "Lasst uns besser die weiße Vogelscheuche im Vordergrund verschwinden lassen" oder "Wozu? Dich wird eh keiner heiraten" oder "Was für ein billiger Vorhang!" und "Geh erstmal zum Friseur!"...usw. Es waren unzählige, sehr fiese Kommentare unter dieser Anfrage. Und diese Kommentare waren allesamt von erwachsenen Menschen aus allen Schichten. (In solchen Momenten denk ich immer, man sollte statt über ein Mindestalter für social media  lieber über ein Mindestmaß an Manieren und ein Minimum an Empathie debattieren- aber ich schweife ab) ...

Das Ausmaß der Gemeinheiten jedenfalls war sehr bedrückend. So bedrückend, dass ich statt einfach mit dem Bild zu helfen und was Nettes zu schreiben erstmal  an die frische Luft gegangen bin - um für mich zu klären, ob ich nun  einfach nur helfe oder ob ich die Frau auch gegen die hämischen Kommentare in Schutz nehmen und unter jeden bösen Beitrag eine entsprechende Reaktion setzen soll und wie ich diese dann formuliere.. - denn meine Wut über diese niederträchtigen Kommentare gegenüber einer jungen Frau im Brautkleid war enorm und entsprechend zynisch waren meine Antwortideen.... Nach einer kleinen Runde draußen hatte ich mich dazu entschlossen, als erstes zu helfen und dann unter jeden bösen Kommentar die schlichte Frage "Warum bist Du so gemein?" zu setzen. Zufrieden mit diesem Entschluss öffnete ich also die Gruppe- und fand das Bild nicht mehr. 

Die junge Frau hatte ihren Beitrag gelöscht. 

Ich fühlte mich katastrophal. 

Ich konnte mich nichtmal an ihren Namen erinnern... Hätte ich direkt meinem Impuls nachgegeben, hätte ich ihr nicht nur helfen können mit ihrem eigentlichen Bildanliegen, sondern hätte sie auch nicht allein gelassen mit all der Häme. Mein Impuls, nach den richtigen Worten zu suchen hat in diesem Fall verhindert, dass ich da war, wo ich hätte sein müssen: nämlich an ihrer Seite. 

Und so sitz ich nun da und dekliniere: Chesed ist die persönliche, emotionale und tätige Zuwendung. Chesed ist Zuneigung, aus der respektvolles Handeln, Verantwortung und Freundlichkeit erwachsen soll. Aber Chesed braucht manchmal auch Geschwindigkeit. Unmittelbares und intuitives Handeln. Schnelligkeit statt Perfektion. Das ist wichtig.
Liebe junge Braut, es tut mir leid, dass ich nicht fix genug reagiert habe. Lass Dir sagen: Du bist wunderschön, und ich hoffe, Du konntest auf irgendeinem anderen Weg Deinen engen Flur in ein Zauberschloss verwandeln. Mögest Du glücklich werden und mögen all jene, die Dich so beschämen wollten, ihre innere Hässlichkeit erkennen und sich ändern. Amen. 
 

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