Pride und Protest im Zeichen des Virus

Regenbogen-Flaggen am Münchner Rathaus

Wolfgang Schürger

Pride und Protest im Zeichen des Virus
Alles wieder ganz normal nach Corona - oder "neu normal"? Nicht ganz, wie Queers in diesen Wochen auch daran merken, dass im Pride-Monat keine Paraden und Straßenfeste stattfinden. Wolfgang Schürger ist jedoch beeindruckt von der Kreativität, mit der Pride und Protest auch dieses Jahr sichtbar werden. Ihm ist wichtig, das Pride und Protest auch weiterhin "ganz normal" bleiben.

Die "neue Normalität"...

Die "neue Normalität" hat begonnen, so heißt es: Geschäfte haben wieder geöffnet, Menschen kehren aus dem Home-Office an ihre Arbeitsplätze zurück. Doch für viele ist noch gar nichts "normal": Clubs haben in Deutschland nach wie vor geschlossen, manche sind durch die Wochen des Lockdowns an die finanziellen Grenzen der Existenz gekommen. Auch in der queeren Community: Menschen und Läden, die wir kennen und schätzen, Vereine, die uns und die wir bisher unterstützen...

Und dann sind da plötzlich diese Regenbogenfahnen: auf den Straßenbahnen in Wien und anderswo, am Rathaus hier in München... Ist das jetzt auch schon normal? Ach halt, da war ja noch 'was: Wir befinden uns ja im Pride-Monat! In "normalen" Zeiten würden jetzt jedes Wochenende in irgendeiner Stadt Tausende von Queers auf die Straßen gehen und mit bunten Paraden und ausgelassenen (Straßen-)Festen feiern, dass wir in vielen Teilen der Welt ein "normales" queeres Leben führen können, weil vor 51 Jahren Queers sich Ausgrenzung und Unterdrückung nicht mehr haben gefallen lassen und gegen Polizeigewalt demonstrierten (Link zu Stonewall bei Wikipedia).

Kreativität im virtuellen Raum

Doch normal ist eben nichts in diesem Jahr. Die großen Paraden und Straßenfeste sind abgesagt, weil fast jede*r - außer dem US-amerikanischen Präsidenten - darum weiß, wie hoch das Infektionsrisiko bei solchen Massenveranstaltungen wäre. Mich beeindruckt allerdings, mit wie viel Kreativität die Veranstalter*innen der Prides diese in den digitalen Raum verlegt oder/und alternative Formen gefunden haben, Pride und Protest auszudrücken: München bietet am 11. Juli einen 18-stündigen Live-Stream, sogar das legendäre Rathaus-Clubbing ist nahezu 1:1 in den Stream verlegt. Anstatt der Parade, welche in München im Wesentlichen von den über 70 regionalen queeren Vereinen geprägt ist, wird es über die ganze Innenstadt verteilt "Demo-Spots" geben: Vertreter*innen der unterschiedlichen Gruppen machen queeren Pride und Protest an 55 Stationen in der Fußgängerzone deutlich (Link zum CSD München).

Unglaublich auch der "Global Pride" am historischen Tag des Stonewall-Aufstands, dem 27. Juni: Pride Organisationen und Künster*innen weltweit hatten für diesen Tag ein 26-Stunden-Streaming-Programm zusammengestellt! Der Vienna-Pride hat sich an dieser weltweiten Online-Demonstration beteiligt. Doch damit nicht genug: Anstelle der Parade zeigte die Community durch einen Regenbogen-Corso mit über 200 Fahrzeugen Präsenz. Dieser Regenbogen umkreiste fünf Mal die Innenstadt auf den zentralen Ringstraßen.

Pride und Protest

Die Wiener Organisator*innen machen sehr deutlich, warum es in diesem Jahr wichtiger ist denn je, als Queers Präsenz zu zeigen und an die besonderen Lebenssituationen vieler queerer Menschen zu erinnern: "Der Ausbruch der Pandemie hat weltweit einen Stillstand herbeigerufen. Auch die LGBTIQ-Community ist stark von der unvorhergesehenen Entwicklung getroffen worden. Hunderte Pride-Events mussten im Zuge der Ausgangsbeschränkungen verschoben oder komplett abgesagt werden. Wichtige LGBTIQ-Vertretungsorganisationen und Community-Treffpunkte sind von Schließungen bedroht und fürchten um ihr zukünftiges Fortbestehen. Die Lebenssituation von LGBTIQ-Menschen hat sich indessen drastisch verschlechtert. Die Stigmatisierung und Diskriminierung von LGBTIQ-Personen war schon vor der Corona-Krise groß, doch hat sich die Situation während dieser Zeit deutlich verschärft. Durch die staatlichen Maßnahmen haben viele LGBTIQ-Menschen den Zugang zum Arbeitsmarkt, Wohnraum und adäquater Gesundheitsversorgung verloren. Damit werden sie von einer gleichberechtigten gesellschaftlichen Teilhabe ausgeschlossen und sind mehr denn je Anfeindungen, Armut und Gewalt ausgesetzt. Gleichzeitig nutzen viele Regierungen die augenblickliche Situation um LGBTIQ-feindliche Gesetzgebungen durchzusetzen und bestehende Errungenschaften zurückzunehmen, wie beispielsweise Ungarn, das mit einem kürzlich beschlossenen Gesetz trans*- und intergeschlechtlichen Menschen das freie Namensrecht entzog oder Polen, das LGBTIQ-freie Zonen erlaubt." (Webseite des Vienna-Pride)

... müssen "normal" bleiben

Menschen mit HIV und Aids zum Beispiel haben in vielen Teilen der Welt aufgrund der Corona-Pandemie große Probleme, die lebenswichtige Gesundheitsversorgung zu erhalten - sei es, weil sie aufgrund von Ausgangsbeschränkungen nicht zum Arzt oder in die Klinik kommen, sei es, weil nötige therapeutische Maßnahmen aufgrund der Versorgung von Corona-Patient*innen zurückgestellt werden. Am Beispiel von Omondi aus Nairobi, von der Bettina Rühl (ARD Nairobi) erzählt, wird dies sehr deutlich: Omondi lebt in einem der größten Slums der kenianischen Hauptstadt. Aufgrund der Infektion ist sie auf personelle und finanzielle Unterstützung durch ihre Nachbar*innen angewiesen. Diese aber haben durch die Corona-Pandemie häufig selbst kein Einkommen mehr - und Kontakte zu anderen Menschen sind riskant. Auch für die "German Doctors", eine deutsche Hilfsorganisation, die in Nairobis zweitgrößtem Slum, eine medizinische Anlaufstelle sind und u.a. ein Aids-Hilfsprojekt unterhält, ist es schwer, Kontakt zu ihren Klient*innen zu halten und sie zum Beispiel mit Essen zu versorgen. Wo aber Nahrungsknappheit und Hunger herrschen, da erhöht sich das Risiko für Sekundärinfektionen, hat Maureen Githuka, die Leiterin des HIV-Programms der German Doctors, festgestellt: Die Tuberkulose-Infektionen unter "ihren" Patient*innen sind in den letzten Wochen deutlich gestiegen.

Gut, dass auch eine andere Organisation ihre diesjährige Großveranstaltung nicht einfach abgesagt, sondern in den virtuellen Raum verlegt hat: Auch die Internationale Aids-Konferenz der Vereinten Nationen findet vom 6. bis 10. Juli 2020 online statt - man kann sogar ziemlich leicht als Gast dabei sein! (Link zur Aids-Konferenz) Mit dabei ist einer, dessen Name aufgrund der Corona-Pandemie heute wohl vielen bekannt ist: Anthony Fauci, der stille, nüchterne Berater neben dem unberechenbaren US-Präsidenten. Der wichtigste Virologe der USA begann seine Karriere in San Francisco zur Zeit des Höhepunktes der Aids-Pandemie - und ist folglich auch ein renommierter HIV-Forscher.

Die Botschaft der AIDS 2020 International - Konferenz ist bisher sehr deutlich: Die Welt kann für den Umgang mit COVID-19 viel daraus lernen, wie wir in San Francisco und anderswo in den 80er und 90er Jahren die Aids-Pandemie bewältigt haben: "Getting to Zero" - "keine Neuinfektionen", dieses Ziel verbindet im Kampf gegen die beiden Viren. Und ebenso deutlich auch die Botschaft, dass Corona nicht zu einem Backlash im Kampf gegen HIV und für die Vielfalt sexueller Lebensformen führen dürfe.

Aufstehen, Flagge zeigen und für Vielfalt eintreten - das sollte tatsächlich normal bleiben, auch in Zeiten der "neuen Normalität"!

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