Wege aus dem Schlamassel

Wie geht es weiter, wenn Journalisten nicht mehr erwünscht sind? Die Nachrichten-Agentur Reuters hat eine eindeutige Antwort. Das Magazin "The New Yorker" findet, fünf W-Fragen reichen nicht mehr aus. Sascha Lobo hat einen Tipp, wie man nicht durchdreht. Und um sich daran gleich zu halten: ein paar Anekdoten von den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten.

Die erste Meldung, die ich heute Morgen las, war ein Facebook-Posting von Nicholas Kristof von der New York Times, der schrieb: 

"Wer hätte gedacht, dass es sogar möglich ist, die Beziehungen zwischen den USA und Australien in die Luft gehen zu lassen. Sie sind kindersicher. Aber, leider, nicht Trump-sicher."

Der Tag begann also mit der Frage: Was ist denn jetzt schon wieder los? Und diese Frage, verbunden mit der Suche nach einer Antwort, ist in den vergangenen Wochen für mich und sicher auch viele andere zu einem allmorgendlichen Ritual geworden, auf das ich irgendwann gerne wieder verzichten würde. 

In diesem Fall ging es um ein Telefongespräch zwischen Donald Trump und dem australischen Premierminister Malcolm Turnbull, in dessen Verlauf Trump laut Washington Post gesagt haben soll: "Das ist das schlimmste Telefongespräch seit langem." Um später einfach aufzulegen.

So etwas liest man nicht so oft, nachdem Staatschefs miteinander telefoniert haben. Und dass man es liest, wirft einige Fragen auf. Nach dem Bericht der Washington Post waren während des Gesprächs nur Donald Trumps Chefstratege Steve Bannon, Sicherheitsberater Michael Flynn und Regierungssprecher Sean Spicer mit im Raum. Als Quelle nennt die Zeitung "höhere US-Beamte". Sie haben der Washington Post unter anderem gesteckt, Trump habe mal wieder mit seinem Wahlsieg geprahlt

Die Frage ist: Warum landet so eine Information in der Öffentlichkeit? Machen Steve Bannon, Michael Flynn oder Sean Spicer sich nach den Gesprächen für andere hörbar über ihren Chef lustig? Wer sonst weiß über den Inhalt der Gespräche Bescheid und hat gleichzeitig ein Interesse daran, Donald Trump so unvorteilhaft dastehen zu lassen? Und wie verlässlich sind die Informationen dann? Oder nützen sie Trump doch irgendwie? 

Falls ich jetzt bei irgendwem die Hoffnung geweckt haben sollte, darauf eine Antwort geben zu können: Nein, kann ich leider nicht. Stattdessen möchte ich etwas Hoffnung verbreiten, denn wenn die Washington Post hier nicht zum Opfer einer PR-Strategie geworden ist, die ich selbst noch nicht durchschaut habe, wäre das alles doch ein Hinweis darauf, dass die Journalisten trotz des von Trump erklärten Krieges in der Lage sind, an Informationen zu gelangen, die nicht in den Mitteilungen des Weißen Hauses enthalten sind. 

Und da fällt einem wieder ein: Ach genau, das ist ja Journalismus

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Reuters-Chefredakteur Steve Adler hat daran jüngst in einem Memo an seiner Mitarbeiter erinnert. Es geht um die Frage: Wie wird Reuters über die Trump-Regierung berichten?

Seine Antwort in Kurzform: Genauso wie in all den anderen Ländern, wo Journalisten nicht erwünscht sind. 

In dem Zusammenhang ganz interessant ist eine Regel, die jeder Journalist irgendwann lernt, aber manchmal unter Mithilfe seines Arbeitgebers schnell wieder vergisst. 

"Wenn eine Tür sich schließt, öffnet sich eine andere." 

Und damit verbunden: 

"Gib nichts auf Handouts und mach dir keine Gedanken über offiziellen Zugang. Der war eh noch nie wertvoll. (…) Was wir haben, sind Quellen."

An diese Sätze kann man immer ganz gut denken, wenn man das vor allem bei Regionalzeitungen so beliebte Wort "Medienpartnerschaft" liest - also das Übereinkommen, auf kritische Berichte im Tausch gegen exklusive Informationen zu verzichten, bei denen sich dann aber meistens hinterher herausstellt: Es war doch nur exklusives PR-Material. 

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Mit diesem Gedanken im Hinterkopf erscheint die Meldung, dass der Fußballverein 1860 München drei Zeitungen die Dauer-Akkreditierungen entzogen hat, weil er mit der Berichterstattung nicht zufrieden war, dann plötzlich gar nicht mehr so schlimm. Wenn die Zeitungen sich selbst eine Dauerkarte kaufen, kann der Verein nicht drohen. Und wenn die Informationen nicht mehr vom Vereinspressesprecher kommen, tut das der Sportberichterstattung vielleicht sogar gut. Blöd halt nur für die Reporter: Sie haben mehr Arbeit. 

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Aber vielleicht geht es nicht anders. Vielleicht müssen sie sich mehr Arbeit machen. Und vielleicht reicht es auch nicht mehr aus, die fünf W-Fragen zu stellen. Der Meinung ist das Magazin "The New Yorker" jedenfalls. Luke Burns schlägt vor, weitere Fragen zu ergänzen, nämlich zum Beispiel die A-Fragen: 

"Are you fucking kidding me?  

These days, journalists will often be asked to report on things that sound like sick fucking jokes. As a reporter, you should always confirm that the event you're covering is not a tasteless prank, misguided attempt at performance art, or some kind of depraved clown show in a demented carnival of vulgarity."

Und:

"Am I dreaming?

When confronted with strange, unsettling events that seem to proceed according to their own unfathomable logic, reporters should also make sure they're not having some kind of fever dream. What you're seeing could very well just be a nightmare, but believe it or not, it might also be an actual event that is actually happening in the real world we actually live in—a reality from which there's no escape."

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Vielleicht noch mal zur Erinnerung: Das Thema heute lautet: Was Journalisten jetzt tun sollten? Und zu dieser Frage steckt auch in Sascha Lobos Spiegel-Online-Kolumne eine interessante Antwort. Er gibt angesichts des ganzen Schlamassels eine "Anleitung, wie man nicht durchdreht". Und wenn das möglich sein sollte, warum nicht?

Teil der Anleitung ist zum Beispiel der nützliche Hinweis:

"Man muss ein Sensorium dafür entwickeln, wo das Laute das Wichtige verdeckt. (…) Wegen falscher Aufreger herumzutoben hilft niemandem oder Trump." 

Lobo rät: 

"Es gilt, die Debatte nach Deutschland zu verlängern. Schimpfen Sie, wenn etwa Kai Diekmann sich in Trump-Interviews an ihn heranwanzt."

Am ersten Teil arbeiten wir hier schon eine Weile. Zum zweiten wollte ich gerade kommen, aber dann bin ich an diesem Welt-Interview mit Zeitungsverleger-Präsident Mathias Döpfner hängengeblieben, in dem bis auf die Interview-Form vieles an eine Pressemitteilung des Zeitungsverleger-Verbands erinnert

"Sie klingen sehr optimistisch…

Ja. (…)"

"Wie halten Sie es denn mit der Nähe?"

Gute Frage. (…)"

"Zu guter Letzt: Würden Sie wieder Journalist werden"?

Unbedingt. (…)"

Unter anderem geht es aber auch um die Frage, ob Zeitungshäuser Facebook beim Faktenchecken helfen sollte. ARD und ZDF seien ja auch gefragt worden. Und das hätte sogar Döpfner fast umgehauen:

"Da bin ich sprachlos. Ich verstehe nicht, wie man Gebührengelder missbrauchen könnte, um das Glaubwürdigkeitsproblem eines Weltmonopols zu lösen, das Milliardengewinne erwirtschaftet. Ich hoffe, dass es sich um ein Missverständnis handelt. Dazu eine Anekdote: Ein internationaler Verleger hat mir berichtet, dass Facebook bei ihm nach "Fact-Checkern" gefragt hat. Der Verleger antwortete: ‚Ja, wir haben Fact-Checker – wir nennen sie Journalisten.' Genau das ist es: Unsere beste Methode, die Leute vom Konsum von Fake News abzubringen, ist, wenn wir authentisch und wahrhaftig berichten. Das ist die Aufgabe von Zeitungen. Und das heißt: Durch gute Recherche die Wahrheit ans Licht bringen und sie veröffentlichen, auch wenn es unbequem ist."

Vielleicht sollte man die Hoffnung nicht aufgeben, dass Döpfner diese Methode irgendwann auch bei der Bild-Zeitung durchsetzen wird. 

Zum Thema Fake News hat Michael Hanfeld auf seiner FAZ-Medienseite auch noch eine kleine Anekdote. Sie hat selbstverständlich ebenfalls mit den öffentlich-rechtlichen Sendern zu tun. Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer hat nämlich gesagt: 

"In Zeiten von 'social bots', 'filter bubble' und fake news' kommt dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk und damit den Fragen seiner Finanzierung in einer demokratischen Gesellschaft eine besondere Bedeutung zu."

Michael Hanfeld befürchtet nun: 

"Damit dürfte die Begründung für zunehmende Finanzwünsche der öffentlich-rechtlichen Sender gefunden sein. Was bedeutet: 'Make the Rundfunkbeitrag Great Again!'"

Auch Joachim Huber kritisiert für den Tagesspiegel die öffentlich-rechtlichen Sender. Er stört sich allerdings vor allem an der Programmgestaltung. 

"ARD und ZDF senden seit Jahren ein überkommenes Schema. Vorhandene Kreativität wird mehr verwaltet und weniger gestaltet. Es gibt kaum eine Reaktion auf die fundamentalen Veränderungen in der Nutzung und im Angebot der Medien. Das Erste wirkt nachgerade angsterstarrt, wenn es um Flexibilität und Neuerung geht. (…) Das ZDF hat sich einem Ziel verschrieben: Marktführerschaft. Das wird glänzend erreicht (…) Erfolg geht mit Einfallslosigkeit einher. Höhepunkt des Quotenwahns: Wenn das Erste am Dienstag Fußball zeigt, ersetzt das Zweite sein Magazin "Frontal 21" regelmäßig mit seichten Wiederholungen. Der Marktanteil darf nicht wanken, Niveau und Anspruch dürfen schwanken."

Und eine letzte Anekdote zum Thema Fake News. Matthias Matussek rätselt seit Mittwochmorgen, wer ihm einen sechsstellig dotierten Job mit Dienstwagen angeboten haben könnte. Ihm. 

Irgendwer hatte angerufen und gefragt, ob er nicht Deutschland-Chef der Propaganda-Pinnwand Breitbart News werden wolle. Klang nicht schlecht. Matussek hatte um Bedenkzeit gebeten. Aber dann hatte ihm gedämmert, dass das ein Trick gewesen sein könnte. Wohl aus Angst, sich zum Gespött zu machen, machte er sich umgehend bei Facebook zum Gespött, indem er alles zugab und die Sache der Titanic in die Schuhe schob. Titanic-Chefredakteur Tim Wolff dementierte allerdings später und teilte mit:

"Vermutlich übt sich Matussek als Bewerbung für Breitbart schon mal in der Verbreitung von Fake-News. Wir drücken ihm die Daumen, daß er den Job bekommt. Er passt zu ihm."

Als Meedia später noch mal nachfragte, wie Matussek denn auf die Titanic gekommen sei, gab er auch noch einen Einblick in seine Vorgehensweise bei der Verifizierung von Fakten. 

"Er habe geglaubt, dass es sich um einen Scherzanruf gehandelt habe und dies direkt mit dem Titanic-Magazin in Verbindung gebracht. ‚Wer soll es denn sonst gewesen sein? Die machen ja öfter solche Scherzanrufe.'"

Die ganze Sache ist, Stand Donnerstag 9.44 Uhr, weiterhin ein großes Rätsel


Altpapierkorb

+++ Die ZDF-Reporterin Birte Meier ist vor dem Berliner Arbeitsgericht mit ihrer Klage gegen das ZDF gescheitert. Geklagt hatte sie, weil sie der Meinung ist, für die gleiche Arbeit schlechter bezahlt zu werden als männliche Kollegen (Altpapier). Der Richter sah das anders. Die Berichterstattung über den Fall war nicht überall so, dass man sie in einem Lehrbuch veröffentlichen könnte. Zum Beispiel stand nicht überall, dass Birte Meier anders beschäftigt ist als die männlichen Kollegen, mit denen sie ihr Einkommen vergleichen hat. "Wer in den vergangenen Wochen in der ‚Berliner Zeitung', der ‚Süddeutschen Zeitung' oder bei ‚Edition F' über den Fall las, für den ist das eine neue Information. In der festen Überzeugung, dass der Vorwurf gegen das ZDF schon bewiesen sei, machten sie sich nicht die Mühe, auf Feinheiten des Verfahrens hinzuweisen", bemerkt Altpapier-Kollegin Juliane Wiedemeier in einem Text für Übermedien (kostenpflichtig). Auch FAZ, Süddeutsche, Berliner Zeitung und fast alle anderen berichten. 

+++ Constantin Blaß wird Chefredakteur vom Kölner Express. Kann aber gut sein, dass das im Verlag nicht das wichtigste Thema der Woche ist, denn es steht noch eine weitere wichtige Entscheidung an: "Mitarbeiter und Beobachter sind skeptisch und erwarten vor allem personelle Einschnitte und im Zweifel die Zusammenlegung der Redaktionen von Express und Stadt-Anzeiger", schreibt Marvin Schade für Meedia.

Nachtrag: Turi2 meldet, dass "Kölner Stadtanzeiger" und "Express" sich künftig einen Newsroom teilen.

+++ Die neue ARD-Anwaltsserie "Dimitrios Schulze" gefällt Heike Hupertz ganz gut. "Eine gelungen aktualisierte Mischung aus ‚Anwalt Abel', ‚Liebling Kreuzberg' und ‚Türkisch für Anfänger'", schreibt sie auf der FAZ-Medienseite. "Dimitrios Schulze ist ein würdiger Amtsnachfolger in der vorübergehend vakanten, traditionsreichen Position des ‚Kleine-Leute-Anwalts mit Herz' im deutschen Fernsehen.

+++ Wie verzwickt die ganze Sache mit den Fake-Identitäten und Fake-News ist, wird besonders deutlich am Beispiel der Hackergruppe "Anonymous", die für Meinungsfreiheit kämpft, dann aber selbst ein Problem bekam, als eine neurechte Splittergruppe unter dem Namen "Anonymous Kollektiv" im Netz Stimmung gegen Flüchtlinge machte. "Der Fall des Anonymous-Kollektivs schärft den Blick auf eine in der aktuellen Debatte um Fake News vernachlässigte Dimension. Denn unabhängig davon, ob eine Information nun nach Faktenlange ‚echt", also ‚richtig' oder ‚nicht echt', also ‚falsch' ist oder es sich um eine Frage der Bewertung handelt, gibt es keinen Zweifel daran, dass Hetze und Aufrufe zu Gewalt gegen Personen und Gruppen egal welcher Couleur - wie sie beim ‚Anonymous Kollektiv' zu finden waren, verboten sind", schreibt Bernhard Jarosch in seinem Text für die FAZ. Und für alle, die noch zögern, den Link anzuklicken: Nicht alle Sätze in dem Artikel haben diese Länge. 

+++ Warum verfilmt das deutsche Fernsehen so viele Bestseller? Katharina Riehl hat sich für die Süddeutsche Zeitung mit dem TV-Produzenten Benjamin Benedict über Serien in Deutschland unterhalten (kostenpflichtig) und dabei zum Beispiel erfahren: "Man kann aus einem Groschenroman einen tollen Film machen - genauso, wie große Literatur leider zu einem schlechten Film werden kann." Die seiner Meinung nach interessanteste Frage stellt Benjamin Benedict mit Blick auf die Bestseller-Fixierung der Deutschen Fernsehmacher selbst: "Würde eine Serie wie Breaking Bad in Deutschland eine prominente literarische Vorlage brauchen, um eine Chance auf eine Verfilmung zu haben?" Indem er auf eigene Projekte verweist, gibt er dann auch noch die Antwort. Und wenn ich das richtig verstanden habe, lautet die: Nein. 

+++ "Zeitungsverlage wollen digital wachsen", meldet die Nachrichtenagentur epd, hier veröffentlicht von unserekirche.de. Das ist keine große Überraschung, eine andere Sache dann vielleicht schon. "In einer am Mittwoch in Berlin vorgestellten Studie des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) gaben 71 Prozent der teilnehmenden Verlage an, ihre redaktionellen Angebote vor allem im Digitalen ausbauen und damit ‚signifikante Umsätze' erzielen zu wollen", schreibt epd. Die Frage wäre: Was machen die übrigen 29 Prozent? Wollen die ihr digitales Angebot schon wieder zurückfahren? Haben sie sich mit ihrem eigenen Ende abgefunden? Hoffen sie, dass der Zeitungsmarkt sich bald vom Internet erholen wird? In der Meldung erfährt man es nicht. Aber dafür, dass ebenfalls 70 Prozent aller Verlage reine Digitalstellen für Social-Media-Redakteure einrichten wollen. Und das ist nicht weniger bemerkenswert, falls der Umkehrschluss stimmt, dass 70 Prozent aller Verlage noch keine reinen Digitalstellen eingerichtet haben. Aber gut, es ist ja auch erst 2017. 

Neues Altpapier gibt's am Freitag.