Tanzt auch mal mit Journalisten!

Tanzt auch mal mit Journalisten!
Angesichts der laufenden Medien-Apokalypsen plant die CDU schon, die Akzeptanz von Zeitungen zu erhöhen. Was geht auf den großen Medien- und Netzkonferenzen und -kongressen zwischen Berlin (#rp15) und Wien? Außerdem: "Bonnie und Clyde in Auschwitz". Die Süddeutsche fällt durch.

Gerade ist Hochsaison der Medienkongresse. Außer den hier schon genannten Republica in Berlin und European Newspaper Congress (endete am Dienstag in Wien) laufen noch der Medientreffpunkt Mitteldeutschland in Leipzig sowie der Shootingstar in der dicht besetzten Champions League der deutschen Medienkongresse, die Media Convention (mit der Republica verwoben, also wiederum in Berlin).

Dass über Probleme nicht viel diskutiert und (laut) nachgedacht würde, bleibt also weiterhin kein Problem des Journalismus.

Eher ist eines, dass neue "Strömungen" alle breit diskutierten Problemlösungs-Ideen immer "noch stärker als gedacht" hinwegspülen. Aktuell am bildgewaltigsten wurden sie auf keinem Panel beschworen, sondern im wiwo.de-Blog look-at-it. Die beiden ersten "Apokalypsen der Medien" bestünden darin, dass "der Markt für Online-Anzeigen regelrecht kaputt" und damit "Reichweiten-orientierte Geschäftsmodelle tot" seien, und dass zweitens "Mobilanzeigen auf Smartphones und Tablets wiederum nur ein Zehntel der Umsätze von Internet-Werbung auf PCs" einbringen, mit denen ja schon kaum jemand zufrieden ist. Dass solche Mobilanzeigen zu einem großen Teil vor allem deswegen wirken, weil es für sog. Smartphones keine Adblocker gibt und viele Nutzer, wenn sie mit dem Döner in der anderen Hand ihr Touchscreen bedienen, eher versehentlich auf Werbeflächen touchen, ließe sich noch hinzufügen, wäre aber vielleicht keine Apokalypse. Jedenfalls mutet Krokers Fazit "Die Suche nach dem heiligen Gral einer erfolgreichen digitalen Transformation in der Medienindustrie geht einstweilen weiter" am Ende geradezu verharmlosend an.

Auch zusehends Journalismus-apokalyptisch angehaucht ist Rainer Stadler von der Neuen Zürcher Zeitung (obwohl dort ja nun Anita Zielina im Haus ist):

"Die riesige Menge an Artikeln, die im Internet gebührenfrei zur Verfügung stehen, ist zur grossen Bedrohung fürs informationsverarbeitende Gewerbe geworden",

leitet er seinen aktuellen Blogbeitrag ein und bricht dann einen Vergleich, der auf Unternehmens-, also Verlage-Ebene schon auf allerhand Medienkonferenzen strapaziert wurrde, auf die Ebene der Beschäftigten, also der Journalisten herunter:

"Dieselbe schmerzhafte Erfahrung machte bereits die Musikindustrie, deren CD-Absätze einbrachen. Einige Musiker vermögen die Verluste durch Konzerte zu kompensieren, für Journalisten hingegen ist das etwas schwieriger. Welcher Leser will schon mit einem Dienstleister, der zumeist schlechte Botschaften überbringt, einen Abend durchtanzen?"

[+++] Der tagesaktuell härteste Tiefschlag für den Journalismus kommt aus einem Milieu, in dem man sich aus jahrzehntelanger Erfahrung auf Tiefschläge, die sitzen, versteht, aus der hessischen Landespolitik.

"Es gehe darum, die Akzeptanz von Zeitungen zu erhöhen, sagte der hessische Staatskanzleichef Axel Wintermeyer (CDU) im Hauptausschuss ...",

berichtet die Medienkorrespondenz über eine Hauptausschuss-Sitzung, in der SPD und CDU (die dort nicht koalieren) über "die wirtschaftliche Lage der Printmedien in Hessen" berieten. Knallharte Schritte wurden noch nicht beschlossen, bloß eine Expertenanhörung im Juni (wenn die Experten gerade nicht über die Kongresspodien tingeln), doch wenn die Akzeptanz von Zeitungen wirklich bereits derart gesunken sein sollte, dass Landespolitiker sie erhöhen glauben zu müssen, wäre das das wohl flackerndste Alarmzeichen des Jahres.

[+++] Wurde nun in Berlin, Wien, Leipzig der Gral entdeckt?

 

 Zumindest aus Wien erreichen uns auch optimistische Lektionen, als gäben "zentrale Trends innerhalb der europäischen Zeitungsbranche" noch Anlass zu Optimismus. Fünf solche Trends hat Norbert Küpper, bewährter Fahrensmann des Zeitungsdesigns und dem Wiener Congress verbunden, formuliert.

"Die Tageszeitung wird zur täglichen Wochenzeitung oder zum täglichen Magazin",

lautet eine bzw. eine Unterthese davon (horizont.net). Wenn es nun noch der Politik (oder wer wäre zuständig?) gelänge, auch den täglichen Tag an sich zur Woche zu machen, sodass Leser und Nutzer Zeit hätten, mehr von der riesigen Mengen an Artikeln zu lesen und nutzen, könnte das ein erfolgversprechender Ansatz sein. Dass ebd. (ebd.) außerdem Gabor Steingart angeregt hatte, die Zahl der Artikel pro Zeitung zu reduzieren, war auch gestern hier angedeutet.

[+++] Die Berliner Republica, diese "riesige Mainstream-Konferenz" (Stefan Krempl bei heise.de), ist in den deutschen Medien am besten repräsentiert, gilt sie doch schon als "der größte Digital-Kongress der Welt", "als größte Konferenz für irgendwas mit Internet der Welt" (jeweils Neues Deutschland).

Es gibt den Livestream auf re-publica.de, Liveblogs (neues-deutschland.de), Liveticker (wobei Springers welt.de früh Feierabend gemacht, aber auch Inhalte der Media Convention drunter gemischt hat).

Wie ist nun die Stimmung? "Der Auftakt der Netzkonferenz re:publica" war "durch eines geprägt: Frust", hält SPONs Christian Stöcker fest und würdigt dabei das Murmeltier als "Wappentier der Frustration" (wogegen sich einwenden ließe, dass auf was-mit-Medien-Konferenzen seit jeher Murmeltiere grüßen). +++ "10 positive netzpolitische Entwicklungen", darunter bei denselben Themen, die auch für Frust sorgten, performten Leonhard Dobusch und Markus Beckedahl aber ebenfalls (t3n.de). +++ "Die Netzkonferenz ist so politisch wie nie" (Tatjana Kerschbaumer, Tagesspiegel). +++ "Die Netzkonferenz 'Re:publica' verbeißt sich in die Politik" (FAZ-Medienseite). +++ "Ernüchterung hat sich breit gemacht in der Netzgemeinde", "viel Begeisterung ist zu spüren, aber eben auch Nachdenklichkeit und Ernüchterung" (salomonisch Andreas Kemper in der Main-Post). +++ So vielfältig wie die Augen ihrer Betrachter sind, scheint die Republica also zu bleiben.

Fleißig berichtet Andrea Diener bei faz.net. Sie hat die freundliche (nicht ausgetretene!) Piratin Julia Reda zu den Themen Geoblocking und Urheberrecht interviewt, den Auftritt des Pekinger Journalismus-Professors Hu Yong beschrieben, aber auch den "Eröffnungsvortrag" Ethan Zuckermans. Und sie war so freundlich, im schon erwähnten FAZ-Medienseiten-Artikel Zuckermans vielleicht zentrale Aussage

"We believed a lot of really dumb shit"

mit "Wir haben einen ganzen Haufen Mist geglaubt" zu übersetzen.

Höhepunkt könnte gewesen sein, wie Stargast Reed Hastings Bullshit über Businesserfolg Anekdoten über "Bullshit über Businesserfolg" zum Besten gegeben hat (Media Convention-Pressemitteilung). Dass deutsche Medien an den Lippen des Netflix-Gründers hingen, um aus erster Hand berichten zu können, ob er denn weiterhin spannende und bald womöglich auch deutsche Serien produzieren lassen wird, versteht sich (Tagesspiegel; Spoiler: jeweils ja). Womit es höchste Zeit für den Altpapierkorb ist; nur die härtere Info, dass Netflix in Deutschland schon "deutlich mehr als 100.000 Kunden" haben könnte, wie Hastings dem Handelsblatt wiederum angedeutet hat, passt hier noch.  


Altpapierkorb

+++ Eher Bull- oder doch dumb shit? Jedenfalls Futter für Multiplikatoren und Medienmedien-Aggregatoren: die Kai-Diekmann-Büste auf der Republica. Hier das erschütternde meedia.de-Storify. +++

+++ Zehn negative journalistische Entwicklungen, nämlich "'Grenzfälle' journalistischer Unabhängigkeit" hat das Journalistengewerkschafts-Heft Journalist zusammengestellt und gibt online einen Überblick. Dass der Fernsehsender RTL dabei ist, ist keine so große Überraschung, aber auch die Süddeutsche "fällt durch", und zwar mit einem "als Journalismus getarnten Anzeigenkuschelumfeld". +++

+++ Und "Bonnie und Clyde in Auschwitz"? So lautet die TAZ-Überschrift zu Jens Müllers kenntnisreicher Besprechung des von Michael Ballhaus als "Associate Producer" mitverantworteten Fernsehfilms "Die verlorene Zeit", den die ARD heute abend Bayern München im ZDF entgegensetzt. +++

+++ Brennpunkte der rheinland-pfälzischen Medienpolitik sind u.a. Ludwigshafen, wo die Landesanstalt für Medien und Kommunikation sitzt und Neustadt an der Weinstraße, wo sich das Verwaltungsgericht schon lange mit Beschlüssen dieser Medienwächter befasst. Das atmet nicht den Duft der weiten Welt. Wie Volker Nünning für die Medienkorrespondenz die Drittsendezeiten-Posse um das ehemalige Vollprogramm Sat.1 zusammenfasst, ist dennoch lesenswert (und Alexander Kluge und Stefan Aust schauten auch an der Weinstraße vorbei ...). +++

+++ Berichte von der Leipziger Medienkongress? DPA/ newsroom.de. Die Lokalzeitung scheint in ihrem Internetauftritt nicht irre interessiert. +++

+++ Großes Kino oder eher ein abgeschlossener Roman ("Was ihm nun bevorsteht, ist der Anfang von etwas ganz anderem, etwas Großem. Der Anfang von etwas, das ihn beinahe ruinieren wird. Das wichtigste Projekt seines Lebens. Aber davon später, wir greifen vor ...") auf der SZ-Medienseite: Da stellt Claudia Tieschky den TV-Produzenten Thomas Kufus vor. Es geht um "Die Folgen der Tat" (am 27. Mai in der ARD) und vor allem um "24 h Jerusalem". +++

+++ Top-Thema der FAZ-Medienseite: der Trend in Trendfirmen des Silicon Valley, außer CEOs und CFOs nun auch CHOs anzuheuern - Chief Happiness Officers. Bei Google laute der Titel allerdings Chief Happiness Executive. Dieser Chade-Meng Tan habe ein Panel mit dem Titel "Make Yourself the Happiest Person on Earth" geleitet. +++

+++ Ob es die Akzeptanz hessischer Zeitungen erhöht, wenn die FAZ-Medienseite nun (mit Fotos!) dokumentiert, wie das sog. Netz über das aufsehenerregende Kleid einer prominenten Popsängerin reagierte ("'Die größte Tortilla der Welt', spottet ein Spanier und plaziert Rihanna samt Galakleid in eine beschichtete Pfanne. Andere sahen eher eine Schale mit frittierten Zwiebelringen in dem Arrangement ...") - unklar.  +++ Aber auch wieder ein ernstes Minderheitenthema auf der FAZ-Medienseite: Eva-Maria Lenz berichtet vom Hörspielpreis der Kriegsblinden. +++

+++ "JournalistIn zu sein, heißt ja heute, mit der Wünschelrute über den Boden zu kriechen, in der Hoffnung, neue Einnahmequellen aufzuspüren. Und sich dabei selten doof anzustellen, weil man so viel Bedenken hat ...", heißt es in der wöchentlichen TAZ-Kriegsreportage. +++

+++ Gruner+Jahr-Medien sind in Medienmedien selten Thema, aber nun kann sich Geo nicht nur rühmen, Teil der Top Ten-Liste des Journalist zu sein ("Geo geht zusammen mit Nicko Cruises 2016 auf Flusskreuzfahrt. Die Redaktion wird eingespannt"), sondern erntet mit einem seiner Ableger auch noch Artikel der Frankfurter Rundschau: "'Geo Epoche' verbreitet in ihrer jüngsten Ausgabe über den RAF-Terror ein Zerrbild des berühmt-berüchtigen Göttinger 'Buback-Nachrufs' - und beruft sich dabei auf journalistische Freiheiten ..." +++

+++ Und das Zusammenwachsen von Netz-/ Digitalpolitik und Automobilindustrie steht noch nicht so im Fokus, wird aber in diesem TAZ-Kommentar gestreift ("Carsharing kommt im Rechenschaftsbericht [Martin] Winterkorns ebenso wenig vor wie Datenschutz - bemerkenswert für einen Konzern, der bis 2020 jeden Neuwagen mit dem Internet verbinden und jederzeit überwachbar machen will"). +++

Neues Altpapier gibt's wieder am Donnerstag.

 

 

 

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Pride. Das Wort bezeichnet eine Demonstration für die Rechte von Menschen, die gleichgeschlechtlich lieben und/ oder wegen ihres Geschlechts Unterdrückung erfahren. Wie viel der Begriff Pride über die Missstände in der Lebenssituation dieser Personen offenbart und welche Implikationen sich aus dem Wort zur Überwindung dieser Verhältnisse ergeben, ist von großer Bedeutung. Eine Begriffsannäherung.
Eigentlich nichts Schlimmes, klaro bissel nervig, aber geht schon auch schnell, könnte auch noch schneller gehen, wenn es regelmäßiger erledigt werden würde, dennoch wird es oft aufgeschoben, „frisst ja schließlich kein Brot“ und steht ja auch quasi unsichtbar zwischen Schrank und Wand versteckt, weil nicht so hübsch anzusehen. --> ALTGLAS
Der Vorsitzende der Atheisten in Kenia ist zurückgetreten – aus einem interessanten Grund