Zwischen Müdigkeit und Verzweiflung

Der 4U9525-Flugzeugabsturz zieht Kritik und Kritikkritik nach sich: "medialer Volksgerichtshof", Köpfe-Rollen? Aktuell: der Bild-Zeitungs-Strang, das Spiegel-Drama, der Alice-Schwarzer-Aspekt. Lösungsvorschläge natürlich auch.

"Menschen beschweren sich über Menschen, die sich über andere Menschen beschweren, die ihrer Trauer im Internet Raum geben. Am Ende geht es doch nur darum, eine Antwort auf das 'Warum?' zu finden."

So antwortete Gina Schad, Bloggerin bei medienfische.de, auf die Was-hat-Sie-diese-Woche-in-den-Medien-geärgert?-Frage des sonntäglichen Tagesspiegel, nachdem sie die ebenfalls gute Bemerkung "Ich weiß gar nicht, ob ärgern das richtige Wort ist" vorangestellt hat.

Solche Beschwerden bilden eine nachvollziehbare und doch befremdliche, seltsame Folge des Flugzeugabsturzes in der vergangenen Woche: Ähnlich wie vor kurzem der Varoufake zum Varoufakefake und Varoufakefakefake wurde (wobei wahrscheinlich viele Nicht-Mitglieder der Mediennische inzwischen nicht mehr oder sowieso nicht wissen, was genau noch mal der Aufreger und sein Anlass waren, aber ahnen, dass beides nicht ungeheuer wichtig war), so verläuft während der Absturz-Berichterstattung die Entwicklung der Medienkritik zur Medienkritikkritik und Medienkritikkritikkritik.

Schon spricht (im Rahmen des medialen Fußballstammtischs in der montäglichen TAZ) Friedrich Küppersbusch vom "medialen Volksgerichtshof". Schon würde Frank Lübberding, der sonst immer montags das Altpapier schreibt, sagen, "unsere Wahrnehmung von Berichterstattung in den Medien ... wird allmählich wirklich zum Problem". (Im Rahmen der faz.net-Nachtkritik zur jüngsten Jauch-Talkshow, die mit keineswegs grundsätzlich anderem Personal das Thema der jüngsten Will-, Maischberger-, Illner- und sowieso Lanz-Talkshows weiterführte, schreibt er das).

Beginnen wir unsere Umschau über aktuelle Tendenzen der Kritik und Kritikkritik bei einem ganz heißen Geheimtipp, mit dem Gina Schad auf die Tsp.-Frage "Welche Website können Sie empfehlen?" rausrückte.

Bei bildblog.de nahm Mats Schönauer das letzte Woche (Altpapier) auch schon verwendete Sprachbild des Absturzes wieder auf (während er das des "Abschusses" dann wieder zurücknahm, vgl. Nachtrag unten drunter bzw. diesen Tweet). Seiner wie immer eindrucksvollen eigenen Umschau von Medien-Fehlleistungen stellt er eine "kurze persönliche Anmerkung" voran ("Ich bin jetzt seit drei Jahren beim BILDblog und habe schon viele krasse Sachen gesehen. Aber ..."), die aber dennoch die Hoffnung, "dass einige Journalisten ihr eigenes Handeln zumindest ein kleines bisschen überdenken" enthält, als hätte er trotz der krassen Jahre noch kaum Illusionen verloren.

Eigene Hin- und Hergerissenheit nicht zu verbergen, ist beim Versuch, die Absturz-Berichterstattung einzuordnen, ein guter und sinnvoller Zug.

"Und obwohl die Erregungsmaschine in erwartbarster Weise funktionierte, wurde man doch das Gefühl nicht los, dass hier etwas ganz Neues passierte", setzt ihn einer der Ur-Bildblogger, Stefan Niggemeier, in seinem FAS-Beitrag ein. Es ist ein ungewohnt dialektischer. Einerseits schreibt er vom "zwischen Müdigkeit und Verzweiflung schwankenden Gefühl eines Medienkritikers, wie sinnlos sein Tun ist". Andererseits lautet die Überschrift "Jeder ist ein Medienkritiker".

Wenn dann also schließlich jeder zwischen Müdigkeit und Verzweiflung schwankt, setzt sich endlich die "Aufklärung" durch, von der im Artikel ebenfalls die Rede ist?

Wer am meisten von Müdigkeit und Verzweiflung geschüttelt wurde ("Der Journalismus, so wie ich ihn kennen- und schätzen gelernt habe, existiert nicht mehr. Journalismus ist nurmehr ein hohles Gefäß, in das jeder füllt, was er mag oder was er meint, im Auftrag seiner Nutzer einfüllen zu müssen") und überdies die zurzeit apokalyptischste Medienkritik ausmalt: Hans Hoff. Am Ende seines dwdl.de-Beitrags sieht er schon "öffentlich Köpfe rollen. Leider die falschen". Natürlich ist es Hoffs Rolle unter den eigentlich sehr medienfreundlichen jungen Leuten von dwdl.de, auch wenn dort Thomas Lückerath das Sprachbild der "Gefäße" schon letzte Woche sympathisch pragmatisch verwandt hatte ("zu große Gefäße für zu wenig Inhalt"; Altpapier), die Rolle des worst cop zu spielen.

Sein Beitrag macht aber doch exemplarisch deutlich, dass zu den Vorwürfen, die sich dem deutschen Journalismus bestimmt nicht machen ließen, der zählt, nicht immer sich selbst im Zentrum der Ereignisse zu erkennen.

[+++] Traditionell ganz wichtiger Strang der Medienkritik: Kritik an der Bild-Zeitung.

Während medientheoretische und -ethische Aussagen von Bild-Zeitungs-Vertretern traditionell kaum zu gebrauchen sind, weil Medientheorie und -ethik nun wirklich nicht zu deren Kernkompetenzen zählen (wie aktuell die Marion Horn von der Bild am Sonntag mit der Metapher vom "schnellen Pferd" belegte), legt fraumeike.de unter der im Absturz-Vergleich zurückhaltenden Überschrift "Die verlorene Ehre der schreibenden Zunft" eine aktuell exemplarische Gesamtabrechnung vor. Sie schließt:

"Und deshalb ist es keine Frage des persönlichen Geschmacks, ob man die BILD liest oder nicht, sondern eine Frage der Integrität",

Klar, Frau Meike (Lobo), und ob man ernsthaft in Bild-Zeitungs-kritischen Artikeln die Eigenschreibweise "die BILD" übernehmen muss, ist allein eine Frage des persönlichen Geschmacks, wenngleich genau nach dem Geschmack des Springer-Marketings. Aber:

"So wie zu jeder Katastrophe das Ausschlachten des Opferleids durch die 'Bild'-Zeitung gehört, so gehört auch die Empörung darüber durch Medienkritiker dazu. Man ist Teil des ganzen Erregungs- und Empörungszyklus, spielt seine Rolle, berechenbar, erwartbar, womöglich entbehrlich".

Schreibt Stefan Niggemeier, der ja immer recht hat.

Erfrischend unberechenbar ist indes der move, den Dirk von Gehlen in seinem Blog zugunsten des inhaltlich so gut wie immer dann, wenn man nicht grundsätzlich wegguckt, kritisierenswerten Gossenglossisten des Springer-Blatts. Der Online-Petition "Protest gegen die Kolumne 'Post von Wagner'" fehlen nur noch gut 10.000 "Unterstützer/innen bis zum Ziel von 50.000", die sie zweifellos bekommen wird.

Der SZ-Journalist von Gehlen richtet sich mit dem Argument, dass er "als Angriff auf die Pressefreiheit" empfindet, gegen diese Petition. Sich selbst aus anderem, ähnlichem Kontext wiederholend, argumentiert er:

"'dass es bei Pressefreiheit eben nicht darum geht, den moralisch richtigen, den angemessenen oder stilvollen Meinungen Raum zu geben. Pressefreiheit heißt vor allem: Meinungen auszuhalten - und im Wettstreit der Ideen zu bekämpfen - die man für moralisch falsch, unangemessen und stillos hält. Das ist so viel schwieriger als es klingt.' Und Franz-Josef Wagner fordert genau diese Fähigkeit heraus!"

[+++] Ein weiteres beliebtes Subgenre der Medienkritik: Spiegel-Dramen. Schließlich besitzt das vormalige Sturmgeschütz der Demokratie einerseits Nähe zur Bild-Zeitung, andererseits noch immer viel Renommee. Und ein aktueller Blick in das prominente Samstagsmagazin taugt oft zur Aufregung.

Nachtaktuell erzählt deswegen  meedia.des Georg Altrogge im anschaulichen Stil des Boulevards ("Und dann kam der Hammer", "wie eine Keule getroffen"), auf dem er schließlich gelernt hat, noch einmal nach, was passiert ist, und entwickelt dann ein Drama rund um die Namennennungs-Frage in den Spiegel-Redaktionen:

"Die Onliner im eigenen Haus, die zur gleichen Zeit bergeweise Bedenken bezüglich einer identifizierbaren Berichterstattung ... vor sich hertrugen und weder Namen noch Foto publizierten, jedenfalls muss das Print-Produkt wie eine Keule getroffen haben. Denn nicht nur den Co-Piloten, sondern auch die von ihm augenscheinlich mit in den Tod gerissenen Menschen nannten die Magazin-Kollegen ohne jeden Skrupel im aktuellen Heft mit vollen Namen. Auszug: ..."

Und "Auszug" heißt, dass Altrogge anschließend ernsthaft viele Namen von in den Tod gerissenen Menschen nennt, indem er aus dem Spiegel zitiert.

 

Was zumindest ein Problem der Medienkritikkritk (die von Anhängern sämtlicher Ansichten geübt wird, auch von der, die immer alle Namen nennen will) deutlich macht: Es gibt für die verfügbare Menge an seriös berichtbaren Flugzeugabsturz-Inhalten überall viel zu viele Gefäße. Alle, die Klicks brauchen, um sich vielleicht im Internet finanzieren zu können, und alle, die sich am Kiosk oder per Abo weiterhin finanzieren wollen, und alle, die Einschaltquoten brauchen oder zu brauchen glauben, referieren sie in dieser und/ oder jener Absicht - leider oft bedenkenarm.

[+++] Ein verhältnismäßig neuer, aber verlässlicher Strang der Medienkritik gilt Alice Schwarzer, die sich im Lauf einer epochenübergreifenden Medienkarriere erst zur zeitweiligen Bild-Zeitungs-Werbeträgerin und dann zu einer Art kleinem Uli Hoeneß gewandelt hat. Und obwohl Schwarzers Emma Themen und Thesen so treu bleibt wie Hoeneß Bayern München, zieht sie wenn etwas, dann Ärger auf sich.

Von frischem "Unmut" (sueddeutsche.de) und Empörung (faz.net) im Netz berichten diverse Medien. Sie haben in der Sache natürlich weitgehend recht, so wie alle hier zitierten Journalisten weitgehend recht haben - seine Ansichten darzustellen, dass sie richtig klingen, ist schließlich journalistisches Handwerk.

Aber, kaum hätte man denken können, Onlinemedien hätten nun auch als Teil eines Problems identifiziert, dass sie immerzu alles "dokumentieren", was "das Netz" so empört, worüber es so spottet und teletwittert, weil das die Unterschiede verwischt zwischen professionellem Journalismus und "dem Netz", das enorm viel größer und bunter ist, da fahren sie schon wieder fort.

[+++] Mögliche Auswege?

"Der deutschen Medienlandschaft fehlt der Kompass" bloggt Christoph Lemmer (bitterlemmer.net) mit Bezug auf "eine eigentümliche Mischung aus Selbstzensur, vorauseilendem Gehorsam und Publikumsverachtung", die bei deutschen Medien herrsche. Die Mischungs-Charaktersierung klingt plausibel.

Der "Mediengesellschaft" fehle ein "kommunikatives Register, um mit Ungewissheit umzugehen", formuliert es der immer überall gern interviewte Professor Pörksen (Stuttgarter Zeitung-Interview). Dann nummeriert er übersichtlich vier Formen von "Informationsvakuum" durch.

Sowohl die Echtzeitberichterstattung und das Echtzeit-Betalken von Themen zurückzufahren, über die noch wenig gesichert bekannt ist, als auch die grundsätzliche Echtzeit-Medienkritik sowie die grundsätzliche Quasi-Echtzeit-Medienkritikkritik usw., die naturgemäß folgen muss, zurückzufahren, grundsätzliche Schlüsse nicht immer schnell zu ziehen, wäre eine Möglichkeit.

Scheint aber ziemlich utopisch.


Altpapierkorb

+++ Den eingangs indirekt erwähnten "Stinkefinger" des Gastautors Yanis Varoufakis lassen heute übrigens die Handelsleute vom Handelsblatt sehr elegant über ihre Paywall lugen. +++

+++ Neues aus der Anstalt: "Das Land Thüringen übernimmt die Lesben- und Schwulenvertretung" im ZDF-Fernsehrat, und das kam so, schildert Christine Stöckel in der TAZ: "'Unter Klaus Wowereit sollte noch Berlin den Bereich ... übernehmen. Unter Müller ist es plötzlich das Internet', erklärt Henny Engels, Vorstandsfrau vom Lesben- und Schwulenverband Deutschland (LSVD). Und tatsächlich erscheint die Verteilung der Bereiche ziemlich willkürlich: Konnte Thüringen LSBTI doch nun nur übernehmen, weil es den Verbraucherschutz an Baden-Württemberg abgab, das wiederum 'Jugend' an Brandenburg abtrat, welches jetzt das viel zu umfangreiche Feld 'Senioren, Familie, Frauen und Jugend' betreut". Pointe: Ursprünglich geschah die Umbesetzung im Namen von mehr "Staatsferne" der ZDF-Gremien, wobei "Staat" sich durchaus vor allem auf die Bundesländer bezog ... +++

+++ Was gibt's Neues von der EU? Einen Richtlinien-Entwurf, der "die Veröffentlichung eines Unternehmensgeheimnisses dann ungesetzlich" nennt, "wenn sie ohne Erlaubnis des Unternehmens und durch eine Person, die das Geheimnis 'illegal erwirbt' oder durch eine Vertrauensvereinbarung gebunden ist, erfolgt", berichtet der Standard mit Beruf auf die ebenfalls österreichische Profil (die offenbar nicht frei online berichtet). Das helfe gegen Whistleblower. +++ Das Wirtschaftsressort der FAZ sprach mit dem deutschen Kommissar Günther Oettinger und entlockte ihm Aussagen wie "Wir dürfen das Kind nicht mit dem Bade ausschütten" und "Wir wollen ja unsere kulturelle Vielfalt bewahren". +++

+++ Das Buch des bisher nur zu einem Bruchteil des von einem wichtigen westlichen Bündnispartner verhängten Ausmaßes ausgepeitschten Bloggers Raif Badawi erscheint in Kürze. Wie es trotz schwieriger Umstände mit deutscher Hilfe entstanden ist, berichtet der Tagesspiegel. +++ "Der Verlag hatte nach Angaben einer Sprecherin das Auswärtige Amt um eine Einschätzung zu dem Buchprojekt gebeten. Demnach habe das Amt mit Blick auf diplomatische Initiativen für eine Freilassung Badawis von einer Veröffentlichung zum geplanten Termin abgeraten" (zeit.de). +++ "Seine Ehefrau, die in Kanada im Exil lebt, meint ebenfalls, dass größtmögliche Öffentlichkeit der Freilassung ihres Mannes diene. Das Buch solle ihn außerdem davor schützen, im Neuverfahren als angeblich Abtrünniger vom Islam zum Tod verurteilt zu werden. Ob das Kalkül aufgeht? Das Königshaus und die mit ihm symbiotisch verbündeten Islamgelehrten folgen ungern den Mechanismen eines westlichen Politikdiskurses ... Schließlich geht es um ein Regime, das sich angesichts der wachsenden Armut in einem der reichsten Länder der Erde und der Korruption im eigenen Palast bestenfalls mit der Berufung auf die Religion irgendwie noch rechtfertigen lässt." (Süddeutsche, Tomas Avenarius). +++

+++ Ebd.: eine Vorschau auf den Franken-"Tatort" in zwei Wochen: Kommissars-Darsteller Fabian Hinrichs bittet via SZ drum, "dass es im öffentlich-rechtlichen Fernsehen vom einen weniger und vom anderen mehr geben sollte, nämlich 'weniger Volksmusik, Kochsendungen, Quiz und Sport, dafür mehr Autorenfilme, für die es mehr Drehtage gibt'. Nach dreißig Jahren Fernseh-Fast-Food sei es an der Zeit, wieder am guten Geschmack zu arbeiten, 'dann würde sich in Deutschland auch eine ganz andere Unterhaltungsindustrie entwickeln.'" +++

+++ Der heutige ZDF-Fernsehfilm "Sein gutes Recht" "gehört zur boomenden Gattung des Demenzdramas" und "hantiert nicht nur sahnetortendick mit Symbolik, sondern posaunt auch eine Botschaft nach der anderen heraus wie: 'Verfallen müssen wir halt lernen.'", findet Oliver Jungen in der FAZ. +++ "Ein hervorragend gespielter, mit viel Feingefühl inszenierter Film über den Mut einer Frau, die sich bei ihrem Einsatz für das Grundrecht der Menschenwürde nicht einschüchtern lässt" (Tilman P. Gangloff hier nebenan). +++

+++ Moderator Jörg Thadeusz' "alberne Mitmach-Aktionen" bei der Grimmepreis-Zeremonie am Freitag in Marl (bei Haltern) würdigt dwdl.de. +++

+++ Schöne Definition von André Gide via Ralf Keuper (medienstil.blogspot.de): "Ich nenne 'Journalismus' alles, was morgen weniger interessant ist als heute" +++

Neues Altpapier gibt's wieder am Dienstag.