Die Gottesdienst-Clique

Die Gottesdienst-Clique
In unserer beschaulichen Kirchengemeinde existiert eine Gruppe reizender Damen, die um die 60 Jahre alt sind und jeden Sonntag mit einem charmanten Augenzwinkern die Kirche aufsuchen.

Diese Damen sind zwar nicht gerade für ihre rebellische Natur bekannt, dennoch haben sie eine erhabene Mission: den Sonntag in vollen Zügen zu genießen, ohne dabei ihre vornehme Eleganz zu vernachlässigen.

Warum sollte man kostspielige Konzertkarten erwerben, wenn in der Kirche Live-Musik zum Mitsingen angeboten wird? Hier wird gesungen, als ob eine hochkarätige Choraufnahme stattfindet. Zudem erfreut sich die Heizung meistens einer vorzüglichen Funktionstüchtigkeit – was den pragmatischen Vorteil bietet, dass man zu Hause keine aufwändigen Vorbereitungen für Gäste treffen muss. Und dann gibt es noch die willkommene Pause von dem Ehepartner, der einem mit einem milden Lächeln gestatten muss, natürlich in den Gottesdienst zu dürfen.

Der Gottesdienst stellt somit eine willkommene Flucht aus dem Alltag dar, eine Gelegenheit, um den neuen Wintermantel zu präsentieren und eine erfrischende Dosis an Gesellschaft und Plauderei zu genießen. Hier werden Insiderinformationen über das aktuelle Geschehen im Stadtteil ausgetauscht – mehr als in jeder Zeitung zu finden ist. Diese Damen mögen pragmatisch sein, doch sie verstehen es, den Sonntagmorgen in vollen Zügen zu zelebrieren. Der Gottesdienst bietet alles, was man benötigt, um den Tag in bester Gesellschaft zu verbringen und gleichzeitig über die neuesten Entwicklungen im Stadtteil auf dem Laufenden zu bleiben.

Gewiss, es ist wahrlich bewundernswert, wie diese Damen sonntags die Kirche erobern, als ob sie im Besitz ihres eigenen VIP-Tickets wären, und das, egal wie viele oder wenige sich in den Bänken befinden. Für sie zählt nur eines: die Orgel erklingt, die Zeit gehört ihnen, und sie haben eine Mission – sich selbst und ihren kostbaren Gemeinschaftsmoment zu feiern. Sie wissen, dass Gott ihnen diese zwei Stunden gewährt, und sie nehmen diese göttliche Geste an.

Möglicherweise sind sie mittlerweile Expertinnen in der Liturgie, aber sicherlich finden auch sie sie ein wenig angestaubt. Doch das hält sie nicht davon ab, ihre Stimmen mit Inbrunst erklingen zu lassen. Selbst wenn die Predigt einmal nicht so mitreißend ist, wie sie es sich erhofft hätten, stört das die Damen nicht weiter. Die Predigt wird einfach ad acta gelegt, und sie steuern eben fröhlich andere, aufregendere Themen an.

Es ist einfach herrlich, diesen Damen zuzuschauen, wie sie sich in ihrer eigenen kleinen Welt aus Eleganz und Entzücken eingerichtet haben und sich von nichts und niemandem die Freude am gemeinsamen Sonntagsgottesdienst verderben lassen.

weitere Blogs

Immer wieder kursieren Nachrufe über noch lebende Personen – Schuld ist oft die KI.
Fragezeichen und Ausrufezeichen
Sonja Thomaier ist neues Mitglied im Team von "kreuz und queer" und stellt sich im ersten Blogbeitrag als nicht-binäre Bielefelder:in vor.
Zwei Wochen sind wir mit Auto und Zelt durch Frankreich getourt und haben dabei Berge, Sturm, Sonne, Kakteen und viel Baguette gesehen. Lässt es sich auch minimalistisch so leben, wie "Gott in Frankreich"?