Bäume schlagen immer früher aus

Frisches Blattgrün am Ast einer Hainbuche im Bremer Bürgerpark
epd-bild/Dieter Sell
Schon Mitte April zeigt sich frisches Blattgrün am Ast einer Hainbuche im Bremer Bürgerpark.
Folge des Klimawandels
Bäume schlagen immer früher aus
Vom Klimawandel bis zum Kulturgut: Was die Forschung über Deutschlands Bäume weiß - und warum sie für Menschen und Umwelt unverzichtbar sind.

"Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus" dichtete der Lübecker Lyriker Emanuel Geibel 1841 in seinem berühmten spätromantischen Gedicht. In einer Version des gebürtigen Osnabrückers Justus Wilhelm Lyra (1822-1882) wurde es als Frühlings- und Wanderlied populär - und gehört bis heute zum Kanon der prominenten Volkslieder. Doch stimmt das noch: im Mai treiben die Bäume aus? Wissenswertes, Kurioses und Poetisches über die "grünen Lungen", die für das Klima unverzichtbar sind.

Wie viele Bäume gibt es in Deutschland?
Eine schwierige Frage. Anhaltspunkte dazu finden sich in der Bundeswaldinventur, die das Braunschweiger Thünen-Institut für Ländliche Räume, Wald und Fischerei alle zehn Jahre aufstellt. Nach der vierten und jüngsten Hochrechnung, die im Oktober 2024 veröffentlicht wurde, stehen in Deutschlands Wäldern rund 100,4 Milliarden Bäume, die höher als 20 Zentimeter sind - meistens Kiefern, Fichten, Buchen und Eichen. "Die Bundeswaldinventur erhebt nur Daten über den Wald", schränkt Nadine Kraft ein, Sprecherin des Bundesforschungsinstitutes. Sie sage nichts über Bäume außerhalb des Waldes, etwa in Parks, Siedlungen und auf landwirtschaftlichen Flächen.

Wann schlagen die Bäume aus?
Zunächst einmal eine Begriffsklärung: Vom Ausschlagen wird gesprochen, wenn sich im Frühjahr die ersten frischen Blätter, Triebe und Knospen entfalten. Und da sei der Mai als Orientierungsmarke "nicht mehr zeitgemäß", sagt Anja Engels vom Deutschen Wetterdienst. Sie koordiniert in der Bundesanstalt mit Sitz im hessischen Offenbach die Phänologie, die bundesweit Daten zur Pflanzenentwicklung sammelt und dokumentiert. "Unsere phänologische Uhr zeigt aufgrund der Klimaerwärmung über die Jahre einen immer früheren Blattaustrieb", erklärt die Expertin.

Beispiel Rotbuche: In den 1990er Jahren reichte die Blattentfaltung noch an den Mai heran, mittlerweile liegt sie in der ersten Aprilwoche. Wobei sich die Entwicklung Engels zufolge regional durchaus unterschiedlich zeigt. "Im Norden und Nordosten später, im Süden und vor allem im wärmeren Rheingraben früher." Hasel, Weiden und Birken gehören zu den Bäumen, die zuerst austreiben, Rotbuchen und Eichen zu den "Spätzündern". Platanen halten sich vielerorts noch an das Lied und schlagen erst im Mai aus.

Sind Bäume für das Klima wichtig?
Absolut. Sie produzieren Sauerstoff, senken die Umgebungstemperatur durch Schatten und Verdunstung. Sie filtern Schadstoffe aus der Luft, binden Kohlenstoff und wirken besonders in Städten als wichtige Klimaanlagen. Ein kräftiger Baum produziert ungefähr so viel Sauerstoff, wie bis zu zehn Menschen zum Atmen benötigen. Allerdings setzt ihnen der Klimawandel verbunden mit Dürre, Sturmschäden und Käferbefall auch mit Blick auf ihre Funktion als Kohlenstoffspeicher zu. So sind die Wälder laut Thünen-Institut im Zeitraum zwischen 2017 bis 2022 zu einer CO2-Quelle geworden. Auch deshalb ist der Umbau hin zu klimaresilienten Mischwäldern so wichtig.

In Liedern tauchen Bäume oft als Symbole für Naturverbundenheit, Beständigkeit, Heimat und Erinnerung auf. So 1968 in einer Komposition der deutschen Schlagersängerin Alexandra. Mit ihrem melancholischen Chanson "Mein Freund, der Baum" gelang ihr womöglich "der erste Öko-Song der Popgeschichte", wie es 2009 im "Spiegel" hieß. Drei weitere Lieder zu Bäumen, die erfolgreich waren: "Lemon Tree" (Fools Garden), "Der Baum des Lebens" (Rolf Zuckowski) und "Alt wie ein Baum" (Puhdys).

Wie alt kann ein Baum werden?
Uralt, sagt der Dresdner Baumforscher Andreas Roloff. Er ist Leiter eines Kuratoriums, das sich in der Deutschen Dendrologischen Gesellschaft, einer Vereinigung für Baumkunde, dafür einsetzt, Methusalembäume zu schützen. Das geschieht über ein Programm, mit dem "Nationalerbe-Bäume" identifiziert und finanziell unterstützt werden. Roloff zufolge steht der älteste Baum Deutschlands im Oberallgäu. Dabei handelt es sich um die Ureibe bei Steibis.

"Sie dürfte glaubhaft 1.100 Jahre alt sein", schwärmt der Forstbotaniker.
Als "glaubhafter Tausender" wenig jünger ist die Sommer-Linde in Upstedt bei Hildesheim. Die "Dicke Linde" im emsländischen Heede - mit einem Stammumfang von mehr als 17 Metern einer der mächtigsten Bäume Europas - wurde im Oktober 2019 als erster "Nationalerbe-Baum" ausgerufen.

Bäume umsorgen ihren Nachwuchs, pflegen Freundschaften, haben Gefühle und ein Gedächtnis: Davon ist jedenfalls der Förster und Bestseller-Autor Peter Wohlleben überzeugt, der unter anderem in seinem Buch "Das geheime Leben der Bäume" diese Zusammenhänge beschreibt. Andere entdecken den Forst für ausgedehnte "Waldbäder", unter anderem zum Stressabbau. Der Literaturnobelpreisträger Hermann Hesse verehrte Bäume als "eindringlichste Prediger" und schrieb 1919 in poetischer Prosa: "Wenn wir traurig sind und das Leben nicht mehr gut ertragen können, dann kann ein Baum sprechen: Sei still! Sei still! Sieh mich an! Leben ist nicht leicht, Leben ist nicht schwer!"