Medienkolumne

Medienjournalist Christian Bartels wirft jede Woche einen ausgeruhten Blick auf die deutsche Medienlandschaft.

Journalismus in der Erregungsökonomie

Journalismus in der Erregungsökonomie
... bleibt ein spannendes Echtzeit-Experiment: weil völlig unklar ist, was daraus wird. Die letzte Medienkolumne auf evangelisch.de.

Kürzlich in der "Süddeutschen", in einem Kommentar zum Urteil nach dem tödlichen Messerangriff in Chemnitz, stand das Wort "Aufregungsgesellschaft". Neu ist der Begriff nicht, aber er trifft. Zum Beispiel Twitter. Klar, diese Plattform darf in ihrer Bedeutung keinesfalls überschätzt werden, schon weil dort vor allem oder sogar "nur Politiker, Journalisten und Psychopathen unterwegs" sind (Dorothee Bär). Weil diese Zielgruppen wirkungsfixiert sind, darf aber auch nicht unterschätzt werden, wie die dort gesetzten Trends Aufregung entfalten.

Ein kaum überschätzbarer Vorteil Twitters besteht darin, dort früher als irgendwo sonst Themen erkennen zu können, die gerade im Moment wichtig werden. Nachteile bestehen etwa darin, gleich alles, was "trendet", für potenziell wichtig zu halten, und darin, schnell den Wunsch zu verspüren, sich auch selbst dazu zu äußern, wenn so viele es tun. Twitter "triggert" (Robert Habeck), und neue Rezepte, statt der neuesten "die besten Tweets zuerst" anzuzeigen, verstärken das noch. Die "besten" sind die Tweets, die die meisten Reaktionen hervorriefen oder -rufen können. Irgendeine Aufregung entsteht so immer – ob es um die SPD und ihr neuestes Kandidaten-Gespann geht, um brennende Regenwälder und deren Bedeutung für die Zukunft der Menschheit oder um das, was ein Privatfernseh-Komiker im ZDF sagte. Konkrete Folgen hat es (außer für einzelne, die in die berüchtigten "Shitstorms" geraten) fast nie – abgesehen davon, dass die Wichtigkeiten nachhaltig verschwimmen.

Große Buchstaben auf kleinen Fotos

Die Rolle der Medien und des Journalismus? Erstmal sind das zwar leicht zu verwechselnde, aber nicht identische Kategorien. Medien sind eher Infrastrukturen, weshalb große Plattformen "soziale Medien" genannt werden können. Sie bieten viele unterschiedliche Inhalte, vor allem unterhaltende und informierende (was nicht notwendig dasselbe ist, aber ebenfalls verschwimmt). Und sie entwickeln sich dahin, einerseits immer mehr davon auf Abruf anzubieten, und andererseits Neues strategisch, also unter reizstarken Überschriften zu bestmöglichen Zeitpunkten auf den Plattformen auszuspielen. Dort halten sich ja immer größere Teile des getriggerten Publikums auf. Journalistische Medien erreichen mit traditionell "gebündelten" Paketen wie Zeitungen oder Nachrichtensendungen weniger Publikum, dafür potenziell mehr mit einzelnen Artikeln oder Videos. Oder zumindest mit Posts, Teasern oder Überschriften, die auf Artikel und Videos verweisen.

Journalismus steht, lange schon und dennoch zunehmend, von mindestens vier Seiten unter Druck. Bei Pressemedien sinken die Auflagen, die immer noch die sichersten Einnahmen bringen. Das kann das Internet in all seinen Formen reichweiten-technisch wettmachen, aber kaum einnahme-technisch. Die ohnehin bescheidene Finanzierung durch Onlinewerbung steht unter Druck, da die globalen Plattformen immer noch dominanter werden. Der dritte Faktor ist die technisch erreichte Echtzeit, unter deren Bedingungen alles läuft. Das wird noch oft unterschätzt (nur zum Beispiel: wie sehr Zeitungen darum wetteifern, wenigstens in Meistzitierten-Ranglisten oben zu stehen).

In diesen Wettrennen rennen alle mit. Die Deutsche Presseagentur, die gerade 70 Jahre alt wurde, musste kürzlich eine "zu weitgehende Wiedergabe der Worte" eines Interviewten einräumen, nachdem die Aufregung über ihre Schlagzeile "CDU-Politiker: Grundschulverbot für Kinder, die kein Deutsch können" überhand genommen hatte und Carsten Linnemann darauf verweisen konnte, das gar nicht so gesagt zu haben. Das taugt nicht groß als Vorwurf, sowas ist gängige Praxis. Überschriften müssen zuspitzen und provozieren, sonst sind es keine guten. Formal müssen sie auf "Quotecards" passen, also in großen Buchstaben auf kleine Fotos, die überall ausgespielt werden und zum zustimmenden oder kritisierenden Weiterverbreiten animieren. Solange der Absender erkennbar bleibt, ist das ein Kern des Geschäfts der Aufmerksamkeit-Erzeugung.

Wörter auf Goldwaagen

Großes Unrecht ist dem zuvor nicht sehr bekannten CDU-Mann auch nicht widerfahren. Politiker sind ja gut beraten und bezahlen aus ihren Abgeordnetenentschädigungen (die im Bundestag inzwischen 10.000 Euro im Monat übersteigen) Social-Media-Teams, die selber aufmerksamkeitsheischende Zitate in die Diskurse einspeisen. Deutsche Politiker, die nicht auf ihre Weise dem erfolgreichen Vorbild Donald Trump nacheifern, gibt es kaum noch. Das bildet den vierten Druck-Faktor für journalistische Medien: Alle Akteure der Öffentlichkeit, außer Politikern auch sonstige Prominente und Konzerne, die einst viel mehr Werbung schalteten, degradieren journalistische Medien zu Weiterverbreitungskanälen. Wie fast alles, was im Mediengeschäft läuft, verstärkt dieser Mechanismus sich von selbst: Wer bisher jeden dritten Trump-Tweet zitierte, also (wenn auch kritischer analysierend) weiterverbreitete, kann weder plötzlich damit aufhören, noch wichtige Politiker, die jetzt auch twittern, ignorieren.

Was dagegen helfen könnte – unklar. Überall wird gründlich oder fieberhaft überlegt und ausprobiert. Erfolgreiche Ansätze gibt es natürlich. In einer ausdrücklich "ausgeruhten" Medienkolumne wie dieser, die ich hier zwei Jahre lang schrieb, wäre guter Rat billig. Ich konnte mir ja sogar leisten, werblich geprägte Begriffe wie "Smartphone" oft mit einem "sogenannt" davor zu verwenden. "Wörter wieder auf Goldwaagen legen" und bei Aufregungserzeugung nicht mitzumachen, wenn es nicht um wirklich Wichtiges geht, hülfe ein wenig, würde ich dementsprechend sagen.

Schon einzelne Worte erregen oft (und keineswegs immer zu Unrecht) Aufregung. "Siedler" ist ein aktuelles Beispiel. "Zwischenfall" oder "Vorfall" für Vor-den-Zug-Stoßen klingt verharmlosend; da wäre selbst der nur aus dem Nachrichtenjargon bekannte juristische Behelfsbegriff "Tötung" sinnvoller. Und "alle zwei bis drei Tage wird in Deutschland eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet. In den Medien erscheint das als Eifersuchtstat, Familientragödie, Ehrenmord", beklagte gerade mit Recht das BR-"MedienMagazin".

Ein Wort, das immer Aufmerksamkeit erzeugt, aber bewusster benutzt werden sollte, ist "Rechte". "#MitRechtenReden" heißt ein Dauer-Trend. In der gemeinten Sache sprechen sowohl Gründe dafür, mit Rechtsextremen zu streiten, ihre Argumente zu hören und möglichst zu widerlegen, als auch dagegen. Das könnte diese Argumente normaler erscheinen lassen als sie sind. Ich würde sagen, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen (aus dem, anders etwa als aus der Kirche, niemand austreten kann) mit allen reden muss, die auf dem Boden des Grundgesetzes stehen. Medien, die sich anders finanzieren können, können das halten, wie es ihnen passt. Wenn unterschiedliche Ansätze verfolgt werden, zeigt das am besten, welche besser funktionieren. Doch der Punkt ist das Wort.

Das Teekesselchen "Rechte"

Rechts und links sind historisch gewachsene Begriffe, die vermutlich jeder Mensch leicht anders interpretiert. Sicher ließe sich für Deutschland rasch analysieren, dass es hier zurzeit keine gemäßigt rechten Parteien gibt, da die Unionsparteien von eher rechts in die Mitte gerückt sind und Parteien, die sich rechts neu bildeten, so weit nach rechts rückten, dass sie die Attribute "-extrem", "-radikal" oder zumindest das diffuse "-populistisch" verdienen. Gestattet es diese Momentaufnahme aus einem Land, nun halt diese Parteien einfach "rechts" zu nennen?

Auch wenn trendchartsfähige Begriffe und Quotecards, Push-Nachrichten und Überschriften kurz und griffig sein müssen, müssten Journalisten dennoch Platz für einen Zusatz wie "-extrem" finden. Nicht zuletzt, weil das Wort "Rechte" ein Teekesselchen mitten im Politikressort ist. Wenn, nur zum Beispiel, "Mädchen für mehr Rechte kämpfen", engagieren sie sich meist nicht für die AfD. Es könnte bloß so wirken in der Schlagzeilenflut, die allen Mediennutzern laufend begegnet. Das ist penibles Worte-auf-die-Goldwaage-Legen, klar, aber etwas, das zum Journalismus gehört.

Natürlich glaube ich nicht, dass präzises Formulieren im Echtzeit-getriebenen Journalismus, der nicht nur, aber auch mit allen journalistischen Medien der Welt um Aufmerksamkeit konkurriert, schnell viel hilft. So wie die Dinge und Geschäfte laufen, schadet es wahrscheinlich auch schneller mehr, einzelne Aufregungen auszulassen. "Stellen wir uns einen Moment vor, es gäbe das Internet nicht", argumentierte kürzlich Jörg Schieb im WDR-Blog "Digitalistan": "Wir hätten auch deutlich weniger Druck im Journalismus und vermutlich mehr Qualität". Da ist etwas dran. "Erregungsökonomie" lautete da der Begriff für "Aufregungsgesellschaft".

Was genau dem Journalismus hilft, ist völlig unklar. Klar scheint nur, dass zumindest nicht allem Journalismus, der zurzeit noch betrieben wird, langfristig zu helfen sein wird. Es ist ein Experiment mit offenem Ausgang – also ein spannendes. Das Ergebnis wird bestens analysiert werden können, weil Mediennutzungsdaten in unübersehbarem Ausmaß auflaufen. Befriedigend wird es allerdings erst analysiert werden können, wenn das Experiment halbwegs abgeschlossen ist.

 

Dies war die letzte evangelisch.de-Medienkolumne. Wenn Sie weiter von mir lesen wollen: @chrbartels (auf Twitter).  

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