Die Größten wachsen am meisten

Die größten Medienkonzerne der Welt werden immer größer – und haben mit Europa immer weniger zu tun. So egal, wie es im Überangebot der Medien scheinen mag, ist das nicht.

Google ist nicht mehr der größte Medienkonzern der Welt. Das zeigt die neue Liste der "50 größten Medien- und Wissenskonzerne der Welt 2018", die seit kurzem im Internetauftritt des neuen "Jahrbuchs Fernsehen" verfügbar ist. Dort belegt Alphabet, wie der Google-Konzern seit 2015 heißt, nur noch Platz zwei. Zeigt das, dass Wettbewerb funktioniert, und ist also eine gute Nachricht für Menschen, die dem Datenkraken mit Quasimonopolen bei Internet- und Videosuche skeptisch gegenüber stehen?

Eher nicht, sagen die Details: Der Umsatz, anhand dessen das Kölner Institut für Medien- und Kommunikationspolitik (IfM) die Liste erstellt, stieg bei Alphabet von umgerechnet fast 82 auf über 98 Milliarden Euro 2017 – um über 16 Milliarden Euro in einem Jahr also. Das hätte locker gereicht, erster zu bleiben, wären nicht die Konzerne, die im Vorjahr die Plätze 4 und 6 belegten, zusammengegangen: Die AT&T Entertainment Group aus dem kalifornischen El Segundo hat für "rund 73 Milliarden Euro" Time Warner Inc. aus New York übernommen und führt nun "mit einem konsolidierten Umsatz von fast 170 Milliarden Euro" die Liste an.

Time-Warner dürfte vielen deutschen Mediennutzern etwas sagen: Der Name rührt einerseits vom bekannten "Time Magazine" her, das immer die "Person of the Year" kürt und 2015 Angela Merkel gekürt hatte (auch wenn die Zeitschrift schon weiter verkauft wurde, just wieder an einen Internet-Milliardär, Salesforce-Chef Marc Benioff ...), andererseits vom ebenso traditionsreichen Filmstudio. Allerhand Fernsehen gehört längst ebenfalls zu Warner, CNN und "Game of Thrones" etwa.

"Tatsächlich hat der AT&T-Deal ganz neue Zeichen im globalen Medienmarkt gesetzt. Nun gehört auf einmal zusammen, was bisher nicht zusammengehörte: Telefonnetze, Internetverbindungen und Bewegtbilder aller Art. Eine neue 'Konvergenz' von Vertrieb und Medieninhalten soll die Kunden beglücken und zu Umsatzsprüngen führen. Das ist das neue Gesetz der Branche. Motto: Alles aus einer Hand",

schrieb dazu das "Handelsblatt". Unter den Top Ten befinden sich nur zwei nicht-US-amerikanische Konzerne: Tencent, "eine Investment Holding Firma aus China, die neben den Bereichen E-Commerce, Webportalen und Social Media-Applikationen auch in den Bereichen Multiplayer Online-Games aktiv ist" (wie der IfM-Internetauftritt mediadb.eu informiert) sowie Sony aus Japan. Größte Europäer sind die Altice Group, die in Deutschland kaum jemand kennt (die Firma des marokkanischen Unternehmers Patrick Dahi ist vor allem in Frankreich und auch in den USA aktiv) und Bertelsmann: Die Gütersloher, die einst der größte Medienkonzern der Welt waren, sind heute mit ihrer RTL-Group, dem Penguin-Verlag und dem Dienstleistungs-Zweig Arvato (bekannt etwa durch Lösch-Dienste für Facebook, das auf Platz 6 stieg) noch der fünfzehntgrößte Medienkonzern. Ihr gesamter Jahresumsatz ist 17,19 Milliarden Euro etwas mehr als Google/ Alphabets Jahreswachstum.

Hohe Zahlen und Hollywood-Namen

Hat das für deutsche Mediennutzer außer kurios hohen Zahlen etwas zu bedeuten? Zunächst Hollywood-Namedropping, wie zum Beispiel das laufende Rennen um Rupert Murdochs Medienimperium zeigt. Klar scheint, dass Disney (von 3 auf 4) die US-amerikanische 21st Century Fox übernehmen wird. Dadurch dürfte deren bisheriger Haupteigentümer Murdoch etwa neun Prozent am neuen Disney halten. Das heißt, beim Konzern, an dessen niedliche Zeichentrickfiguren sich inzwischen wohl jeder Zeitgenosse aus seiner Kindheit erinnert (was nicht heißt, dass Marvel und "Star Wars" nicht auch zur Markenwelt gehörten), wird der Mann entscheidend mitmischen, der den umstrittenen Lieblingssender des amtierenden Präsidenten Trump besitzt: Sein Fox News verkauft Murdoch nicht. Bloß wem genau Sky, der europaweit tätige Pay-TV-Konzern, demnächst gehören wird, ist noch offen. Da ist noch Comcast, derzeit drittgrößter Medienkonzern der Welt, im Spiel (dwdl.de).

Andererseits, deutsche Nutzer haben eine riesige Auswahl. Sogar das Angebot an ambitionierten deutschen Serien steigt und steigt. Sky bietet eine Menge davon (im November kommt "Das Boot" ), Netflix und Amazon auch. Da läuft im Oktober "Deutschland 86"an, die "Deutschland 83"-Fortsetzung, die wieder die Bertelsmann-Firma Ufa produzierte. Und die ARD – die vom IfM auch als Konzern gewertet wird, obwohl die "Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten" sich selbst nicht so sieht, und auf Platz 29 zweitgrößter deutscher ist  – sowie das ZDF zeigen ja sowieso jede Menge deutscher Produktionen. Kann das rasante Wachstum der internationalen Konzerne deutschen Nutzern also egal?

"Man kann es ja mal mit einer Analogie versuchen: wäre es für den deutschen Bankkunden oder normalen Sparkassen-Angestellten hilfreich gewesen, vor der Lehman-Pleite etwas über US-Investmentbanken, Subprime-Darlehen oder Credit Default Swaps zu wissen?", fragt IfM-Direktor Lutz Hachmeister auf die evangelisch.de-Frage zurück. "Und für den internationalen Entwicklungs-, Produktions- und Sendermarkt sind die Aktivitäten von Konzernen wie Netflix oder jetzt AT&T/ Warner kardinal."

"Kultureller Imperialismus"?

Noch einen Grund, aus dem die Entwicklungen nicht egal sind, nannte in einem zeit.de-Interview der britische Regisseur Peter Kosminsky. Mit Bezug auf Netflix, das eigentlich alle loben (obwohl es das Attribut "Datenkrake" durchaus verdient ...) sagte er:

"Ich möchte die Vorteile der Streaminganbieter und Video-on-Demand-Dienste nicht herunterspielen, sie machen großartige Sachen, bringen neues Geld in den Kreislauf und erreichen eine ganz neue Zielgruppe. Meine Angst ist aber, dass sie keine Koexistenz mit den heimischen Sendern anstreben, sondern diese zerstören möchten. Für mich ist das kultureller Imperialismus."

Kosminsky zufolge gehen die Streaminganbieter "inzwischen keine Koproduktionen mehr mit britischen Sendern ein". Dass Anbieter wie Netflix, Amazon und Sky erst mal viel Geld in die Hand nehmen, um sich in neuen Märkten zu etablieren und dann, wenn Konkurrenz schwächer geworden ist, mehr Wert auf mehr Einnahmen und geringere Ausgaben legen, ist jedenfalls denkbar. Dass Fußballfans zur gerade angelaufenen Champions League-Saison ohne ein Abo gar nichts mehr und mit bloß einem Abo auch nicht mehr alles sehen können, weil abermilliardenschwere, global agierende Konzerne die immer teureren Sportrechte gleich europaweit einkaufen können, ist eine Folge der dynamischen Medien-Globalisierung.

Viel Geld fließt offenkundig dann, wenn Konzerne die Chance wittern, zu einer globalen, möglichst konkurrenzlosen Plattformen werden zu können. Sei es, durch real existierende Infrastrukturen, die wichtig bleiben, wie das AT&T-Telefonnetz, sei es über Internetangebote, die vielen Nutzern unverzichtbar erscheinen, wie Google und sein Youtube.

"Provinzielle, schläfrige Medienpolitik"

Und in diesen Bereichen hat vieles, was die ganz großen Konzerne anstellen, auch in Europa weit mehr Bedeutung als es auf die ersten Blicke scheinen mag. Nur zum Beispiel, wie geschickt es Youtube versteht, seine Nutzer auf Videos zu lenken, die sie nächstes ansehen sollen. Die "New York Times" berichtete kürzlich unter der Überschrift "As Germans Seek News, YouTube Delivers Far-Right Tirades", wie Youtube Deutschen, die nach Inhalten zum Thema Chemnitz suchten, vor allem Rechtsradikales empfiehlt. Was "the platform's recommendation system" gewiss nicht aus politischer Überzeugung tut, sondern um weiter zu wachsen. Wer mit Werbung Geld verdient, muss lange Verweildauern erzeugen. Ob Youtube außerdem durch Abo-Gebühren Geld verdienen kann, probiert es mit exklusiven Inhalten deutscher Youtuber wie LeFloid und Gaststars wie David Hasselhoff (dwdl.de) für 11,99 Euro im Monat gerade auch aus.

Solche Aktivitäten sind natürlich nicht schlimm, einstweilen eher im Gegenteil. Sie bringen das "neue Geld" in den "Kreislauf" (Kosminsky), von dem Produzenten profitieren. Und dass

"die Medienlandschaft in Deutschland so vielfältig ist und weder einzelne gesellschaftliche Gruppen noch der Staat die öffentliche Meinung einseitig beeinflussen könnten",

betonte kürzlich die KEK, die kleine Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich – allerdings um dann die Warnung auszusprechen, "dass das deutsche Medienrecht ... Übernahmen und Zusammenschlüsse gegenwärtig nicht adäquat erfassen kann". Die Medienpolitiker der Bundesländer haben ja alle Hände voll damit zu tun, für schwierige Fragen rund ums öffentlich-rechtliche Fernsehen Kompromisse zu finden. Ohne viel Resonanz forderte die KEK ein "umfassendes Vielfaltsicherungsmodell" und "Konzentrationskontrolle" auch für den deutschen Medienmarkt.

Jedenfalls: Wie die Entwicklung der zusammenwachsenden Medien auf vielen Ebenen zwischen den Kabelnetzen, durch die Fernsehen und Internet kommen, und den in diesem Internet dominanten Netzwerken von rasant wachsenden Unternehmen in anderen Erdteilen und ganz anderen Dimensionen vorangetrieben wird, verdient auch in Europa und Deutschland mehr Beachtung.

"Es wird auf allen möglichen Online-Plattformen und auch in den Fachblättern doch schon sehr viel darüber berichtet", sagt Lutz Hachmeister, doch "was meist zu kurz kommt, ist die politische Komponente der Medienkonzern-Kulturen: Lobbying oder explizit politische Ambitionen (wie jetzt wieder von Bloomberg). Da gibt es mal den einen oder anderen Artikel über Google oder Springer, aber besonders systematisch wird da nicht beobachtet. Und Medienkritiker könnten ihr Wissen nutzen, etwa in Zusammenarbeit mit Stiftungen, die doch sehr provinzielle und schläfrige deutsche Medienpolitik stärker unter Druck zu setzen."