Spannend leben auf dem Dorf - vier Buchtipps

Frau liesst ein Buch im offenen Bulli mit Blick auf Berge
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Das Landleben, wie ist es wirklich? Vielschichtig und facettenreich - davon berichten vier empfohlene Romane.
Provinz - Idylle oder Schrecken?
Spannend leben auf dem Dorf - vier Buchtipps
Das Land ist ein Sehnsuchtsort für viele. Und viele entdecken beim Umzug dorthin, dass das Leben auf dem Dorf so ganz anders ist, als man es sich mal erträumt hat; in jedem Fall ist es ein spannender Erzählraum. Das Ev. Literaturportal empfiehlt vier Romane aus der Provinz, die die Ambivalenzen des Dorflebens ausloten

Im Schnee

Ein kleines, großes Buch über Menschen, denen ihr Dorf eine Welt war.

Es schneit und der Schorsch ist tot. Der Schorsch, der so gern Äpfel mochte ist gestorben und die traditionelle Totenwache im Dorf steht an. Der Max ist dabei, denn er kennt den Schorsch sein ganzes Leben und er war mehr für ihn als nur ein Freund, wie man während der Lektüre mehr und mehr ahnt. Man sitzt die ganze Nacht zusammen - erst die Männer, dann die Frauen - und erzählt vom Schorsch und  von den schönen und reichen Momenten der Ernte, vom Glück des einfachen Lebens und den Härten, der körperlichen Arbeit, der Enge, dem Schweigen. Solange man noch von jemandem spricht, ist er nicht ganz tot.

So ist das in dieser Nacht mit dem Schorsch. Tommie Goerz schafft ein kurzes und gleichzeitig gehaltvolles, wahrhaftiges und sprachlich schönes Buch über Menschen in dörflichen Strukturen, die immer mehr verschwinden während Zugezogene neue Eigenheime bauen und für die das Dorf keine Welt, sondern nur eine Kulisse ist. Jeder der geht, nimmt die Geschichten des Dorfes mit sich ins Grab: Das, worüber gesprochen wurde und das, worüber man lebenslang schwieg.

Eine melancholische Reise in die Vergangenheit, die sich wunderbar für Lesekreise eignet und für Menschen, die das Dorfleben von früher kennen. 
Marie Varela

Goerz, Tommie: Im Schnee. Roman. Tommie Goerz. München: Piper 2025. 172 S. ,; 21 cm. ISBN 978-3-492-07348-6, geb.: 22,00 €

Heimat

Empathisch beschreibt Hannah Lühmann wie eine junge Mutter sich traditionellen Rollenbildern zuwendet.

Jana und ihr Mann haben ein Haus in einem kleinen Dorf gekauft. Schnell verändert sich ihr Leben: Jana kündigt ihren Job, ist mit dem dritten Kind schwanger und hat nun vor allem die Rolle als Mutter und Hausfrau eingenommen. Zwischen Betreuungsbelastung und einer scheiternden Ehe, lernt sie Caro kennen. Von ihrer charismatischen Art fühlt sich Jana sofort angezogen. Caro lebt ein traditionelles Leben mit vielen Kindern und einen gut laufenden Instagram-Kanal, wo sie die Vorzüge des Landlebens präsentiert.

Auch wenn Jana den Content und die Ansichten von Caro skeptisch betrachtet, werden sie Freundinnen. Jana ist auf einmal eingebunden, besucht Caros Lesekreis und trifft auf andere Mütter, die sich alle gegenseitig unterstützen. Die politische Arbeit der Gruppe, ist für Jana eher nebensächlich. So findet sie sich selbst an Infoständen wieder, an denen Flyer für die AfD verteilt werden. Für Jana überwiegt, als Freundin von Caro Teil von einer Gemeinschaft zu sein, die füreinander da ist.

Für alle, die sich nicht verurteilend, sondern empathisch mit Traditionalismus und dem dahinter liegenden Wunsch, Teil von etwas zu sein, befassen wollen.  
Joana Stephan

Lühmann, Hannah: Heimat. Roman. Hannah Lühmann. München: hanserblau 2025. 169 S. ; 21 cm. ISBN 978-3-446-28282-7, geb.: 22,00 €

Anna oder: Was von einem Leben bleibt

Was bleibt von einem Leben? Eine literarische Annäherung an die eigene Urgroßmutter.

Es sind nur wenige Erb- und Erinnerungsstücke, die Henning Sußebachs Urgroßmutter Anna Kalthoff hinterlassen hat: wenige Fotografien, ein Poesiealbum, lose Anekdoten von Familienfeiern, ihren Verlobungsring. Von diesen Fragmenten ausgehend, versucht Sußebach, das Leben einer Frau zu rekonstruieren, die er selbst nie kennengelernt hat. Die Fakten sind schnell zusammengetragen: Anna wird im Sauerland geboren, arbeitet lange Zeit als Lehrerin, ist zweimal verheiratet und hat zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter – so weit so gewöhnlich.

Doch es sind die Geschichten zwischen den Fakten, die faszinieren und die ihr Leben so einzigartig machen. Die zahlreichen Leerstellen füllt der Autor mit historischem Kontext, behutsamen Vermutungen und erzählerischer Fantasie. So entsteht das Porträt einer Frau, die auf den ersten Blick ein alltägliches Leben geführt zu haben scheint, bei genauem Hinsehen jedoch einen ebenso ungewöhnlichen wie exemplarischen Weg einer Frau gegangen ist – zwischen Anpassung und Widerstand, zwischen Konvention und Selbstbehauptung.

Eine inspirierende Geschichte, die zeigt, wie brüchig Erinnerung ist und wie kraftvoll das Erzählen gegen das Vergessen wirken kann.
Miriam Weinrich

Sußebach, Henning: Anna oder: Was von einem Leben bleibt. Die Geschichte meiner Urgroßmutter. Henning Sußebach. München: C.H.Beck 2025. 205 S. : ill. ; 23 cm. ISBN 978-3-406-83626-8, geb.: 23,00 €

Dorf im Himmel

Nach ihrem Tod erwartet die Bewohner eines Dorfes ein perfektes zweites Leben.

Dreihundert Verstorbene steigen aus ihren Gräbern und kehren in das Bergdorf zurück, in dem sie zuvor gelebt haben. Verwundert stellen sie fest, dass nun alles so ist, wie sie es sich immer gewünscht haben. Es gibt keine Sorgen und Nöte mehr, alle sind gesund und jeden Tag scheint die Sonne. Anfangs genießen sie die neue Leichtigkeit und vergleichen sie mit ihrem alten mühevollen Leben. Doch nach und nach gerät das Vergangene in Vergessenheit und das Paradies beginnt sie zu langweilen. Da passiert etwas Unerwartetes: Die Hirtin Thérèse verliert eine ihrer Ziegen und plötzlich ziehen dunkle Wolken über den Bergen auf. Eine unbekannte Bedrohung versetzt die Bewohner in Angst und Schrecken.

Der in Lausanne geborene Autor Charles Ferdinand Ramuz (1878–1947) hat diesen Roman bereits 1941 geschrieben. Der junge Schweizer Steven Wyss hat ihn jetzt übersetzt und gibt in einem Nachwort aufschlussreiche Einblicke in die Gedankenwelt des hierzulande weitgehend unbekannten Schriftstellers.
Eine nachdenklich stimmende Lektüre über den Sinn von Veränderungen. Bestens geeignet für Gemeinde- und Patientenbüchereien. 
Elisabeth Schmitz

Ramuz, C. F.: Dorf im Himmel. Roman. C. F. Ramuz. Dt. von Steven Wyss. Zürich: Limmat 2025. 121 S. ; 20 cm. Aus d. Franz. ISBN 978-3-03926-084-3, geb.: 26,00 €

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