Es ist nur eine kleine Minderheit unter den Kirchen. In 24 Gemeinden sind weniger als 1.000 Gläubige aktiv – "übers ganze Land verteilt", berichtet Alexander Gross. Der 53-jährige Pastor und Präsident der Synode der Deutschen Evanglisch-Lutherische Kirche der Ukraine (DELKU). Gross betreut fünf Gemeinden in den Oblasten Odessa, Cherson und Dnipro. Der Geistliche lebt und arbeitet dort, wo seit Februar der Krieg zwischen der Ukraine und Russland tobt.
Drohnen am Himmel, Artillerie- und Luftangriffe – all das ist für die Menschen Alltag. Trotz aller Gefahren leben dort noch Menschen. Es sind alte Leute und Familien mit Kindern. Vor allem um die Senioren, die ihre Heimaterde auf keinen Fall verlassen wollen, kümmern sich Gross und seine fast ausschließlich freiwilligen Helferinnen und Helfer. Und das alles unter Kriegsbedingungen. "Das Leben ist schwer geworden", beschreibt er die Situation vor Ort.
Gross war bis Sonntag zu Gast bei einer Tagung des Gustav-Adolf-Werks in Nordhorn. Auf dem Weg dorthin hatte er Station in der Bremer Markus-Gemeinde gemacht. Dessen Pastor Andreas Hamburg koordiniert maßgeblich die Hilfen für die neue Partnerstadt Odessa. Sich ohne kreisende Drohnen über dem Kopf zu bewegen, sei "wie Urlaub", meint er bei der Begrüßung eines Bekannten aus der Gemeinde.
Im Gespräch mit evangelisch.de und später in einem Vortrag vor Gemeindemitgliedern berichtet Gross über die Arbeit vor Ort und die Situation der Christen beziehungsweise der Kirchen in der Ukraine. Trotz Zerstörungen und aller Unsicherheiten über den Fortgang des Krieges kommen die Menschen in den kleinen Gemeinden zusammen. Diese seien so etwas wie ein Anker unter schwierigen Umständen. Die Kirchen haben nach Auskunft des Geistlichen noch immer eine große Bedeutung in der Ukraine.
Der Großteil der Menschen ist demnach orthodox orientiert. Doch sichtbar sind vor Ort zumindest in Gross’ Umfeld die Lutheraner. Dies habe mit "dem ganz anderen Modell" der Orthodoxie zu tun. Der Geistliche spricht von einer "Rituskirche". Die Lutheraner hingegen würden sich um die Menschen vor Ort kümmern. Das werde dankbar angenommen, zumal die Kirche im Donbass die einzige Institution sei, "die in den Dörfern geblieben ist". Gross ergänzt: "Wir besuchen die Menschen zu Hause."
Außer der DELKU gebe es im Land zwei weitere lutherische Kirchen, so Gross: die konservative Ukrainisch-Lutherische Kirche (ULK) mit orthodoxer Liturgie sowie die Synode für evangelisch-lutherische Gemeinden. Diese sei missionarisch ausgerichtet. Dann sind da noch die Calvinisten mit Verbindungen zu Liberalen und Evangelikalen in den Niederlanden und den USA. Am größten jedoch sind die orthodoxen Kirchen – hier wird es aus Gross’ Sicht kompliziert.
Es gebe noch immer rund 7000 Gemeinden im Land, die sich dem russisch-orthodoxen Moskauer Patriarchat zugehörig fühlen. Die Gründung der ukrainisch-orthodoxen Kirche nennt Gross "eine politische Entscheidung". Eine umfangreiche Auswertung über Religionen und Kirchen in der Ukraine hat die Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland des Instituts für Mission und Ökumene der Evangelischen Kirche in Westfalen vorgenommen.
In seinem Vortrag vor den Gemeindemitgliedern berichtet er, dass die Armut das größte Problem ist. Grundsätzlich gebe es alles zu kaufen, doch gerade den Alten fehle das Geld. Vor diesem Hintergrund sei nicht nur die Hilfe für die Betroffenen wichtig. Davon profitiert die Kirche selbst. In Zahlen sieht es so aus: Vor dem Krieg gab es in Gross’ Heimatgemeinde St. Peter in Petrodolinske 80 Gläubige. Viele Menschen flohen mit Beginn des Krieges – übrig blieben ganze 15 Alte. Inzwischen sei die Anzahl der Mitglieder wieder auf rund 50 angewachsen. Meistens sind es Konvertiten von der orthodoxen Kirche. Auch vier Konfirmationen habe es schon wieder gegeben.
Wie konkret die diakonische Arbeit vor Ort aussieht, zeigt Gross in seinem Vortrag. In Petrodolinske werden Flüchtlinge betreut, knapp 1300 Menschen in acht Dörfern bekommen Lebensmittel, es gibt ein medizinisches Projekt und die Freiwilligen verteilen Hilfsgüter wie Kleidung, Schuhe, Bettwäsche, Geschirr, Möbel und Hygieneartikel. Auch Bildung und Betreuung gibt es – in Form von regionalen und landesweiten Seminare sowie Sommercamps für Kinder und Jugendliche und einer Kindertageseinrichtung für Mädchen und Jungen in schwierigen Lebenslagen.
Besonders am Herzen liegt Gross das Projekt "Kirche der Hoffnung" in Novohradkiwka, dem einstigen Neuburg. Das zerstörte Gotteshaus soll wieder aufgebaut werden. Aber nur das Schiff und der Turm. "Das ist ein wichtiges Symbol", sagt Gross. Innen sollen auf drei Etagen ein Zentrum für das Gemeindeleben, ein Kinderzentrum und eine Winterunterkunft für Senioren entstehen.


