Upps! Tschuldigung!

Upps! Tschuldigung!
Ein Antisemitismus-Vorwurf an eine Springer-Zeitung (und an den NDR). Bayern funktioniert noch; "Alarmrotten im Internet" tun es leider auch. Jetzt könnte auch Apple an die Filetstücke des Journalismus wollen. Die AG Dok teilt weiter gegen ARD-Programmsultan Volker Herres aus. Ein "sehr lustiger" Bericht über Rechnungshöfe. Außerdem: frische Superlative zur deutschen Medienpolitik!

Gedruckte Zeitungen wird es sicher noch mehr oder weniger lange geben, wahrscheinlich je länger, desto weniger täglich sie neu gedruckt werden. Das Feld der täglichen Medienseiten in gedruckten Zeitungen ist bereits recht übersichtlich. Die beste, was die Zeitung als Wundertüte betrifft, in der man auch auf nicht Gesuchtes, Unerwartetes stößt, bleibt die der FAZ - auch dann, wenn man nicht alle geäußerten Meinungen teilt.

Zwar werden dort sehr, sehr oft ausführlich US-amerikanische Fernsehserien vorgestellt bzw. direkt aus Phoenix in Arizona referiert, die man in Deutschland nur auf irgendwelchen Pay-TV-Sender oder noch überhaupt nicht anschauen könnte. Aber das hat natürlich damit zu tun, dass auf der FAZ-Medienseite immer viel Platz gefüllt werden muss (und längst nicht so oft mit Eigenanzeigen oder Rätseln gefüllt wird wie auf der SZ-Medienseite, höchstens manchmal mit Todesanzeigen ...).

Heute zum Beispiel preist die FAZ gar kein US-Fernsehen an. Neben einer Nachrichtenspalte stehen da vier Artikel, von denen jeder auf seine Weise lesenswert ist. Am spektakulärsten die Glosse in der rechten Randspalte. Die Überschriften lauten: "Antisemiten-Salon/ Was 'Welt' und NDR zu Kirill Petrenko sagen, ist unfassbar". Den beiden übrig gebliebenen Springer-Zeitungen wird ja vieles vorgeworfen, oft mit Recht, Antisemitismus aber selten.

Es geht um Kommentare zur in dieser Woche bekannt gegebene Wahl des neuen Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker im Radiosender NDR Kultur (ndr.de) und bei welt.de.

"Als gäbe es beim Radio gar keine Redakteure mehr, die offen antisemitische Entgleisungen bemerken und verhindern könnten",

spekuliere die NDR-Kommentatorin, schreibt FAZ-Autorin Eleonore Büning. Und was das Springer-Medium betrifft:

"Auf 'Welt-Online' geht der Kommentar noch einen Schritt weiter: 'Petrenko, interessanterweise neben Daniel Barenboim und Ivan Fischer der dritte Jude auf einem Berliner Chefsessel, bringt, wie das auch Thielemann getan hätte, eine dominante Mutter mit in die Beziehung. Aber sonst ist ihm, was viele erleichtert hat, nichts Zwischenmenschliches fremd. Wovon mindestens eine der diesjährigen Bayreuth-Sängerinnen berichten könnte.' Nachdem ein Blogger der 'Neuen Musikzeitung' die antisemitischen Konnotationen (chefsesselgeil, frauengeil) dieser Halb-Infos aufgespießt hat, wird so eilig, dass es erst mal an der Rechtschreibung hapert, ein relativierender Nebensatz eingefügt. Jetzt heißt es: '... interessanter- wie erfreulicherweise siebzig Jahre nach dem brauen (!) Rassenspuk ...' Wie schnell das geht! Wollten die Autoren nicht sagen, was sie gesagt haben? Ja, warum haben sie es dann gesagt? Weil Nazis, Weiber, Gier, Macht und so weiter Klicks und Quote bringen. Und wegen der Geschichtsvergessenheit. Und, weil das so schnell wieder zu löschen ist: Upps! Tschuldigung! Das ist vielleicht das Ekelhafteste daran."

Sicher hätte Brüning den Blogger, auf den sie sich bezieht, durchaus namentlich nennen können, zumal sein Blog über nmz.de nicht ganz leicht zu finden ist. Martin Hufner ist es. Aber allein den Blick für dieses Thema zu haben, ist viel wert.

[+++] Wahrscheinlich mehr für eine Zeitung, als es wäre, die vor allem im Netz tobende Empörung über die ebenfalls vor allem im Netz getobte Empörung über das inzwischen abgeschaltete Halbmond-Logo des Bayerischen Rundfunks während seiner Ramadan-Sendungen zusammenzufassen.

Dazu bietet dieses Netz natürlich jede Menge Material. Z.B. erklärt der Programmbeauftragte des Bayerischen Fernsehens im Online-Interview des Bayerischen Rundfunks mit hypnotischem Lächeln, warum es abgeschaltet wurde. Hier kommentiert TAZ-Chefredakteur Andreas Rüttenauer, selber Bayer: "Der Staatssender hat die Mondsichel vom Bildschirm gebannt, bevor sich die Staatspartei einmischen musste. Bayern funktioniert noch." Und hier kommentiert die erst recht bayerische SZ im Bayern-Ressort, dass sich das Dritte Fernsehprogramm des BR "zwar vom verkalkten Verlautbarungssender der CSU zu einem richtig gut gemachten Regionalprogramm" gewandelt habe, aber doch nicht "vor der Alarmrotte im Internet und einigen CSU-Abgeordneten" hätte einknicken sollen.

[+++] Zurück auf die FAZ-Medienseite: Journalismuszukunfts-Prognosen sind das tägliche Brot der Medienmedien und klangen ja auch in diesem Altpapier schon an. In der linken Randspalte sorgt sich Adrian Lobe gründlich:

"Facebook hat 1,4 Milliarden Nutzer, Apple hat 800 Millionen Endgeräte an den Mann gebracht: Das Silicon Valley beliefert die Welt mit Nachrichten. 'Die Tech-Konzerne wissen, dass dreißig bis vierzig Prozent ihres Traffics auf Nachrichten beruhen', sagt der Medienanalyst Ken Doctor. 'Sie wollen eine integrierte Schaltstelle für ihre Nutzer schaffen.' Über die laufen dann freilich nur 'Nachrichten', die den Konzernen ins Geschäft passen."

Anlass des Artikels ist die vor wenigen Wochen vorgestellte App namens "Apple News" (siehe etwa Standard), deren Modell Lobe "stark an Facebooks 'Instant Articles'" erinnert. Überschrift: "Wie Apple und Facebook den Journalismus filetieren". Prognosen zur Zukunft der Medien zu treffen, ist bekanntlich schwierig. Im Vergleich mit der werblichen bis servilen Herangehensweise, die deutsche Medien sonst Apple gegenüber wählen, längst nicht nur, wenn neue Apple-Produkte livegetickert werden, ist auch dieser sachlich geschriebene Artikel lesenswert.

[+++] Was macht Michael Hanfeld? Hat ihn der umtriebige, ebenfalls in Frankfurt ansässige AG Dok-Vorsitzende Thomas Frickel gar nicht angerufen? Immerhin hat dieser ja auf Volker Herres' gestern hier erwähnte Replik ("haltlos", "unlauter") eine wiederum zahlengesättigte Rereplik veröffentlicht:

"Wie Herr Herres in Kenntnis dieser Zahlen zu der Einschätzung gelangen kann, dass 'der Anteil der dokumentarischen Angebote mitnichten abgenommen' hat ... , ist nicht nachvollziehbar. ... Vielleicht liegt es ja daran, dass die ARD die Bezugsgrößen ihrer statistischen Aussagen ständig verändert und dadurch allmählich selbst den Überblick verliert. "

Es geht darum, dass der ARD-Programmsultan Herres den durch Günther Jauchs freiwilligen Verzicht auf seine Talkshow und die anschließenden Umschichtungen 2016 frei werdenden Sendeplatz dienstagabends um 22.45 Uhr nutzen will, um dort Fernsehfilme und Spielfilme (immerhin "anspruchsvollere") zu zeigen. Dabei zeigt die ARD doch schon jetzt jede Menge Fernsehfilme. Noch mal Frickel:

"Ein Genre, das im Kernbereich des öffentlich-rechtlichen Programmauftrags steht, wird in der ARD mit 8,5 Prozent der Sendezeit und mit 0,2 Prozent des Gesamthaushalts abgespeist. Das ist nicht genug. Das ist armselig. Der Anteil fiktionaler Angebote im Hauptprogramm liegt hingegen schon jetzt bei 43 Prozent. Da muss doch die Frage erlaubt sein, ob ein frei werdender 90-minütiger Sendeplatz unbedingt für weitere fiktionale Angebote reserviert werden muss. Oder?"

Und hat er nun Hanfeld angerufen? Wohl jein. Hanfeld hat für die heutige FAZ-Medienseite einen ausgeruhten, aus langjähriger Leseerfahrung umfangreicher Akten gespeisten Artikel über Rechnungshöfe-Berichte zu öffentlich-rechtlichen Sendern geschrieben.

"Vor ungefähr zehn Jahren schrieb ein Referatsleiter des Rechnungshofes Rheinland-Pfalz einmal einen sehr lustigen Bericht und stellte ihn ins Internet. 'Planung und Abwicklung von Rundfunkprüfungen' lautet der Titel des Stücks, das man noch heute finden kann. Unter diesem berichtet Hans-Peter Rottmann, der sich später mit dem rheinland-pfälzischen Nürburgring-Debakel beschäftigte, wie das so ist, wenn man die Finanzen öffentlich-rechtlicher Sender wie die des SWR oder des ZDF prüfen will",

geht es los. Hier steht das "lustige" Stück noch im Netz (PDF). Aktueller Anlass: ein "aktuelles Gutachten des wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages", das sich im Prinzip dafür ausspräche, Rechnungshof-Berichte öffentlich zugänglich zu machen, sofern "Betriebs- und Geschäftsgeheimnisse" der Sender gewahrt blieben. Als solche Geheimnisse betrachten die Sender freilich die Summen, mit denen sie teure Sportrechte oder seinerzeit teure Moderatoren wie Thommy Gottschalk (dabei erwähnt Hanfeld die AG Dok) dem Privatfernsehen wegschnappen... Auch das also ein komplexer, ebenfalls sachlicher Bericht über ein Medienthema, das die Medienmedien noch beschäftigen wird.

Apropos Wissenschaftlicher Dienst des Bundestags: Diesem gegenüber hat die schon erwähnte Springer-Zeitung Die Welt gerade vor dem Bundesverwaltungsgericht ein wichtiges Urteil erstritten. Der Dienst ist nun also "eine Behörde im Sinne des IFG" (SZ), des Informationsfreiheitsgesetzes, und muss daher Zeitungen bzw. Bürgern "Zugang zu amtlichen Unterlagen" gewähren. Es ging um Arbeiten, die dieser Dienst für Karl-Theodor zu Guttenberg geleistet und die dieser längst ehemalige Bundesverteidigungsminister dann für seine (auch ehemalige) Dissertation verwendet hatte.

Die Transparenz (für die Hanfeld natürlich ist) schreitet also voran.


Altpapierkorb

+++ Superlative erklingen selten, wenn deutsche Medienpolitik beschrieben wird. Aber hier hagelt es welche: Eine "der größten und peinlichsten Possen ... , die es in der deutschen föderalen Medienpolitik jemals gegeben hat", habe die MABB, die Medienanstalt Berlin-Brandenburg, veranstaltet, und dabei "die größte Unfähigkeitsbescheinigung", die eine Medienwächter-Behörde bisher erhielt, sich selbst ausgestellt. Das schreibt Dieter Anschlag in der Medienkorespondenz. Anlass sind die Kabalen um die Nachfolge des noch immer amtierenden Berlin-Brandenburger Medienwächters Hans Hege (siehe zuletzt dieses Altpapier). +++

+++  Im aktuellen epd medien-Heft berichtet Fritz Wolf anlässlich des Branchentreffs "Dokville" über Dokumentarfilmer und soziale Medien: "Die Filmförderung ist so konstruiert, dass der Aufbau von begleitenden Webseiten nicht zu den sogenannten 'Herausbringungskosten' gerechnet wird, Internetauftritte werden also nicht gefördert. Für Filmemacher und Produzenten wird das zum Problem. In den Sendern wird inzwischen überall auch ein Konzept für Social Media verlangt. Manche Themen kommen nur noch durch, wenn sie Klickzahlen versprechen ..." +++

+++ Wenn Sie sich von vielen Halbmond-Logo-Kommentaren deprimiert fühlen: "Die Reaktionen der empörten Fahrgäste aber ermutigen", schreibt wiederum welt.de zu einem "gewagten Experiment, das der WDR in einem Essener Bus wagte", in dem er spezielle "Sitzplätze für Deutsche" reservieren ließ. "Das TV-Experiment wird am 25. August um 21 Uhr in der WDR-Sendung 'Quarks & Du' ausgestrahlt." Wobei eine Frau gleich nach der versteckten Kamera fragte ... +++

+++ Eigentlich sollte die 4664. Folge "Verbotene Liebe" unter dem Folgentitel "Reinen Tisch" bloß ein Staffelende sein, "nun hat die ARD entschieden, das Format endgültig zu kippen. An diesem Freitag läuft nach 20 Jahren und sechs Monaten die allerletzte Folge". Auf der SZ-Medienseite weiß Carolin Gasteiger dazu zu berichten: "ARD-intern galt 'Verbotene Liebe' immer als das Lachsschnittchen, 'Marienhof' hingegen als Wurstbrot". +++ "Den Sendeplatz ... übernimmt vom 3. Juli an Schauspielerin Cordula Stratmann mit ihrer neuen Serie 'Die Kuhflüsterin'" (FAZ). +++ Zum Zeitpunkt des langen Interview mit Wolfram Grandezka, das tagesspiegel.de bringt, schien das Aus noch gar nicht so klar gewesen zu sein. +++

+++ Zum gestern oben im Altpapier erwähnten Die Zeit-Essay meint Ronnie Grob (presseverein.ch): "Die 'Zeit'-Journalisten geben sich Mühe, die Kritik dennoch ernstzunehmen, driften dann aber sofort wieder ab in das Selbstmitleid." +++ Wer Lust hat bzw. Zeit, kann ab Freitagnachmittag den in der Zeit angegeben Link zeit.de/medien-vertrauenskrise anklicken und schauen, ob etwas passiert ...  +++

+++ Der inzwischen beendeten, in ihren Umständen aber weiterhin seltsamen Verhaftung des ägyptischen Journalisten Ahmed Mansur in Berlin geht der zeit.de-Blog Recht subversiv nach

+++ Die Betriebsräte der nordrhein-westfälischen Funke-Zeitungen, die zugunsten der entstehenden Berliner Zentralredaktionen weiter ausgedünnt werden sollen, wollen eigentlich nur "vertrauensvolle Atmosphäre in unseren Sozialplan-Verhandlungen". Sie bekommen laut Bülend Ürük aber nicht einmal die (kress.de). +++

+++ Den Nutzen der oben erwähnten Transparenz betont ein weiterer medienkorrespondenz.de-Artikel mit Blick auf Österreich. +++

+++ Den neulich hier erwähnten Kinofilm "Die Lügen der Sieger" hat sich meedia.de angeschaut. Wer die Inhaltsangabe dort gelesen hat, muss ihn sich nicht mehr anschauen. +++

+++ Beim Berliner DJV (bzw. einem der beiden Berliner Landesverbände) gibt's "Aufregung um eine Stasi-Affäre" (Tagesspiegel). +++

+++ Die SZ-Medienseite empfiehlt schon mal "den ersten 'Polizeiruf 110', den Christian Petzold geschrieben und inszeniert hat, sein erster Sonntagskrimi überhaupt". Er werde aber nicht Petzolds letzter sein, "eine Werwolf-Geschichte aus dem Chiemgau" sei schon in Planung. +++ Und "Manchmal würde ein Schweigegelübde helfen" lautet die Überschrift zum vierten Artikel der FAZ-Medienseite, einer Besprechung des heute abend bei Arte gesendeten Kloster-Films "Schwestern". +++

Neues Altpapier gibt's wieder am Montag.

 

weitere Blogs

Katharina Payk hat eine Auswahl religiös-queerer Podcasts zusammengestellt.
„Adventskränze sind spießig, bürgerlich, altbacken!“  So zumindest las ich es kürzlich in den sozialen Medien. Ausgerechnet waren es dann noch lauter Theolog*innen, die das unterstützenswert fanden, meine Kolleg*innen. Ich habe, ganz entgegen meiner Natur, in dieser illustren Runde mal meine Klappe gehalten. Denn ich war verletzt und habe erstmal nicht verstanden, warum überhaupt. Bis ich im Auto saß und White Christmas im Radio lief. Ich drehte die Musik lauter und musste beim Mitsingen auch noch Grinsen. Ich liebe Weihnachts-Pop-Musik. Und ja, es wird für mich auch nicht Advent, wenn kein Adventskranz auf dem Tisch steht.
Eine Konditorei in Bad Königshofen erntete einen Shitstorm für eine eigentlich gute Idee
Inspekteure der italienischen Küstenwache ("Guardia Costeria") haben eine "Porte State Control", eine Art technische Inspektion, auf der "Sea-Watch 4 durchgeführt.
Nach einer elfstündigen Inspektion des Rettungsschiffes fanden die italienischen Kontrolleure nach ihrer Ansicht 22 Mängel, die vor einem neuen Auslaufen der "Sea-Watch 4" behoben werden müssen. Die Festsetzung ist keine Überraschung für die Crew, schildert Constanze Broelemann aus Palermo. Die Behörden hätten schon in der Vergangenheit die Praxis der expliziten Fehlersuche gewählt, um Schiffe von Nichtregierungsorganisationen (NGO) an die Kette zu legen.