Ein Vorteil der Zersplitterung

Das "Verschwinden von Gleichzeitigkeit" in der Mediennutzung macht vieles für viele schwieriger, die früher großes Publikum gehabt hatten – zum Beispiel für Volksparteien im Wahlkampf. Vorteile könnte es aber auch haben, wie "Babylon Berlin" zeigt.

Am heutigen Abend und dann den folgenden Donnerstagen geht es weiter mit der "weltweiten Free-TV-Premiere" von "Babylon Berlin". So unter anderem bewarb die ARD ihre Erstausstrahlung der Serie, die ihre tatsächliche Premiere (wenn man's pompös mag: "Weltpremiere") schon im Herbst 2017 beim Pay-TV-Sender Sky gehabt hatte. Superlative wie "die teuerste Produktion, die je fürs deutsche Fernsehen entstanden ist", wie es in Tilmann P. Gangloffs evangelisch.de-Kritik am Wochenende hieß, hatte es schon damals gehagelt. Weitere wie der "Preisregen zu Beginn dieses Jahres mit vier Deutschen Fernsehpreisen und der Rekordzahl von 14 Grimme-Preisen" kamen in der Zwischenzeit dazu und dürften weitere Interessenten gespannt gemacht haben.

Dass die Serie um den von Volker Bruch gespielten Kommissar Gereon Rath im Berlin des Jahres 1929 die Preise und Superlative verdient hat, ist nicht so unstrittig, dass all das Lob eintönig wäre, doch kaum umstritten. Insofern galt weitere Spannung der Frage, ob nach dem Hype nicht schon weite Teile der Zielgruppen die Serie bei Sky gesehen hatten. Also: ob noch genug Zuschauer einschalten würden.

Jawohl, taten sie, zeigte sich am Montag. Nicht nur die ARD selbst nannte den gemessenen Zuschauer-Erfolg "fulminant". Pressestellen sind ja geschult darin, alles als Erfolg zu verkaufen. Auch die kritischen Zahlen-Experten der Branchendienste schrieben von einem "starken Auftakt" mit fast acht Millionen Zuschauern. Zwar sollten Einschaltquoten-Erfolge eigentlich erst am Schluss bejubelt werden. Besonders bei fortlaufend erzählten Serien, in deren Verlauf neue Zuschauer zunehmend schwerer einsteigen können, muss mit Schwund gerechnet werden. Vor allem daher zeigen deutsche Free-TV-Sender viel lieber Serien mit lauter abgeschlossenen Episoden, und vor allem daran sind ARD-Zuschauer gewöhnt. Doch bislang sieht es so aus, als könnte die ARD mit ihrer Premiere fast ein Jahr danach zufrieden sein.

Zufrieden war zuvor bereits Sky – die deutsche Filiale des nun wohl "für gut 33 Milliarden Euro" vom US-amerikanischen Comcast-Konzern gekauften europäischen Pay-TV-Anbieters – mit dem "Babylon Berlin"-Erfolg bei seinen Kunden. Sogar so zufrieden, dass schon im Sommer die Fortsetzung um eine weitere Staffel angekündigt wurde. Man habe "mit der Serie ein Millionenpublikum begeistert, sei es linear oder on demand", ließ sich der deutsche Sky-Chef Carsten Schmidt dazu zitieren. Und hier ist so viel öffentlich geäußerte Zufriedenheit wirklich mal ein gutes Zeichen.

"Die Zersplitterung der Medienkanäle"

In einem völlig anderen Zusammenhang hieß es im Sommer:

"Die Zersplitterung der Medienkanäle bringt bedeutende Veränderungen: Durch die nachlassende Nutzung tradierter Informationskanäle wie Tageszeitungen, Nachrichtensendungen oder Magazine nimmt das gleichzeitige kollektive Wissen ab. ... Das Verschwinden von Gleichzeitigkeit: Immer weniger Menschen sehen immer weniger gleichzeitig. Es ist zur absoluten Ausnahme geworden, dass von zehn Menschen auch nur zwei am Abend zuvor die gleiche Sendung gesehen haben ...",

– auf Seite 54 der 107-seitigen "Analyse der Bundestagswahl 2017" der SPD (hier als PDF abrufbar).

Diese bemerkenswert scharfe Analyse ihres schlechten Wahlergebnisses trägt den Titel "Aus Fehlern lernen". Ob die Partei aus erkannten Fehlern bereits gelernt hat, darüber ließe sich natürlich streiten. Aktuelle Wahlumfragen sprechen nicht unbedingt dafür. Doch vieles, was in der Analyse steht, stimmt. Das "Verschwinden von Gleichzeitigkeit" bei der Mediennutzung erschwert die Arbeit von Wahlkämpfern der Volksparteien, die vielleicht bald "ehemalig" genannt werden müssen. Vielleicht korreliert Zersplitterung in den Parlamenten, in denen zusehends mehr Parteien Mehrheitsbildungen immer schwieriger machen, mit der der Medienkanäle. So wie Fernsehsender, die sich vorbeugend in immer mehr Kanäle selbst zersplittern, können Parteien ja nicht reagieren.

Dass die Zersplitterung nicht nur Nachteile hat, könnte "Babylon Berlin" zeigen: Wenn bei aufwändigen, vergleichsweise ambitionierten Serien sowohl das öffentlich-rechtliche Fernsehen als auch zusätzlich kostenpflichtige Abonnement-Anbieter wie Sky nach ihren Maßstäben jeweils auf ihre Kosten kommen, können solche teuren Produktionen tatsächlich finanziert werden. Weitere Koproduktionen zwischen Sendern älteren Typs, deren Zuschauerzahl perspektivisch sinkt, und neueren Streamingplattformen mit völlig anderen Nutzern sollten möglich sein, sofern die Qualität und damit Haltbarkeit stimmen. Dann können auch deutsche und europäische Geschichten auf hohem, also teurem Niveau erzählt werden und nicht bloß US-amerikanische, die zuhause ein viel größeres potenzielles Publikum haben und von US-amerikansichen Konzernen, den mit weitem Abstand weltgrößten, global vermarktet werden.

Oder nur zum Hören. Oder grafisch

Übrigens lässt sich die ganze, aus acht Folgen bestehende erste Staffel schon jetzt in der "Das Erste"-Mediathek ansehen, unabhängig von Sendezeiten –  und ohne dass die Abrufe in die Einschaltquote einfließen. Wobei Mediatheken-Abrufe natürlich ebenfalls gezählt werden und deutlich präziser gemessen werden können als die Einschaltquoten-Messung fürs lineare Fernsehen abläuft, die noch immer anhand von "5.000 täglich berichtenden Haushalten, in denen fast 10.000 Personen leben", repräsentativ ermittelt wird. Und wer in Mediatheken nach "Babylon Berlin" sucht, stößt überhaupt auf eine Menge Stoff – etwa noch eine "hochkarätig besetzte Hörspielserie", mit der sogar die (neulich hier erwähnte) "Audiothek"-App eröffnet wurde.

Diese Audio-Serie trägt wiederum den Titel des Romans von Volker Kutscher, auf dem die erste "Babylon Berlin"-Fernsehserien-Staffel basiert, "Der nasse Fisch". Auch ihre Stabliste enthält von Regisseur Benjamin Quabeck, der etwa den Kinofilm "Verschwende deine Jugend" inszenierte, bis zu Sprechern wie Peter Lohmeyer, Uwe Ochsenknecht und Alice Dwyer eine Menge prominenter Namen. Ich habe mir die erste Folge angehört (wofür man die App nicht braucht; die ARD-Mediathek, die außer den Fernseh- ja auch die Radio-Angebote der ARD-Sender enthält, tut's auch). Für meinen Geschmack ertönt zu viele Radio-Geraune – als würden die klangvollen Namen den Umstand, dass sie nicht zu sehen sind, dadurch kompensieren wollen, dass sie jeden Satz umso pointierter aussprechen. Stefan Fischer, der Radio-Experte der "Süddeutschen", war auch nicht sehr begeistert. Doch ist die Hörspiel-Serie kaum so gedacht, dass Zuschauer der Fernsehserie sich anschließend auch noch die Audiofassung derselben Geschichte anhören – sondern für noch ein weiteres Segment im zunehmend fragmentierten Publikum. Wenn die vielfältige Medienlandschaft das auch trägt, umso besser.

Adaptionen des Romans in weiteren Mediengattungen gibt es ja schon länger. Gerade gab die "taz" einen Überblick und zitierte etwa Arne Jysch, Zeichner und Autor der Graphic Novel "Der nasse Fisch": "Die 1920er sind wirklich gerade auf einer Erfolgswelle, es gibt ständig neue Bücher, Filme, Konzerte und Partys." Da lässt sich nur hoffen, dass diese Erfolgswelle auf die Medien- und Patrty-Inhalte beschränkt bleibt – und die späten 2010er Jahre am Ende nicht selbst den späten 1920ern ähnlich werden. Wie die Geschichte um Kommissar Gereon Rath sich romanübergreifend aus letzten Jahren der kurzlebigen Weimarer Republik in die frühe Nazizeit hinein fortentwickelt, macht schließlich einen Schlüsselreiz der Volker-Kutscher-Romane aus.