Komfortzone

Komfortzone
Von Zeit zu Zeit die Welt beobachten. Diesmal: Komfortzonen.

Natürlich soll man raus aus den Komfortzonen. Das weiß jede zweite Instagramerin mit Pampasgras passend zum Sofa, jeder Erfolgscoach sowieso und Fitnesstrainer*innen obendrein. Also natürlich soll man Selflove praktizieren und es sich gut gehen lassen (nach dem Sport, dem Aufräumen, dem Kindererziehen, dem nächsten Karrieresprung und der Klimademo), aber mindestens ebenso sehr soll man auch wachsen, sich entwickeln, weiterkommen - und das geht nur mit „Raus aus der Komfortzone“ - dorthin, wo es weh tut und wohin man eigentlich nicht möchte: Tinder, Kanzeln, Finanzberatungen, Konfliktgespräche mit Müttern, Chef*innen, Gefährt*innen.

Auf Twitter hat nun neulich Unikitty @ettercat geschrieben: „Wenn ich noch ein Mal "raus aus der Komfortzone" lese... Ich würde so gerne mal REIN…“
 

Und ich denke: ja bitte! Ich will nicht raus, ich will rein in die Komfortzone: dorthin, wo es nicht weh tut. Wo ich mich nicht dauernd erklären und verteidigen muß. Ich will nicht schon wieder wachsen und mich weiter entwickeln und die nächste Krise top meistern ohne zu klagen. Ich will in diese verdammte Komfortzone. An den Ort ohne schiefe Blicke und strenge Bemerkungen. Vor allem ohne meine eigenen. Denn die sind die schlimmsten. Niemand verurteilt mich so sehr wie ich mich selbst. (Okay, außer vielleicht Rechtsaußen-Christ*innen, aber das ist eine andere Sache.) Ich finde permanent, ich sollte mehr arbeiten, weniger Kleider kaufen, mich nicht dauernd vergleichen, mehr lieben und zugleich weniger, überhaupt mal erwachsen werden, Ja sagen zu mir und meinem Alleinsein, um Hilfe bitten und auch wieder nicht. Ich sollte gütiger sein und mich mehr kümmern und weniger sprechen. Und mehr zuhören. Und weniger zuhören und mehr sprechen. Sport machen, abnehmen, lesen, die andere Seite auch verstehen, die Predigt revolutionieren und das Patriarchat abschaffen (vor allem das internalisierte). Der to-do-Liste ist kein Ende und der Zustand der Welt ist da auch nicht grade eine Hilfe.

Ich will endlich rein in die Komfortzone. An den Ort, an dem ich selber gütig und nachsichtig mit mir bin. Weil ein anderer, weil G*tt zu mir gütig, weil sie mit mir nachsichtig ist. Ich wünschte, ich fände den Eingang dorthin. Und während ich vom Küchentisch nach draußen sehe, der Regen von rechts oben nach links unten fällt, mein Lieblingsbaum im Wind tanzt, eine Taube durchs Grau fliegt, sag ich mir diesen Satz: „Ich bin sicher und fürchte mich nicht.“ (Jesaja 12,2). Und für einen Moment ist es wahr. Der Eingang ist hier.

 


Wochenaufgabe:

Keine, aber einen Wunsch: möglichst viele Komfortzonen für dich. Und für mich auch.

 

 

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