Die Filmografie von Regisseur Miguel Alexandre weist diverse Mehrteiler auf, die in die Kategorie "Event"-Fernsehen gehören. Für die ARD hat er unter anderem den Udo-Jürgens-Film "Der Mann mit dem Fagott" oder das Mutter-gegen-Stasi-Drama "Die Frau vom Checkpoint gedreht, für RTL das Flieger-Epos "Starfighter". Zwischen 2015 und 2020 hat sich der gebürtige Portugiese jedoch darauf konzentriert, die ZDF-Gotlandkrimireihe "Der Kommissar und das Meer" neu zu erfinden.
Auch sein Auftaktfilm zur 2017 gestarteten ZDF-Reihe "In Wahrheit" ist eher keins jener Projekte, für die ein Sender Plakatwände mieten würde. Der Film erzählt eine gewöhnliche Krimigeschichte nach dem Muster "Die Spur führt in die Vergangenheit": Nach der Ermordung einer Prostituierten stößt die ermittelnde Kommissarin Judith Mohn (Christina Hecke) auf einen alten Fall.
Damals ist eine junge Ausreißerin spurlos verschwunden. Warum die Ermittlerin ahnt, dass es einen Zusammenhang zwischen den beiden Ereignissen gibt, wird zwar nicht recht deutlich, aber der Film spielt im Raum Saarlouis, wo es vermutlich noch weniger Morde gibt als im Rest der Republik; da liegt es dann wohl nahe, nach Zusammenhängen zu suchen. Davon abgesehen könnte sich die Geschichte überall zutragen; Alexandre hätte sie auch als neue Episode der Gotland-Krimis erzählen können.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Dass dem ZDF mehr als nur ein Feld-, Wald- und Wiesenkrimi vorschwebte, zeigt Liste der Mitwirkenden: Selbst für kleinste Rollen wurden namhafte Schauspieler engagiert. Die Eltern des verschwundenen Mädchens zum Beispiel werden von Ulrike Krumbiegel und Peter Kremer verkörpert, die aber kaum was zu tun haben.
Das Drehbuch stammt von Harald Göckeritz, der schon oft mit Alexandre zusammengearbeitet hat; für "Grüße aus Kaschmir" wurden die beiden 2005 mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Ihr jüngstes gemeinsames Werk wirkt allerdings eher unspektakulär, auch wenn die elegante Bildgestaltung – Alexandre führt auch die Kamera – von sichtbarer Sorgfalt geprägt ist. Es gibt diverse schwungvolle Kamerafahrten und -flüge, die mitunter allerdings mehr Dynamik suggerieren, als die Geschichte hergibt.
Echte Spannung oder Anteilnahme will sich ebenfalls nicht einstellen, dafür kommen die Nebenfiguren einfach zu kurz. Andererseits erzählt der Film interessante Dramen am Rande, etwa vom Ehepaar Kupka (Anna Loos, Christian Berkel), dem nicht nur die Liebe abhanden gekommen ist, wie ein beiläufiger Blick auf eine Narbe am Handgelenk verrät. Reizvoll ist auch die Figur eines Polizisten im Ruhestand.
Markus Zerner (Rudolf Kowalski) hat einst den Dienst quittiert, weil er den Eltern der verschwundenen Maria keine Gewissheit über das Schicksal ihrer Tochter verschaffen konnte; für sie ist die Judith Mohn reaktiviert ihn gewissermaßen. Schließlich stellt sich raus, dass der erste Todesfall ein völlig sinnloses, absurdes Unglück war, und womöglich war diese Idee der Ausgangspunkt der ganzen Geschichte.
Von den verschiedenen Leerstellen abgesehen ist "In Wahrheit" ein Krimi, der sich gut anschauen lässt. Anna Loos, stark geschminkt und dadurch noch strenger wirkend als sonst, gelingen als innerlich verhärmte Fernfahrerfrau intensive Momente. Fast zu groß für ihre Mini-Rolle ist auch die junge Emilia Bernsdorf, die seit zwei Jahren regelmäßig Glanzlichter setzt; sie spielt in den Rückblenden die verschwundene Maria. Sehenswert ist der handlungsreiche Film auch wegen Christina Hecke, selbst wenn sie Frauen wie Judith Mohn regelmäßig verkörpert: empathisch, freundlich, ruhig, außerdem attraktiv und langbeinig.
Abgesehen von den Eheproblemen also eine erfrischend positive Hauptrolle, die komplett ohne die üblichen Ermittlermacken auskommt. Im Anschluss (21.45 Uhr) zeigt Arte den dritten Film der Reihe. "Still ruht der See" ist ein sehr unaufgeregter Krimi, der die Kommissarin mit ihren Wurzeln konfrontiert. Die Geschichte lebt vor allem von ihren vielen Ebenen, in denen es nicht nur um eine vermeintliche Erpressung und tatsächliche Homosexualität geht, sondern auch um eine pubertäre Wette sowie die Frage, wann aus Sex Vergewaltigung wird.


