Die neuen Stempel sind da

Wie die ersten Fake-News-Kennzeichnungen aussehen und wie es um Facebooks deutsche Factchecker-Initiative steht. Deniz Yücels Unverwüstlichkeit und eine Subsubdebatte um ihn, die sich bemerkenswert entwickelt. Außerdem, breaking: Donald Trump hat eine Presseessenseinladung ausgeschlagen!

Gibt es inzwischen eigentlich praktische Fake-Stempel, die in alarmierendem Rot auf den ersten Blick vor zweifelhaften Internetinhalten warnen? Jawohl, hier.

Falls Sie lieber nicht auf den Internetauftritt des russischen Außenministeriums klicken möchten: Dekoder.org, das empfehlenswerte deutsche Portal zu russischen Themen, hat Screenshots, eine Einordnung und dazu einen Kommentar des Radiosenders Kommersant FM übersetzt:

"Als ich 1989 mein Studium am Staatlichen Moskauer Institut für Internationale Beziehungen (MGIMO) begann, war ich unangenehm überrascht, dass der Fachbereich Internationale Journalistik umbenannt worden war in Fachbereich für Informations- und Propagandaarbeit ...",

leitet Stanislaw Kutscher seinen kritischen, aber russischen Text ein.

Bislang wurden nur vom russischen Außenministerium englischsprachigen Medien sozusagen geadelt: "Dies sind NBC News, The Telegraph, The New York Times, Bloomberg und der Santa Monica Observer", fasst Barbara Oertel in der TAZ zusammen und erläutert auch die jeweiligen Artikel. Im Fall von NBC

"geht es um einen Beitrag, der unter Berufung auf Informationen von US-Geheimdiensten darüber sinniert, ob Russland den Whistleblower Edward Snowden nicht an die USA überstellen könnte – als Geschenk für Herrn Trump sozusagen."

Unabhängig von der Frage, welcher Seite Sie in diesem konkreten Fall wünschen würden, dass sie recht hat: Ein Indiz dafür, dass, sobald sich Mechanismen zum Kennzeichnen von sog. Fake-News eingespielt haben, es bleibt, wie es ist und alle, die schon jetzt mit diesen und jenen Mitteln ihre Weltsichten propagieren und die der gegnerischen Seiten denunzieren, das ziemlich ähnlich weiterhin tun werden, bietet die staatlich russische Initiative jedenfalls.

[+++] Wie sieht's bei der deutschen Facebook-Fact-Checker-Initiative aus, als deren Macher im Januar correctiv.org gewonnen und kürzlich überdies focus.de gehandelt wurde?

Einen (online kostenpflichtigen) Überblick (gibt's auch bei Blendle) bietet die Medienseite der Süddeutschen. Deren Autor Sebastian Jannasch bekam letzte Woche in Berlin von David Schraven schon mal "die Software ... , mit der die Faktenchecks funktionieren sollen", vorgeführt. Bis die Öffentlichkeit sie vorgeführt bekommen wird, dürfte es aber noch dauern, "Tage oder wenige Wochen":

"Weitere [Faktenchecker für Facebook] werden gesucht; erst wenn die Verhandlungen abgeschlossen sind, soll die von Facebook zur Verfügung gestellte Software freigeschaltet werden: Die Nutzer werden bald Hinweise auf Fake News auf ihrer persönlichen Facebook-Seite sehen können. ... Als zweiter Partner im Gespräch sind die Online-Redaktionen von Focus und Zeit; beide teilen auf Anfrage mit, dass man es sich überlege; Gruner+Jahr würde mitmachen, doch gratis wäre das nicht."

Gruner+Jahr ist der Verlag, der Magazine wie Barbara und Beef, Gala und Stern Crime herausgibt, sowie den Original-Stern und dessen Internetauftritt. G+J hat zum Thema vergangene Woche eine Erklärung ("Es ist deshalb eine Selbstverständlichkeit, dass eine Partnerschaft beim 'Fact-Checking' auch eine Geschäftsbeziehung begründen muss") veröffentlicht.

Der SZ-Artikel bietet außerdem Aussagen des Journalismus-Professors Stephan Weichert ("Das Vorgehen gegen Falschnachrichten dient natürlich auch der Imagepflege und hat wirtschaftliche Gründe. Je mehr manipulierte Meldungen auf dem Portal kursieren, desto größer ist die Gefahr, dass sich die Debatte Fake News in eine Debatte Fake Facebook verwandelt und das Netzwerk insgesamt unglaubwürdig wird.")

Auch sonst gibt's wie eine Menge Medienmedien-Stoff zum Thema, schon weil "Fake" in Überschriften offenbar ein gut klickendes Reizwort ist, wie Stefan Niggemeier (uebermedien.de) anhand eines vielfach veränderten, wohl nicht hochprozentig wahrheitshaltigen welt.de-Artikels zeigt. +++ Eine freundliche Umfrage unter vielen Institutionen, was sie denn für die aktuell wieder verschärft eingeforderte Medienkompetenz so tun, hat Markus Ehrenberg vom Tagesspiegel angestellt. "Vorbildlich ist in diesem aufklärenden Sinne schon jetzt eine Website der ARD: ein 'ard.de-Spezial: Fake News'", findet er und empfiehlt Kindern wie Eltern "die Kindernachrichtensendung 'logo' auf Kika" zu gucken. +++ Und Christian Stöcker führt in seiner SPON-Kolumne die eingängige Abkürzung "'Mainstream-Medien' (MSM)" in die Debatte ein, um anschließend zu argumentieren, dass es solche MSM aber gar nicht gebe, weil ja der Spiegel schon mal die Bild-Zeitung in einer Titelstory kritisiert hatte und in der FAZ auch Artikel erscheinen, die in der SZ so nicht erscheinen würden. Wie überzeugend diese Argumente sind, muss das russische Außenministerium darf jeder für sich entscheiden.

[+++] "Trööt!" (ziemlich weit unten, direkt überm "Besonderen Dank" an eine ungewöhnliche Allianz zwischen der Jungle World und der Bundesregierung, den Springer-Verlag und Ulf Poschardt mittendrin ...)

Falls Sie am Wochenende den neuesten Deniz-Yücel-Artikel noch nicht gelesen haben, die WAMS-Titelstory "Deniz Yücel – das Haftprotokoll", die der eingesperrte Reporter seinen Verteidigern diktierte, sollten Sie das noch tun. Yücel demonstriert aus der gut beheizten Zelle anrührend, aber unsentimental seine Unverwüstlichkeit:

"... Mein voriger Zellengenosse sagt: 'Du siehst aus wie Karl Marx.' Der für den Trakt verantwortliche Polizist (Mitte 30, groß, kräftig, laut) sagt: 'Karl Marx hatte recht. Die Leute sind verrückt nach Geld.' Und er sagt: 'Schreib' was Nettes über uns. Nicht dass du hieraus ein 'Midnight Express' machst" (in der Türkei sehr bekannter aber unbeliebter US-Film über den türkischen Knast). So weit er kann, versucht der Chef, hilfsbereit mir gegenüber zu sein. Und je länger ich hier sitze, umso netter werden alle zu mir. Und ich werde auch nett. Alles nett."

Gerade ist es sozusagen spannend, weil der türkischen Rechtslage zufolge Yücel spätestens am morgigen Dienstag "entweder freigelassen oder einem Richter vorgeführt werden" muss, "der über Untersuchungshaft entscheidet" (DPA). Dass er "jederzeit frei kommen" könnte bzw. "längst [hätte] freikommen müssen", sagt sein Anwalt Veysel Ok im ebenfalls lesenswerten gazete.taz.de-Interview.

Die Chancen könnten 50/ 50 stehen, da von bisher sechs wegen Berichten über dieselben Leaks, über die berichtet zu haben Yücel vorgeworfen wird, drei noch in Untersuchungshaft sitzen und drei "nach 24 Tagen Polizeigewahrsam frei" kamen. Dass der ohne Richter einfach so verhängbare Polizeigewahrsam nicht mehr 30, sondern nur noch 14 Tage dauern darf, ist eine kürzlich eingetretene Verbesserung der Lage in der Türkei.

[+++] Bemerkenswert lebhaft und auch inhaltlich bemerkenswert verläuft die vom FAZ-Korrespondent Michael Martens letzte Woche ausgelöste Sub- bis Subsubdebatte.

Die FAS hat nachgelegt mit einem Pro und Contra. Die Pro-Position "Martens hat recht" vertritt Cigdem Toprak (Martens habe "ein Thema berührt, das in den Redaktionsräumen führender Medien und in unserer Gesellschaft vor sich hin schlummerte" und "eine aufrichtige und faire Debatte verdient"). Die Contra-Position vertritt Baha Güngör (nicht frei online, wer gute Augen hat, kann hier auf Twitter Teile des Textes lesen ...). Güngör erzählt, wie er "1976 ... mit einem Volontariat bei der 'Kölnischen Rundschau' als erster 'Türke'" seine Journalistenlaufbahn begann, und fragt:

"Doch Hand aufs Herz, lieber Ulf Poschardt, Chefredakteur der 'Welt' – wäre es denkbar gewesen, dass man Deniz Yücel einen Korrespondentenposten in London oder in Rom angeboten hätte statt in der Türkei? Die ehrliche Antwort kann nur nein lauten, oder?"

Vielleicht können die Klickfüchse von welt.de zu dieser Frage demnächst, wenn Yücel hoffentlich wieder da ist, ein Voting einrichten.

Auf der FAS-Doppelseite schildert außerdem Hani Yousuf ihre Erfahrungen ("Für viele blieb ich immer 'die Kollegin aus Pakistan'. Nur bezogen sich meine journalistischen Interessen eben nicht auf Pakistan. Als ausgebildete Reporterin wurde ich dennoch aufgefordert, die Geschichte meiner Kindheit in Pakistan aufzuschreiben ..."). Und ein kurzer Text rekapituliert, wie Giovanni di Lorenzo unter dem, ähm, Pseudonym Hans Lorenz seine Journalistenlaufbahn begann.

Weitere Interviews zum selben Thema gaben Martens selbst ("wir Journalisten machen eben mehr Lärm als deutsche Lesben, serbische Nationalisten oder griechische Linksradikale zusammen") Bülend Ürük von kress.de. +++ Und der Süddeutschen die Neue deutsche Medienmacher-Vorsitzende Sheila Mysorekar ("Jeder Fünfte in diesem Land hat Migrationshintergrund, aber nur jeder fünfzigste Journalist").

Die Debatte, die mit dem von Spiegel-Chef Brinkbäumer forsch auf Martens' Kommentar gestempelten "infam" begann und die ich vor einer Woche zum aktuellen Zeitpunkt eher überflüssig fand, hat sich also zu einer vielstimmigen und ziemlich differenzierten Diskussion entwickelt.

[+++] Donald Trump hat eine Essens-Einladung ausgeschlagen!

An welchem Essen genau der US-amerikanische Präsident, der ungefähr täglich ungefähr jede deutsche Nachrichtensendung und Startseite anführt, nicht teilnahm, schreibt unaufgeregt (und nicht ohne Trumps Original-Tweet) der Standard.

Es gibt viele Gründe, Donald Trump für gefährlich zu halten. Sehr häufig werden diese Gründe auch von Journalisten formuliert. Aktuell erläutert zum Beispiel Nicolas Richter auf der SZ-Meinungsseite, warum Trumps Forderung nach Aushebelung des Quellenschutzes fatal ist; "Liebe Kolleginnen und Kollegen in den USA, seid gewarnt vor dem, was auf euch zukommt!", ruft Stefan Schaaf in der TAZ aus. Ob das sehr häufige Formulieren der Gefahren, die Trump bedeutet, in Zeiten, in denen global auch sonst sehr viele Probleme vorliegen, das Bewusstsein für diese Gefahren schärft oder gerade nicht, wird sich gewiss noch herausstellen.

Aber ausgerechnet die ausgeschlagene Presseessenseinladung als wichtige Nachricht zu vermelden, wie es heute die eigentlich gründlich berichtende SZ auf ihrer Titelseite tut (mit der Meldung "Der Streit zwischen US-Präsident Donald Trump und Journalisten spitzt sich zu: Trump sagte am Samstag seine Teilnahme am traditionellen Dinner der Korrespondenten im Weißen Haus ab") und wie es am Sonntag diverse ARD-Medien taten ("Es ist ein neuer Schlag für das Verhältnis zwischen Weißem Haus und Medien", tagesschau.de), ist keine gute Idee. Vielleicht mag es im kollektiven Oscar-Fieber, in dem sich die deutschen Medien immer um diese Zeit befinden, bis die letzte Modesünde durchgeklickt ist, erscheinen, als sei jedes Dinner in den USA eine Top-Schlagzeile wert.

Aber allen, die glauben, dass Journalisten um sich selbst am meisten Lärm machen, spielen diese Meldungen ebenfalls in die Hände.  


Altpapierkorb

+++ Die aktuelle Spiegel-Enthüllung, dass der Bundesnachrichtendienst jahrelang weltweit zahlreiche Journalisten und Redaktionen überwachte: Ist sie ein großer Aufreger mit schneller Empörung der Opposition (DPA-Übersicht, Reporter ohne Grenzen-Reaktion)? Oder "total überzogen", wie "ein hochrangiger Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes" Hans Leyendecker von der Süddeutschen sagte? +++

+++ Jetzt geht's los: das fcbayerntv auf fcbayern.com (Altpapier vom Freitag). "Die eigentlichen Leidtragenden sind aber - die Spieler. Kaum haben sie die Schuhe geschnürt, hält ihnen jemand das Mikro vor die Nase. Die Haare noch nass vom Duschen oder aus der Puste vom Sprint auf dem Trainingsplatz, fühlt ihnen ein Reporter den Puls und sollen sie etwas Wichtiges und am besten noch Witziges sagen, und das nicht nur in eine Kamera, sondern in eine nach der anderen (ohne sich zu wiederholen)", kommentierte Michael Hanfeld in der FAZ unter der Überschrift "Wird die Nachspielzeit niemals enden?" +++ Auch Leid tragen könnten "Sky, Sport1 & Co., die vom Tagesgeschäft mit Sport- und Fußball-News leben", glaubt der Tagesspiegel. +++

+++ "Das Ende des bislang bekannten Free-TV" sieht Spiegel Online mit der harten Abschaltung des alten DVB-T in einem Monat kommen. "Dass niemand das faktische Ende des Free-TV verkünden will, verwundert nicht - 'Bezahlen' war bisher ein Reizwort. Der Versuch, Bezahlfernsehen in Deutschland zu etablieren, hat Existenzen und Milliarden gekostet", schreibt Frank Patalong in seinem gut informierten Überblick. +++

+++ "Das klingt nicht nach einem schnellen Durchbruch des Digitalradios, oder?", fragt der Tagesspiegel zur Zukunft des analogen UKW-Radios und damit auch der des digitalen Standards DAB+. Deutschlandradio-Intendant Willi Steul antwortet mit dem, was DAB+-Befürworter so sagen, wenn sie nicht direkt sagen wollen, dass beim Radio auf Jahre hinaus alles bleiben wird, wie es ist. +++

+++ "Allerdings gibt es eine Lust auf gekonnt auffrisierte Storys, die Teilen der Twitter-Sphäre und den traditionellen Boulevardmedien gemeinsam ist": Da geht Thomas Pany bei heise.des Telepolis den kursierenden Gerüchten, dass "ganz Frankreich ... in Flammen" stehe und das "im Land selbst ... vertuscht" werde, vorm Hintergrund des "Glaubwürdigkeitsverlusts der Leitmedien" nach. +++

+++ Vorn auf dem FAZ-Feuilleton berichtet Kerstin Holm über "die hinterhältige Geheimdienstschule des russischen Journalismus" und ihr Rezept des "faulen Herings". +++

+++ Der TAZ-Artikel "Blick nach rechts" ist keine Fortsetzung der Reihe "Rein in die rechte Blase", sondern nimmt "Monitor"-, also  ARD-interne Kritik an den Themen der öffentlich-rechtlichen, vor allem von der ARD gesendeten Polit-Talkshows auf. +++

+++ Inzwischen frei online: der FAZ-Bericht des Politischen Korrespondenten in Baden-Württemberg, Rüdiger Soldt, von seinem Ausflug nach Rottenburg, wo der Kopp-Verlag ansässig ist ... +++

+++ Das Fernseh-Erfolgrezept, "so heftig, wie man das mit einer Hand kann, weil man mit der anderen ja ein Mikrofon halten muss", an Türen zu rütteln, beschreibt Hans Hoff in seiner dwdl.de-Kolumne. +++

+++ Und einen kuriosen Plan, in einer deutschen Großstadt eine ganz neue gedruckte Tageszeitung zu etablieren, könnte es auch wieder geben (meedia.de). +++

+++ "Man könnte auch sagen: Tweets wie die zitierten verbinden die Nachteile mündlicher und schriftlicher Kommunikation. Aus der mündlichen zweigen sie das Unbedachte, Impulsive ab, ohne die Möglichkeit zur leichten Selbstkorrektur, zur Relativierung oder auch nur zur Bereinigung von Missverständnissen und Peinlichkeiten zu haben. Von der Schrift borgen sie sich die Fernwirkung und den Anschein des Ernsthaften, Generellen, ohne erklären zu wollen, was genau gemeint ist und wie man eigentlich darauf kommt, die Mitteilung sei wichtig. So entsteht leicht der Eindruck von Leuten, die sich nicht ihrer Arbeit halber, sondern in ihrer ungewaschenen Subjektivität für derart wichtig halten, dass noch ihre Affekte und Stoßseufzer alle angehen sollen" (Jürgen Kaube in einem FAS-Kommentar, in dem es vor allem um die Tweets eines amtierenden US-amerikanischen Präsidenten geht ...). +++

Neues Altpapier gibt's wieder am Dienstag.