Über die ARD lässt sich gut streiten

... und das ist viel wert. Die spannendste unter vielen Fragen lautet, ob sie den Medienwandel von der Vielzahl nicht besonders trennschärfer Fernsehkanäle hin zu einem guten nichtlinearen Angebot hinkriegt.

ARD ist eine der bekanntesten deutschen Abkürzungen. Vielleicht weiß nicht jeder genau, dass sie für "Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland" steht. Was die drei Buchstaben bedeuten, ist bekannt. (Und dass sie an die alte Abkürzung für "Bundesrepublik Deutschland" erinnern, die aus der Mode kam, seitdem es nur noch ein Deutschland gibt, bloß alphabetisch vorher kämen, hat vielleicht auch was zu bedeuten).

Die ARD ist ein riesengroßer Laden, sozusagen der 29-größte Medienkonzern der Welt, der eine unglaubliche Menge Inhalte bietet. Für jeden etwas und noch viel mehr. Ob jeder (oder jede) in der Fülle der Fernsehkanäle, Radiosender und Internetangebote der ARD immer findet, was für sie (oder ihn) interessant und relevant wäre, ist eine andere Frage. Man kann lange und gut über die ARD streiten

Die Intendantinnen und Intendanten der neun Mitgliedsanstalten treffen sich mehrmals im Jahr, um Themen abzuarbeiten, und halten hinterher eine Pressekonferenz. Die Ergebnisse sind selten sehr bemerkenswert, weil alles halbwegs Spektakuläre schon vorher an die Öffentlichkeit kommt. Aufschlussreich können solche PKs dennoch sein. Gestern in Berlin war ich dabei. (Und hier mal wieder Offenlegung, auch wenn Sie's längst wissen: Das Altpapier erscheint inzwischen beim MDR, also einer ARD-Mitgliedsanstalt.)

Wenn der amtierende ARD-Vorsitzende, der Bayerische-Rundfunk-Intendant Ulrich Wilhelm, über "die Berichtenden" und "Berichterstattenden" spricht (um sprachlich unangreifbar zu sein, ohne zeitraubend die weibliche und die männliche Form nutzen zu müssen) oder routiniert das "Stichwort Digitalisierung" einwirft, das vieles prima verkürzen kann, merkt man: Er war mal Regierungsssprecher (der ersten Merkel-Regierungen von 2005 bis 2010). Das hilft eher nicht dabei, Staatsferne zu verkörpern, die ja zurzeit häufig bezweifelt wird, aber vielleicht dabei, den großen Laden zu lenken. Und über "die zunehmende Polarisierung in unserem Land" würde Steffen Seibert gewiss nicht so sprechen, wie Wilhelm sie gestern konstatierte.

Kitt für die polarisierte Gesellschaft?

Tun die ARD und ihr Nachrichten-Flaggschiff "Tagesschau" etwas gegen die Polarisierung? Auch darüber lässt sich streiten, und wenn das öffentlich geschieht, ist es immerhin gut. Was Wilhelm außerdem sagte: "Es gibt keine Trennschärfe zwischen Unterhaltung und Information". Die derzeit größte Angst bei den Öffentlich-Rechtlichen ist, dass die Bundesländer die "ungeteilte Beauftragung" für ein "Programmangebot mit Inhalten in Information, Bildung, Beratung und Unterhaltung" ändern, nämlich stärker auf Kultur und Information konzentrieren könnten – und weniger auf Unterhaltung. Für "Unterhaltung als gleichberechtigten Teil unseres Auftrags" sprach sich gestern ARD-Programmdirektor Volker Herres aus, der sein Programm auch mal gerne als "Kitt, der die Gesellschaft zusammenhält", bezeichnet.

Einwenden ließe sich: Gleichberechtigung mit Unterhaltung müsste die Erhöhung der Anteile von Kultur und Information bedeuten. Und an Trennschärfe zwischen Unterhaltung und Information mangelt es zumindest in stark formatierten Fernsehprogrammen. Wenn beispielsweise keine Informationssendung ohne Untermalungsmusik auskommt,  sind Grenzen schnell verschwimmen. Ein weiteres Thema, über das sich streiten ließe ...

Ansonsten betonte Herres, der Marktanteile und Einschaltquoten stets streng im Blick hat, etwa auch den Erfolg der "European Championships", die ARD (und ZDF) im August ausführlich übertrugen. Bei mehreren "kleineren Sportarten" habe sich das "Publikum verdoppelt". Einwenden ließe sich: Über lange Zeit haben die Öffentlich-Rechtlichen durch lange Berichte über teuer eingekaufte Fußballspiele die kleinen Sportarten ja auch so an den Rand gedrängt, dass das Publikum stark geschrumpft war. Kleine Mengen zu verdoppeln ist dann keine ganz große Kunst.

Lorenz Wolf ist zurzeit Vorsitzender der Gremienvorsitzendenkonferenz, was auch ein feiner Begriff ist. Schließlich obliegt die Kontrolle öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten allein "weisungsunabhängigen Vertretern verschiedener gesellschaftlich relevanter Gruppen" (und wie gut diese ehrenamtliche Kontrolle in der Praxis des globalen Wettbewerbs aller Medienkonzerne funktioniert, ist schon wieder etwas, worüber gestritten werden kann). Gestern ermutigte Wolf die Anstalten, "'Public Value' in den Vordergrund zu rücken", statt immer in einer Verteidigungshaltung zu verharren. Das ist eine gute Idee. Bloß, wenn immer zwischen zwei Sendungen drei laute Trailer auf demnächst folgende Sendungen aufmerksam machen müssen (von denen mindestens eine ein Krimi ist), ist so ein "Public Value"-Eindruck nicht ganz leicht zu erzeugen.

Dann berichtete noch RBB-Intendantin Patricia Schlesinger vom Erfolg des ARD-Auftritts auf der Internationalen Funkausstellung. Da hatten viele Programm-Macher, die wirklich über ihre Sendungen diskutieren wollten, die Besucher überrascht. In mehr als 1.000 Gesprächen habe es auch Kritik gegeben, berichtete Schlesinger: zum Beispiel, dass zuviel Sport gesendet würde und dass zu wenig Sport gesendet würde, und dass zu wenig Krimis oder zuviele gesendet würden. Genau das sind natürlich die schönsten Formen von Kritik, die man sich denken kann: Wenn die einen das eine Extrem kritisieren und andere genau das Gegenteil, heißt es ja, dass man genauso weitermachen sollte wie bisher.

"Die beste Plattform für alle Videos"?

Und über digitale Neuerungen der ARD wurde berichtet: über die Audiothek, die die sehr vielen Hör-Angebote als App verfügbar macht, und die neue Mediathek, die in einer Beta-Version online steht und im Winter das reguläre Mediatheken-Angebot der ARD (das der uebermedien.de-Artikel "Die Mediatheken von ARD und ZDF: ein Horrortrip" noch immer ganz gut trifft ...) ablösen soll. Die Audio-App hätten "Studierende, Anfang 20" entwickelt, sagte Ulrich Wilhelm. Die neue Mediathek hegt den hehren Anspruch "in Deutschland die beste Plattform für alle Videos von Nachrichten bis Spielfilm zu sein", lässt SWR-Intendant Peter Boudgoust, der auch den neuen Titel "Online-Intendant der ARD" trägt, ausrichten. Und das dürfte der für den großen Laden ARD mittel- und langfristig entscheidende Punkt sein: der Wendepunkt, an dem das lineare Programm, das vor allem älteres Publikum (das der ARD ist im Schnitt über 60) einschaltet, weniger wichtig sein wird als nichtlineare Angebote, die jüngere Leute nutzen – wenn überhaupt.

Dann wird die unglaubliche Fülle von Inhalten anders sichtbar sein als zurzeit in wenig trennscharfen Kanälen, die einschaltquoten-optimiertes Unterhaltungsprogramm mit Informationsanteilen liefern. Dann müsste es, nur zum Beispiel, möglich sein, Zuschauern, die unterhaltsam ein bisschen informiert werden wollen, ein Angebot zu machen, und solchen, die Informationssendungen oder Dokumentarfilme gerne trennscharf ohne Entertainment-Beiwerk sähen, auch eines. (Und niemand dürfte der ARD noch vorwerfen, dass sie zu wenige Krimis produzieren würde, denn der wäre extrem ungerecht.)

An Möglichkeiten, solche Angebote erstellen zu können, arbeitet die Arbeitsgemeinschaft der Rundfunkanstalten bemerkenswert rege. Das ist die gute Nachricht von der jüngsten Pressekonferenz. Man kann sich über vieles in der und an der ARD aufregen und begründet unterschiedliche Ansichten vertreten – aber etwas Besseres, als dass lebhaft darüber gestritten wird, können öffentlich-rechtliche Angebote, die alle bezahlen müssen, auch kaum erreichen. Damit müssen sie umgehen, und das tut die ARD zunehmend auf der Höhe der Zeit.