Hass mit Hass und Ausgrenzung bekämpfen?

Nachtwache vor dem Stonewall Inn.

Foto: imago/ZUMA Press

Nach dem Anschlag auf den Pulse Club in Orlando findet vor der Szene-Bar Stonewall Inn in der Christopher Street in New York eine Nachtwache statt.

Hass mit Hass und Ausgrenzung bekämpfen?
Noch ist unklar, ob Schwulenhass oder islamistischer Fundamentalismus den Attentäter von Orlando motiviert haben. Doch trotz aller Trauer und des Schocks: Hass und Fundamentalismus lassen sich nicht mit Ausgrenzung bekämpfen, meint Wolfgang Schürger.

War das Massaker von Orlando "nur" ein Hate-Crime, ein Hass-Verbrechen, oder hatte es einen islamistisch-terroristischen Hintergrund? Gut 24 Stunden nach der Tat will sich das FBI noch nicht festlegen, auch in den Medien gibt es heftige Diskussionen darüber. Donald Trumps Reaktionen, darüber bin ich mir ziemlich sicher, dürften sehr unterschiedlich ausfallen: Auch LGBTIQs haben von diesem Präsidentschaftskandidaten ja wenig Gutes zu erwarten. Einen Hate-Crime könnte er nur schwer für Wahlkampfzwecke ausbeuten. Ein islamistisch motiviertes Attentat dagegen wäre eine Steilvorlage für weitere Ausfälle gegen Muslime allgemein, wie sie von Trump schon einige Male zu hören waren.

Die queere Community steht unter Schock und in tiefer Trauer - und ihren Mitgliedern ist es letztendlich egal, ob "nur" Schwulenhass oder religiöser Fundamentalismus zu dem Blutbad geführt haben - seit Stonewall hat es in der westlichen Welt wohl kein lesbisch-schwules Event gegeben, bei dem so viele Opfer zu beklagen waren!

Am 28. Juni 1969 und den darauf folgenden Tagen war es freilich die Staatsgewalt der USA, die Schwule, Lesben und Transgender misshandelte und zum Teil schwer verletzte. Da Queers dies nicht länger stillschweigend ertragen wollten, wurde Stonewall zu einem Meilenstein der lesbisch-schwulen Emanzipationsbewegung des vergangenen Jahrhunderts.

Knapp 50 Jahre nach Stonewall sind Queers in vielen Teilen der westlichen Welt zu gleichberechtigten Bürgerinnen und Bürgern geworden, auch Länder wie Südafrika, Thailand oder Vietnam haben sich stark verändert. In Osteuropa, Afrika oder den arabischen Ländern dagegen sind Verfolgung und Misshandlung immer noch an der Tagesordnung. Religiöse, aber auch kulturelle Einstellungen und Werte prägen dabei die Ablehnung gegenüber Queers. Doch gerade auch in den USA haben Hate-Crimes auch nach Stonewall eine lange Tradition - bis zum Oktober 2009 konnten die Täter sogar sicher gehen, mit relativ geringen Strafen davon zu kommen, wenn sie sich darauf beriefen, dass sie sich durch die Homosexualität ihrer Opfer bedroht gefühlt hätten (sog. Gay Panic Defense).

Erst der "Matthew Shepard and James Byrd, Jr. Hate Crimes Prevention Act", den Barack Obama am 28. Oktober 2009 unterzeichnete, beendete diese perfide juristische Praxis. Elf Jahre zuvor hatte eines der hässlichsten Hate-Crimes der letzten Jahrzehnte nicht nur die US-amerikanische Gesellschaft in Aufruhr versetzt: Der Student Matthew Shepard wurde von zwei Männern zunächst schwer misshandelt und dann schwer verwundet in einer einsamen Gegend an einen Weidezaun gefesselt. Erst achtzehn Stunden später wurde er von zwei Radfahrern gefunden. Er starb acht Tage nach dem Verbrechen, ohne im Krankenhaus jemals wieder zu Bewusstsein gekommen zu sein. Die Täter wurden später zu zweimal lebenslänglicher Haft verurteilt, obwohl sie versucht hatten, sich auf die Gay Panic Defense zu berufen. Das Gericht hatte es als erwiesen angesehen, dass sie das Verbrechen wohl überlegt geplant hatten. Im Prozess hatten sie übrigens zu Protokoll gegeben, dass ihr fundamentalistisches Bibelverständnis sie zu dem Hass auf Schwule motiviert habe. Christlicher Fundamentalismus also hatte hier zum Hate-Crime geführt!

Egal also, ob (religiös motivierter) Hate-Crime oder islamistischer Terrorakt - es wäre verfehlt, jetzt pauschal auf "die" Muslime oder "den" Islam zu zeigen und Maßnahmen gegen sie zu fordern, auch wenn sich in die Trauer natürlich ein gehöriges Maß an Zorn darüber mischt, dass es nicht gelingt, diesen Extremismus einzugrenzen. Fundamentalismen kennen wir nämlich auch aus unserer eigenen Geschichte - und in unserer eigenen Tradition. Wer, wie die lettischen Lutheraner, die Frauenordination wieder abschafft, wird auch Queers gegenüber keine Willkommenskultur entwickeln. Wer völkische oder nationale Werte und "Leitkulturen" hoch halten will, wird nicht nur Andersstämmige ausgrenzen, sondern auch Menschen diskriminieren, die nicht der Leitkultur entsprechen. Alle diese Fundamentalismen, ob sie nun religiös, national oder kulturell bedingt sein mögen, haben eines gemeinsam: Sie lehnen kulturelle Vielfalt ab, hassen das Andersartige und sind Feinde einer freien Gesellschaft. Charlie Hebdo, Bataclan oder Pulse - diese Orte der unangepassten Kultur können sie nicht ertragen.

Das Dilemma der freien Gesellschaft und ihrer Verfechter_innen ist, dass sie ihre Feinde nicht mit Hass und Ausgrenzung bekämpfen kann. Das nämlich hieße, die eigenen Prinzipien von Diversity, Vielfalt und Offenheit zu verraten. Es bleibt also nur der Versuch der Begegnung und des Dialogs. Als kirchlicher Schwulenaktivist der 90er Jahre habe ich erlebt, wie viel eine Begegnung verändern kann: Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern hätte sich 1993 wohl nicht so deutlich für Lesben und Schwule geöffnet, wenn im Vorfeld der entscheidenden Synodaltagung nicht die Sprecherin der konservativen Fraktion ihrem ehemaligen "Lieblingskonfirmanden" begegnet wäre, der inzwischen zu einem der Sprecher der Aktionsgruppe "Homosexuelle und Kirche" geworden war. Am Mittag des ersten Sitzungstages zogen sich die beiden zu einem langen Gespräch zurück - danach war die Fraktionssprecherin überzeugt: Wenn ihr Lieblingskonfirmand "so" ist, dann kann das nicht alles Sünde sein, dann muss es in der Kirche auch einen Platz für Lesben und Schwule geben.

Je fundamentalistischer und gewaltbereiter das Gegenüber ist, desto schwerer wird eine solche Begegnung und ein solches Gespräch. Zu Hass und Ausgrenzung aber sollten wir uns nicht verleiten lassen. Erinnern wir uns an das Wort Jesu: "Ihr habt gehört, dass gesagt ist: 'Du sollst deinen Nächsten lieben (3. Mose 19,18) und deinen Feind hassen.' Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte." (Mt. 5,43-45). Für alle, die nach Orlando für so viel Feindesliebe zu zornig sind, kann es auch die Formulierung des Apostels Paulus sein: "Vielmehr, wenn deinen Feind hungert, gib ihm zu essen; dürstet ihn, gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln" (Sprüche 25,21-22) (Röm. 12,20). Die Langmut der Liebe trägt weiter als aller Hass und alle Ausgrenzung, auch wenn Schmerz und Trauer alle Fähigkeit zur Liebe zu ersticken scheinen!

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