Medienkolumne

Medienjournalist Christian Bartels wirft jede Woche einen ausgeruhten Blick auf die deutsche Medienlandschaft.

Sprießende Antennen und Smartphone-Zombies

Sprießende Antennen und Smartphone-Zombies
... sowie Influenzmaschinen: Medien und ihre Geschichte im Museum auszustellen, ist nicht ganz leicht. In Mannheim gelang es ziemlich gut.

Ob Medien ins Museum passen, ist eine schwierige Frage. Zunächst müsste geklärt werden, ob es eher um Geräte oder um Inhalte gehen soll. Medienproduktions- und -abspielgeräte haben sich schon immer gewandelt und tun immer noch schneller. Magnetband-Cassetten zum Beispiel, die Töne und dann auch bewegte Bilder aufzeichnen konnten, waren ein enormer Entwicklungsschritt. Zuvor konnten etwa Radio und frühes Fernsehen (das es seit den 1930er Jahren gab, allerdings in kaum noch nachvollziehbaren Formen) überhaupt nicht festgehalten werden, außer ausnahmsweise aufwendig auf Schallplatten beziehungsweise mit Kinofilm-Kameras. Solche Rekorder sind freilich längst von einer komplett anderen, digitalen Geräteart überholt worden, die sich auch schon auf dem absteigenden Ast befindet. Besonders interessant für Museen sind DVD- und Cassettenrekorder eher nicht.

Schöne Museen für Medien-Produktions- und Endgeräte gibt es natürlich. Der Funkerberg in Königs Wusterhausen bei Berlin vermittelt die Faszination des Mediums Radio nicht nur, aber auch wegen der immer noch gewaltigen Reste der einstigen Sendeanlagen gut. Wer durchs Rothaargebirge kommt, sollte in Bad Laasphe das Internationale Radiomuseum anschauen. Jede Menge Empfangsgeräte zeigen, wie die Warenästhetik sich verändert hat (und empfangen teilweise immer noch Radio). Für große Museen ist so was eher kein Rezept, schon weil die kuriosen Geräte oft den buchstäblichen Staub ansetzen, vor dem Museen Angst haben, weshalb sie so gerne Touchscreens oder andere Mitmach-Möglichkeiten installieren.

"Medienexplosion" im 19. Jahrhundert

Die Alternative besteht darin, statt immer schneller wechselnder Abspielgeräte Medieninhalte zu präsentieren: den Film mit dem Gartenschlauch von 1895, das "Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen" von 1954 (das ursprünglich fürs Radio entstand, auch wenn es längst meist in Kombination mit Filmaufnahmen vom Fußball-Finale erscheint) etwa, oder alte Fernsehsendungen. Auch da gibt es interessante Museen, etwa die "Mediathek Fernsehen" im Berliner Filmmuseum mit "rund 10.000 ausgewählten Sendungen in voller Länge", die Besucher innerhalb der Öffnungszeiten zeitsouverän ansehen können. Wobei: Eigentlich hat die Endgeräte-Entwicklung diese sympathische Idee überflüssig gemacht. Jeder kann ja auf beinahe jedem beliebigen Endgerät alle jemals produzierten Medieninhalte auch ortssouverän abspielen. Manchmal kostet es etwas, manchmal verhindern Rechtefragen (etwa die urheber- und kartellrechtlichen, derentwegen es so eine Mediathek wie im Museum nicht einfach im Internet gibt) die Umsetzung. Ein Grund, ein Museum zu besuchen, sind Medieninhalte eher nicht.

Eines der besten Was-mit-Museen in Deutschland setzt gattungsübergreifend und kompakt eher auf Geräte. Es ist die 2018 eröffnete Mediengeschichte-Abteilung im Mannheimer Technoseum (und dass dessen Internetauftritt für sie u.a. mit "sprechenden Schoko-Schallplatten" wirbt, führt in die Irre ...). Um gedruckte Medien geht es dort nicht, auch dafür gibt es ja Museen wie das zu Gutenberg in Mainz, sondern um elektrische. Was für eine "Medienexplosion" es bereits im vorvorigen Jahrhundert gab, machen Telegrafenmasten, ein Typendrucktelegraph mit Klaviertastatur und die nur noch aus ziemlich alten Filme bekannte, einst boomende Kommunikationsform der Telegramme schön deutlich.

Vollständig ist die Sammlung nicht. So könnte man in Göttingen betrübt sein, dass der "erste elektromagnetische Telegraph der Welt" (der dort rekonstruiert besichtigbar ist), in Mannheim keine Erwähnung findet, oder in Aachen, dass die Brieftauben fehlen, mit denen Paul Joseph Reuter, der deutsch-britische Gründer der noch immer bestehenden Nachrichtenagentur, dort kabellos Nachrichten übertrug, wo aus politischen Gründen noch keine Kabel verlegt waren. Dafür erinnert der ab 1865 global standardisierte Morsecode verblüffend an die (noch gar nicht ganz abgeschlossene) Vergangenheit, in der Semi-Emojis à la ;-) auf Tastaturen erzeugt wurden. Dass der Begriff Rundfunk von überspringenden Funken kommt, mag bekannt sein. Dass beim italienischen Pionier Marconi dafür Influenzmaschinen wichtig waren, ist noch ein hübscher Anknüpfungspunkt an eine Gegenwart, in der der Begriff "Influencer" en vogue ist (aber hoffentlich bald durch einen sinnvolleren ersetzt wird).

Willy Brandts roter Knopf

Die Massenmedien Radio und Fernsehen werden mit nachinszenierten Schaufenstern vorgestellt, die auch die Kosten im Vergleich zur Gegenwart spiegeln, und mit gut ausgewählten Hör- und Sehbeispielen: einer Fußball-Länderspiel-Reportage (zum Hören) von 1930 oder einer zum Sehen aus dem Ruhrgebiet, "wo die Antennen sprießen". Schließlich wurde frühes Fernsehen allein über Dachantennen übertragen. Wie die Ruhrpottler, weniger medienerfahren als heutige Menschen, bekunden, dass sie vor Anschaffung eines Fernsehens doch öfter "ein gutes Buch gelesen" (oder sich "mit der Frau unterhalten") hätten, ist unter vielen Aspekten aufschlussreich. Man sieht, dass Radio- und Fernsehgeräte lange Zeit ausgesprochene Möbelstücke waren, angefertigt etwa von einer spezialisierten Wolfenbütteler Firma namens Kuba (der übrigens auch ein Museum gilt). Auch zu sehen sind "das älteste erhaltene Tonbandgerät der Welt", das 1936 nahe Mannheim von der BASF entwickelt wurde, und der rote Knopf, auf den Bundeskanzler Brandt 1967 drückte, um zeitgenössisch-telegen so zu tun, als ob er das Schwarzweißfernsehen auf farbig umgeschaltet hätte.

Natürlich sind ungeheuer große Mobiltelefone ausgestellt. Wer möchte, kann auf sog. Smartphones per App Augmented Reality ausprobieren. Eltern können ihren Kindern nicht nur frühdigitale Geräte zeigen, auf denen sie einst spielten, sondern auch mit ihnen "Retrospiele" wie "Pac-Man" spielen. Die Entwicklung der Fotografier-Geräte spielt eine Rolle: Einst war es ein Fortschritt, dass Menschen Rollfilme aus Automaten mit Platz für ein oder zwei Dutzend Fotos kaufen konnten. Noch aufschlussreicher und unscheinbarer ist die Entwicklung der Datenspeicher: Wie wenig sie kosten und wie wenig Platz sie einnehmen, ist einer der wichtigsten Treiber der Entwicklungen.

Richtig groß ist die Abteilung gar nicht. Mit einem Fernseh-Übertragungswagen des alten Süddeutschen Rundfunks von 1952 geht sie schon über in die zu Autos. Die spielen in Mannheim, das sich als "Geburtsort des Autos" (oder auch des Fahrrads und damit der "Mobilität ohne Pferd" schlechthin) sieht, natürlich eine große Rolle. Das spiegelt, dass Medien-Geräte, wie wichtig auch immer man sie findet, immer ein Teil vieler zusammenhängender Entwicklungen, besonders zur Mobilität, waren.

Was für die Mediengeschichts-Abteilung im Technoseum auch einnimmt: Der großen Frage "Wie verändern Internet und digitale Medien unser Leben?" gilt bloß eine Vitrine. Zur Handvoll Ausstellungsstücke darin gehören etwa "Wearables", ein Facebook-Daumen und als größtes Objekt das schwedische Verkehrsschild zur Warnung vor Smartphone-Zombies, also Menschen, die derart auf ihr Medien-Endgerät fixiert sind, dass sie kaum noch anderes wahrnehmen. Da entwickeln sich besser die Menschen als die Geräte hoffentlich bald weiter. Über künftige Medien-Entwicklungen rätseln ja auch Manager und Forscher in aller Welt (und Politiker und Journalisten, oder sie sollten es zumindest). Von Museen, die über komplexe Vergangenheiten informieren, verlangt niemand Antwort. Das Gefühl, dank guten Überblicks gegenwärtige und künftige Entwicklungen der Medien gelassener betrachten zu können, kann man aus dem in Mannheim aber durchaus mitnehmen.

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