Gläubig und queer in Ungarn

Judit Gyarfas ist queere Pastorin in Ungarn

©Kerstin Söderblom

Judit Gyarfas ist queere Pastorin in Ungarn.

Gläubig und queer in Ungarn
Judit Gyarfas ist Theologiestudentin und Assistenzpastorin der Gemeinde der “Hungarian Evangelical Fellowship”. Sie ist gläubig, christlich und queer. Sie ist eine von mehreren Personen, die in diesem Jahr die Jahrestagung des Europäischen Forums christlicher LSBT*-Gruppen in Budapest vorbereitet haben. Sie musste analog abgesagt werden. Im Oktober Fand die Tagung erfolgreich digital statt.

Judit Gyarfas ist Mitglied der queeren christlichen Gemeinschaft Mozaik und hat die Jahresversammlung des European Forum of LGBT Christian Groups im Jahr 2020 mit vorbereitet. Sie sollte im Mai 2020 in Budapest stattfinden. Aufgrund von Covid-19 musste die Tagung abgesagt werden. Stattdessen wurde sie im Oktober digital nachgeholt. Mit Hochdruck haben Judit und das gesamte ungarische Planungsteam die Tagung digital umgebaut und erfolgreich durchgeführt. Nach der Tagung habe ich Judith interviewt.

Wie erlebst Du die Covid 19-Pandemie in Budapest und Ungarn allgemein bisher persönlich?

Judit Gyarfas: Es ist ziemlich schwierig. Ich lebe zurzeit bei meiner Oma. Sie ist 92 Jahre alt. Nach fünf Jahren hatte ich mich von meiner Partnerin getrennt. Ich lebte bei ihr. Seitdem kümmere ich mich um meine Oma. Daher bin ich vorsichtig, wenn ich Leute treffe. Ich vermisse Basketball sehr. Es ist schwierig für mich, mich für Sportarten allein zu motivieren, da ich Teamsportarten liebe. Ich vermisse es auch, in Pubs zu gehen und zu tanzen. Auch zu Demonstrationen und Protestveranstaltungen gehe ich weniger. Und das vermisse ich wirklich, um meine Meinung zu äußern.

Zum Glück lebe ich in einer sehr schönen, grünen Gegend von Buda. Also versuche ich so oft ich kann spazieren zu gehen. Auch in meinem Beruf wurde ich digitaler. Das heißt ich predige von zu Hause aus, und ich halte Bibelstunden von zu Hause aus. Das hat positive Seiten: Ich habe ein wenig gelernt, wie man Videos auf Youtube bearbeitet. Auf diese Weise kann meine Oma auch an den Gottesdiensten und den Bibelstunden teilnehmen. Denn sie geht nicht mehr aus. In meiner Kindheit war sie diejenige, die in meiner Familie aktiv christlich unterwegs war. Wir verbrachten die Wochenenden bei ihr. Da wo ich jetzt auch lebe. Im Augenblick gebe ich ihr ein wenig von dem zurück, was sie mir früher geschenkt hat.

Das isolierte Leben, das ich zurzeit lebe, ist Zeit für mich meinem inneren Selbst näher zu kommen, meinen "Dämonen" zu begegnen, meinen Versuchungen wahrzunehmen, meine Zweifel zu erfahren, meinen spirituellen Sehnsüchten näher zu kommen. Und ich habe mehr Zeit mit Gott und befinde mich auf meiner eigenen theologischen Reise.

In Ungarn ist es außerdem wichtig, Allianzen und Widerstand aufzubauen. Ich bin sehr stolz auf die Studierenden der Ungarischen Theater- und Filmakademie, die sich den ungerechtfertigten Auflagen widersetzen, die die Regierung ihnen auferlegt. Es ist ein Weckruf für uns alle.

Dazu schrieb die New York Times:

"Mehr als 1.000 Demonstranten versammelten sich … an der Universität zu einer Solidaritätskundgebung, die von Reverend Gabor Ivanyi organisiert wurde, einem methodistischen Prediger, dessen Kirche zu etwa 200 religiösen Institutionen gehört, die von Herrn Orban und seiner Regierung 2011 der offiziellen staatlichen Anerkennung beraubt wurden. Der Prediger war seitdem ein heftiger Kritiker die Regierung. Er kritisiert die Regierung dafür, faschistische Politik zu betreiben." 

Meine Kirche gehört auch den denen, die nicht mehr anerkannt sind. Ich weiß, dass es ein Klischee ist. Aber die Krise und die Dinge, die wir in einer Krise durchmachen, helfen uns, stärker zu werden und unsere verborgenen Ressourcen zu entdecken. So wie Jakob in der Nacht mit Gott rang (Genesis 32). Nach dem Kampf um sein Leben war er nicht dieselbe Person. Er lernte sich besser kennen, bekam einen neuen Namen (Israel), kam als andere Person mit einer neuen Identität aus dem Kampf zurück. Es ist nun die Zeit, gemeinsam in den Gemeinden, in denen wir leben und arbeiten, stärker zu werden.

Der Ehepartner meiner Schwester hat seinen Job wegen COVID-19 verloren. Sie haben zwei Kinder. Und ihr Fall ist nicht der schlimmste. Es gibt Familien und Menschen in schlimmeren Situationen. Für meine Cousins beispielsweise, die in ganz Europa leben, ist es auch schwierig mit ihren Jobs. Sie arbeiten im Tourismus und im Cateringbereich. Der Arbeitsplatz meiner Schwester ist ebenfalls in Gefahr. Nicht wegen COVID-19, sondern wegen der gegenwärtigen Regierung in Ungarn, die die derzeitige Leitung des Budapester Architekturzentrums nicht mag und daher das Geld kürzt.

Wie wirkt sich Covid-19 auf LGBTIQ*-Personen in Ungarn aus?

Judit Gyarfas: Um ehrlich zu sein, verbringe ich gerade mehr Zeit mit Nicht-LGBTIQ*-Leuten bei meiner Arbeit. Obwohl ich zurzeit nur Teilzeit arbeite. In unserer Gemeinde haben wir uns für eine hybride Lösung entschieden: Einige Leute sind per Zoom dabei, andere gehen zum Gottesdienst. In Gemeinschaft zu sein, ist gerade jetzt wichtig, gemeinsam zu klage und zu beten tut gut.

Von März bis Mai sangen wir jeden Abend per Skype ein anderes Abendlied. Es tat allen gut, die sich daran beteiligten. Auch meine Großmutter sang mit.

Und allgemein politisch: In Ungarn wurde ein Kinderbuch von einem Politiker zerrissen, nur weil darin LGBTIQ*-Zeichen enthalten sind. "Labrisz Association", der Herausgeber des Buches, wurde von demselben Politiker verflucht und verteufelt. Buchhandlungen werden über Telefonanrufe beschimpft und erhalten E-Mail-Drohungen, nur weil sie dieses Buch verkaufen. Das ist schon richtig krasse Zensur! Die Regierungspolitik schafft Spaltungen und dämonisiert uns, indem sie Kinder und das gesamte Christentum auf der einen Seite positioniert, die Schutz vor der "anderen Seite", vor den "Homosexuellen" benötigen.

"Ungarn ist ein geduldiges, tolerantes Land in Bezug auf Homosexualität. Aber es gibt eine rote Linie, die nicht überschritten werden darf. Und so würde ich meine Meinung zusammenfassen: Lasst unsere Kinder in Ruhe!"

So sagte es der ungarische Ministerpräsident Viktor Orban im Hinblick auf LGBTIQ*.

Während des letzten Pride Festivals wurden auch Events der queeren Mozaik Community von Ultrarechten angegriffen. Mehrere Mozaik-Mitglieder erlebten verbale und sogar körperliche Gewalt und mussten fliehen. Geschützt wurden sie nicht. Im Mai 2020 verbot Ungarn die rechtliche Anerkennung von Transgender-Personen. Sie verabschiedeten ein Gesetz, das die Kategorie "Geschlecht" in offiziellen Dokumenten wie Geburtsurkunden in die Kategorie "Geschlecht bei der Geburt" änderte. Es darf nicht verändert werden.

Wie ist die Situation für LGBTIQ-Gläubige in Budapest / Ungarn?

Judit Gyarfas: Es gibt ausländische Gemeinden In Budapest, die LGBTIQ*-Leute willkommen heißen. Ich hielt beispielsweise meine allererste Predigt in der lutherischen englischsprachigen Gemeinde.

Der Pastor junge Zach Courter lud mich ein, dort zu predigen. Er wurde im Oktober 2018 in der Gemeinde ordiniert. Ich hatte ihn über ein gemeinsames Projekt kennengelernt. Einige Mozaik-Mitglieder besuchen dort auch Bibelstunden.

Wenn wir uns mit dem Europäischen Forum in Budapest getroffen hätten, hätten wir in der Kirche der schottischen Mission getagt, die von Aaron C. Stevens geleitet wird.

Gleichzeitig ist es immer noch gefährlich, als LGBTIQ*-Christ*innen offen in Ungarn und insbesondere in ungarischen Religionsgemeinschaften aufzutreten. Niemand weiß, was sie dann erwarten können.

Wenn es Anti-Gender- oder Anti-LGBTIQ*-Petitionen gibt, unterschreiben religiöse Christ*innen diese normalerweise. Es sind hauptsächlich regierungsnahe und konservative Leute. Und Viktor Orban baut seine Rhetorik bewusst so auf, dass er auf sie zählt. Es gibt einige Ausnahmen. Aber die sagen in der Regel leider nichts in der Öffentlichkeit, wenn es nötig wäre und unmenschliche Dinge passieren.

Ich bin froh, dass ich einige progressive heterosexuelle Pastoren kenne. Aber es gab bisher keine, die sich offen für LGBTIQ*-Leute aussprachen. Außer Rita Perintfalvi. Sie unterrichtet in Graz. Sie ist eine bedeutende katholische Theologin. Natürlich wird sie von konservativen Christ*innen ständig bedroht und nicht akzeptiert. Als ich in meiner Gemeinde mein Coming-out hatte, wurde LGBTIQ* ein Thema in der Gemeinde. Meine Kirche erklärte daraufhin letztes Jahr:

"Die Verbreitung der Angst gegenüber und die Herabsetzung bestimmter sozialer Gruppen durch eine aggressive Regierungspolitik ist ein weltweites Problem, das wir auch in Ungarn erleben. Wir sind davon überzeugt, dass es nicht Hass ist, sondern die Praxis, sich kennenzulernen und alle einzubeziehen, die uns näher zu denen bringt, die zur LGBTQIA* Community gehören."

Mehr dazu hier auf Englisch.

Zum Statement des "Hungarian Evangelical Fellowship".

Wie unterstützt euer Netzwerk Mozaic LGBTIQ*-Gläubige?

Judit Gyarfas: Die Mozaik-Gemeinschaft ist der einzige sichere Ort für LGBTIQ*-Christ*innen. Die meisten Mitglieder sind ganz bewusst keine aktiven Mitglieder einer Kirche. Mozaik ist für sie ein Unterschlupf, ein sicherer Treffpunkt, ein fröhlicher Ort. Als wir uns in der Zeit des Lockdowns im März zum ersten Mal online trafen, war das ein Segen für viele. Gerade auch für diejenigen unserer Mitglieder, die nicht in Budapest leben. Sie konnten auch dabei sein und sich über ihre Erfahrungen austauschen.

Welche Bedeutung hat es für dich, dass das abgesagte Treffen des Europäischen Forums im Oktober online stattfinden konnte?

Judit Gyarfas: Es war einfach wichtig und großartig, dass wir uns zumindest digital treffen konnten. Ich vermisse die Leute vom Europäischen Forum eigentlich immer. Es ist eine unglaublich Energiequelle für mich, für meine Überzeugung, für meine Mission. Es geht darum, einen Raum zu schaffen, in dem wir sicher sind, in dem wir geliebt werden, in dem wir in schwierigen Zeiten inspiriert werden.

Ich war sehr froh, dass ein Freund von mir am digitalen Sonntagsgottesdienst teilnehmen konnte. Er hatte mir erzählt, dass er während des Gottesdienstes nur weint hat, weil er endlich das Gefühl hatte, als Trans*-Person einen Platz in einer christlichen Gemeinschaft zu haben. Er hatte vor kurzem seine Konfirmation. Dabei waren er und seine Trans*Identität komplett verschwiegen worden. Es war für ihn eine schlimme Erfahrung.

Ich finde es wichtig, dass Religionsgemeinschaften über LGBTIQ*-Menschen aufgeklärt werden. Dafür sind noch ganz viele Coming-Outs erforderlich. Das Europäische Forum ist eine großartige Gelegenheit für Austausch und Dialog. Aber ich muss zugeben, dass es auch anstrengend ist, im Rampenlicht zu stehen. Außerdem habe ich kürzlich festgestellt, dass ich mich zu sehr bemühe, der queeren Community zu "beweisen", dass ich genauso wertvoll wie jede andere LGBTIQ*-Person bin, obwohl ich religiös bin, oder gerade deswegen.

Ich war sehr hart zu mir selbst und wollte unbedingt beweisen, dass ich dazugehöre. Denn ich bin die erste offen lesbische Pastorin in Ungarn. Ich hatte das Gefühl, dass ich beweisen muss, dass ich das Recht habe da zu sein. Niemand hat mir das jemals so gesagt. Aber es fühlt sich einfach so an. So wie Frauen manchmal das Gefühl haben nicht kompetent genug zu sein. Sie leisten doppelt so viel Arbeit, um zu beweisen, dass sie leistungsfähig sind. Vor Gott musst du nichts beweisen, sage ich mir dann immer. Sie akzeptiert dich so wie du bist. Manchmal ist es trotzdem einfacher an Orten zu leben, an denen man nichts erklären muss. Einfach nur da sein und fühlen. Das Europäische Forum ist für mich ein solcher sicherer Ort.

Was war dein Höhepunkt der digitalen Europäischen Forum Konferenz?

Judit Gyarfas : Die Eröffnungsfeier mit Anna Donath. Sie ist Mitglied des Europäischen Parlaments. Ich war so glücklich, dass sie bei uns sein konnte. Außerdem hat es Spaß gemacht, sich gemeinsam mit vielen Frauen aus ganz Europa auf die Vorkonferenz der Frauen vorzubereiten. Wir haben intensiv diskutiert und digital einen berührenden ökumenischen Gottesdienst gefeiert. Das war Balsam für meine Seele. Die Vorkonferenz der Frauen ist immer wieder ein Highlight für mich, weil wir da mehr Zeit haben über persönliche Dinge zu sprechen und uns auszutauschen.

Es war auch das erste Mal seit vier Jahren Mitgliedschaft im Europäischen Forum, dass ich dreimal ganz früh für die Morgengebete aufgestanden bin. Denn ich bin eine typische Nachteule. Ich habe die Morgenmeditationen und Denkanstöße sehr genossen. Außerdem war ich froh darüber, dass es eine Jugendvorkonferenz gab. Denn ich denke, dass es notwendig ist Zeit und Platz für die jungen Leute anzubieten. Sie müssen ihren eigenen Weg finden, und trotzdem gehören wir alle zusammen.

Was wünschst du dir für die Zukunft?

Judit Gyarfas: Ich wünsche mir weitere Treffen wie dieses, um unsere Erfahrungen zu verbinden und uns auszutauschen. Ich möchte mich mit anderen austauschen und voneinander Widerstandstechniken zu lernen. Es geht mir darum, gemeinsam zu beten und gleichzeitig Gemeinsamkeiten und Unterschiede im jeweiligen politischen Kontext zu entdecken. Die Welt wird immer unmenschlicher. Denn wir erleben, dass bestimmte Ideologien und der Missbrauch des Freiheitsbegriffs gefährlich für Minderheiten wird (Rede- und Religionsfreiheit darf niemals auf Kosten von anderen gehen!).

Für die zukünftige Generation und für uns alle, die lebenslang lernend unterwegs sind, zitiere ich Bob Dylan:

"Mögest du gerecht werden / Mögest du wahr werden / Mögest du immer die Wahrheit kennen / Und die Lichter sehen, die dich umgeben / Mögest du immer mutig sein / Aufrecht stehen und stark sein ... Mögest du ein starkes Fundament haben / Wenn sich die Winde der Veränderungen ändern / Möge dein Herz immer fröhlich sein / Und möge dein Lied immer gesungen werden."

Ich wünsche mir, dass wir uns gegenseitig inspirieren und niemals aufzuhören uns zu lieben, denn wenn die Kraft der Liebe die Liebe zur Macht überwindet, wird die Welt Frieden erleben.

 

weitere Blogs

Was uns Corona beschert, was meinen Vorfahren ihre Zeit bescherte und was am Horizont auftaucht
Eine Konditorei in Bad Königshofen erntete einen Shitstorm für eine eigentlich gute Idee
Inspekteure der italienischen Küstenwache ("Guardia Costeria") haben eine "Porte State Control", eine Art technische Inspektion, auf der "Sea-Watch 4 durchgeführt.
Nach einer elfstündigen Inspektion des Rettungsschiffes fanden die italienischen Kontrolleure nach ihrer Ansicht 22 Mängel, die vor einem neuen Auslaufen der "Sea-Watch 4" behoben werden müssen. Die Festsetzung ist keine Überraschung für die Crew, schildert Constanze Broelemann aus Palermo. Die Behörden hätten schon in der Vergangenheit die Praxis der expliziten Fehlersuche gewählt, um Schiffe von Nichtregierungsorganisationen (NGO) an die Kette zu legen.