Meet the Scheinriesen

Meet the Scheinriesen

Menschen, die sich vor einer Islamisierung fürchten, haben kaum Kontakt zum Islam. Medien, deren Glaubwürdigkeit stark angeknackst ist, werden genauso stark konsumiert. Die größten Medienskeptiker haben den höchsten Schulabschluss. Satire ist auch keine Lösung. Und ja, einen Tag vor Weihnachten hätten wir auch lieber besinnlichere Themen.

Angesichts der Tatsache, dass wir morgen ein christliches Fest zu begehen planen und daher in Echtzeit auf dem Laufenden darüber gehalten werden sollten, ob das mit dem Weihnachtsbaum und der stillen, heiligen Nacht noch aktuell ist, müssen wir zunächst die Frage klären:

www.istdasabendlandschonislamisiert.de?

Nein! (Stand Dienstag, 23. Dezember, 8.35 Uhr) Falls sie gedacht haben, so auf den letzten Drücker noch um das Besorgen von Geschenken herumzukommen: Das wird nichts.

Dabei ist die Geschichte hinter dieser Website eigentlich gar nicht lustig. Gestern Abend gingen in Dresden über 17.000 Menschen auf die Straße, weil sie sich vor etwas fürchten, dass es in Dresden kaum gibt: Ausländer.

In München hingegen demonstrierten derweil etwa 12.000 Menschen wiederum gegen Menschen, die gegen Ausländer demonstrieren.

Weit mehr als ein Drittel der Münchner habe Migrationshintergrund - Menschen aus 182 Nationen“,

zitiert sueddeutsche.de den Münchner Oberbürgermeister.

Wenn man persönlich regelmäßig Kontakt hat mit Leuten mit so-called Migrationshintergrund, findet man diese offenbar weitaus weniger furchteinflößend, als wenn diese nur als fernes Feindbild in den Medien auftauchen. Das Prinzip des Scheinriesen existiert also nicht nur in Kinderbüchern, sondern es herrscht auch in den Köpfen von Pegida-Anhängern. Stellt sich nur die Frage: Wie ist es da hineingekommen?

Jetzt wird es für Anhänger eines simplen Weltbildes kompliziert. Denn ausgerechnet die „Lügenpresse“ (Christian Buggisch hat sich am Wochenende in seinem Blog mit dem Begriff lesenswert auseinandergesetzt), von der die Pegidas nichts wissen wollen, hat daran ihren Anteil. Die Spiegel-, Stern- und Focus-Cover, die die „Weltmacht Islam“ beschworen, sich fragten, wie gefährlich der Islam denn sei, und von einer „stillen Islamisierung“ schwafelten, geistern derzeit durch die sozialen Netze.

 

Aktuell dekliniert die Bild-Zeitung einmal mehr durch, wie eine derartige Panikmache funktioniert.

„Es soll eine Geste des Friedens, ein Zeichen der Verständigung sein: Christen sollen in den Gottesdiensten an Heiligabend auch ein muslimisches Lied singen! Das regen Politiker und der Zentralrat der Muslime in Deutschland an. ,Es wäre ein tolles Zeichen des friedlichen Zusammenlebens der Religionen, wenn in der Kirche ein islamisches Lied gesungen würde und in der Moschee ein Weihnachtslied’, sagte der Grünen-Menschenrechtsexperte Omid Nouripour (39) zu BILD.“

(Wer sich wirklich das Original anschauen möchte: bitteschön.)

Die Reaktionen darauf sind wohlkalkuliert und lassen sich kurz zusammenfassen als Hass! Hass! Hass!

Dabei ist die Meldung konstruiert und falsch, wie das Bildblog dokumentiert:

„Omid Nouripour erklärte uns das Zustandekommen des Artikels heute so: Am vergangenen Dienstag habe ihn ,Bild’-Autorin Karina Mößbauer (die den Artikel zusammen mit Ralf Schuler geschrieben hat) angerufen und sinngemäß gesagt: Wir bringen zu Weihnachten ja immer gute Nachrichten. Und da haben wir uns gefragt, ob es nicht eine schöne Idee wäre, wenn in christlichen Weihnachtsgottesdiensten muslimische Lieder gesungen würden. Daraufhin habe er geantwortet: Nein, das sei keine gute Idee. Wenn, dann sollte es eine Art Tausch geben: Muslimische Lieder in der Kirche, christliche Lieder in der Moschee. ,Tolle Idee!’, habe die „Bild“-Autorin geantwortet.“

Nur ist vom Tausch im Artikel keine Rede mehr.

Nun ist es das eine, wenn die Bild-Zeitung sich ihre Nachrichten ausdenkt. Wenn Spiegel Online und faz.net das aber auch noch abschreiben und dann im Nachgang korrigieren müssen, sorgen sie sowohl für eine weitere Verbreitung des Quatsches und Hasses als auch für noch weniger Vertrauen in die Inhalte deutscher Medien. Dabei ist deren Glaubwürdigkeit schon jetzt ziemlich im Keller, wie Zeit Online nun hat herausfinden lassen.

„In einer repräsentativen Umfrage von YouGov für ZEIT ONLINE unterstützten 47 Prozent der Befragten die Aussage, dass die Medien einseitig berichten und von der Politik gelenkt würden. 40 Prozent hingegen glauben, dass sie objektiv und unabhängig berichten. (...) Das Misstrauen in die Medien und in den Westen nimmt mit der Höhe des Bildungsabschlusses und des Einkommens zu. Am höchsten ist die Zahl derjenigen, die die Medienberichterstattung für einseitig und politisch gelenkt halten, bei den Befragten mit Abitur und Hochschulabschluss sowie dem höchsten Monatseinkommen.“

Puh.

Halten wir mal fest: Medien, an deren Glaubwürdigkeit stark gezweifelt wird, haben dazu beigetragen, eine diffuse Angst vor dem Islam zu sähen, die vor allem bei Menschen fruchtet, die denkbar wenig in direkten Kontakt mit Angehörigen dieser Religion kommen.

Ähnlich unübersichtlich war die Lage wohl zuletzt im Mittelalter, als die Menschen gleichzeitig mit der Reformation gegen die Kirche Sturm liefen und im Sinne derselben Kirche Hexen verbrannten.

Menschen sind seltsam und die Schicht, die wir Zivilisation nennen, ist doch immer wieder erstaunlich dünn.

Bleibt die Frage, wie wir aus dem Dilemma nun wieder herauskommen? Von Michael Ende haben wir gelernt, dass man die Angst vor Scheinriesen am besten bezwingt, indem man sich ihnen nähert und erkennt, dass sie dann gar nicht mehr furchterregend sind. Wenn also jemand mal den 17.000 demonstrierenden Dresdnern einen schönen Urlaub an der türkischen Riviera spendieren könnte? Vielen Dank.

Wesentlich einfacher zu realisieren wäre hingegen irrsinniger Weise die Sache mit den Medien und der Glaubwürdigkeit: Einfach mal den Job richtig zu machen und sowohl umfassend zu recherchieren als auch neutral zu berichten, statt jegliche Kritik als eine von dubiosen Gruppen ferngesteuerte Kampagne gegen die Medien abzutun (Yes, I am looking at you, Christian Nitsche) wäre schon ein Anfang.

Doch von der Tagesschau wird man ein Umdenken in absehbarer Zeit nicht erwarten können. Gerade erst kam schließlich die Nachricht rein, dass sie ihre Reichweite noch einmal ausbauen konnte. Eine Sendung massiv zu kritisieren und sie dann trotzdem zu gucken, auch das gehört zu der gerade nicht sonderlich übersichtlichen Situation.

Bis wir den Ausweg aus dieser gefunden haben, bleibt als Zeitvertreib noch die Satire. Bei der taz schrieb Deniz Yücel schon am Wochenende, dass der Pegida-Anhänger, der RTL-Mitarbeiter war (Altpapier gestern), nicht der einzige Fake der Demo war.

„Aber mindestens so geschockt wie die ARD bin ich. Denn ich habe am vergangenen Montag in Dresden mit Felix Reichstein gesprochen – als ich im Auftrag der taz verdeckt unter Pegida-Demonstranten recherchiert habe. Ich erzählte von den schlimmen Zuständen in Berlin (,Berlin ist verloren’), er berichtete aus Bayreuth (,Bayreuth ist verloren’), wir waren uns einig. Doch ich wusste nicht, dass er nur eine Rolle spielte, er wusste nicht, dass ich nur eine Rolle spielte, und jetzt haben wir das Schlamassel. Mist, Mit, Mist!“

Diese Vorlage greift heute das Neue Deutschland auf und dreht die Geschichte noch weiter:

„Tatsächlich mussten wir nun zu unserer größten Verwunderung entdecken, dass unser Kollege als angeblicher ,Pegida’-Demonstrant der ,Taz’ ein Interview gab. Unser Reporter ist auf einem Foto der ,Taz’ in Großaufnahme zu sehen und trotz seiner Tarnung (eine große Deutschlandfahne schwenkend und andere klassische Erkennungszeichen von Pegida-Demonstranten tragend: Bierflasche, Vokuhila-Frisur, Rechtschreibschwäche) deutlich zu erkennen. (...) Unser ,nd’-Kollege ist offenbar schwer genarrt worden: Tatsächlich handelte es sich bei seinem Gesprächspartner um einen ebenso mit Bierflasche und Deutschlandfahne als ,Pegida’-Demonstrant getarnten Reporter der ,Taz’, nämlich Deniz Yücel. ,Der Kerl hatte einen schwarzgrauen Schnauzbart’, erinnert sich unser Kollege. ,Und von dem Bier hat er nur ab und zu genippt. Da stimmte was nicht.’“

Als letzte Steigerung kommt dann noch der Postillon mit „Sämtliche PEGIDA-Anhänger in Wahrheit RTL-Reporter“.

Aus dieser Vorlage bieten sich so viele Abschluss-Pointen an:

„Über 17.000 RTL-Reporter in Dresden – der DJV (der selbstverständlich wirklich reagiert hat) dankt dem Sender für das Schaffen so vieler neuer Jobs!“

„Seit wann trägt man bei RTL Nadelstreifen?“

„Die Demonstranten aus München arbeiten alle für den NDR, was auch erklärt, warum es nur 12.000 waren: strenge KEF-Auflagen.“

Leider ist das Ganze aber gar nicht lustig.


Altpapierkorb

+++ Wer wenig Ahnung von Youtube-Stars hat, kennt meist zumindest LeFloid. Der hat sich nun auch zu #Freiheit bzw. der Kündigung von Simon Unge bei Mediakraft (Altpapier gestern) geäußert. +++ Eingemischt und gleich mal ein #boehmergate produziert hat sich auch Jan Böhmermann, woran sich die Frage anschließt, ob die große Kunst der Shitstorm-Nacherzählung eigentlich erst in diesem Jahr zur wahren Blüte gereift ist, oder ob es das auch schon 2013 gab? Jemand, der das beantworten könnte, sitzt vermutlich in der Meedia-Redaktion, den Königen des Nacherzählens, die auch in diesem Fall mal wieder nur das Beste zusammengetragen haben (ich meine, Tweets wie  „@janboehm ha du dummer wichser was fällt dir eigentlich ein...du hast keine vernünftige 'community' aber @unge hat eine und wir treten dir“ einzubetten, Respekt). Wer es etwas gediegener mag, findet eine alternative Version bei faz.net. +++

+++ „Journalistin recherchiert in ,Schwulensauna’ und ruft dann die Polizei“ – nein, das ist wohl nicht die beste Überschrift aller Zeiten, die man da zumindest online beim Tagesspiegel für den Artikel von Mohamed Amjahid gewählt hat. Der Text über eine Doku-Reihe im ägyptischen Fernsehen hat es dafür in sich: „Vor allem der erste von drei Teilen der Dokumentation hat eine Botschaft: Homosexualität ist abartig, gefährlich und kriminell. In der arabischen Version (ohne Untertitel) steht oben im Bild über die ganze Dokumentation über ein Satz eingeblendet: ,Sex zwischen Männern führt zu Aids’. In Ägypten, einem Land gänzlich ohne Sexualunterricht, erreicht diese Information Millionen von Menschen, die sie dann für bare Münze nehmen.“ +++

+++ Falls sich jemand für den Quellcode von The Pirate Bay interessiert: der steht jetzt online, schreibt unter anderem Zeit Online. +++

+++ Warum Google so mächtig ist, diese Frage treibt die FAZ mal wieder um. Zur Klärung hat sich Morten Freidel mit Marcus Tandler getroffen, Bayer und Suchmaschinenexperte. +++

+++ Auf der Medienseite der SZ dröseln Christoph Giesen und Claudia Tieschky auf, wie es mit der unterfinanzierten Deutschen Welle weitergehen könnte. +++

+++ Die Bunte hatte nicht nur genügend Zeit, zwischen der Meldung von Udo Jürgens Tod am Sonntagabend und dem Erscheinen der Weihnachtsausgabe heute 19 Sonderseiten ins Blatt zu heben. Für eine ziemlich große Anzeige („Nur in Bunte: Das große Special mit den schönsten Bildern und den bewegendsten Momenten einer einzigartigen Persönlichkeit“) auf Seite 8 der SZ von heute hat es auch noch gereicht. +++

+++ Seit den Enthüllungen von Edward Snowden nutzen die Freunde von Jennifer Schindl zwar Facebook nicht seltener, sie gehen aber mit ihren persönlichen Daten bewusster um, fasst die Studentin das Ergebnis ihrer Abschlussarbeit bei Carta zusammen. +++

+++ Womit sollte das letzte Altpapier vor Weihnachten enden? Nein, natürlich nicht mit den Tipps für das gute Gelingen einer veganen Weihnachtsgans oder Ratschlägen zur Stressbewältigung, sondern mit einem Hinweis aufs Fernsehprogramm. Eine Übersicht, welche Märchen und Legenden in Filmform im Angebot sind, hat die taz zusammengetragen. Auf der Medienseite der FAZ gibt es eine Rezension der dazugehörigen „Till Eulenspiegel“-Neuverfilmung der ARD, in der Tilmann Spreckelsen ein Eltern-Dilemma erkennt: „So stellt der auf den ersten Blick harmlose, auf den zweiten äußerst ambitionierte Film die Grundfrage aller Eltern: Inwieweit verändern wir uns, wenn unsere Kinder uns beobachten? Können wir noch Eulenspiegel sein, wenn alles, was wir tun, von jemandem registriert wird, für den wir Verantwortung tragen? Und kommen wir da jemals wieder raus?“ . Weitere Fernsehtipps für die Feiertage gibt es auch im Programmstörer-Blog bei stern.de.

Damit bleibt mir nur noch, im Namen aller Altpapier-Autoren frohe Weihnachten zu wünschen! Das nächste reguläre Altpapier gibt es am 5. Januar, davor laufen aber noch am 29. und 30. Dezember zwei Sonderausgaben.

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Während meiner Studienzeit haben wir ein bestimmtes Event gegründet, dafür waren wir in unserem Wohnheim sogar ein wenig berühmt, ja auch gefürchtet. In regelmäßigen Abständen luden wir unsere Kommiliton*innen ein, um gemeinsam die Kultur der „Dosenobst-Partys“ zu pflegen. Mitbringsel, wer kann es sich nicht denken, waren die wildesten Dosenfruchtkreationen. Und wirklich: es gibt keine Frucht, die es nicht in einer Dose zu kaufen gibt.
Ein Ire sorgte bei seiner eigenen Beerdigung für viele Lacher
Anders Amen
Ellen und Steffi Radtke sind ein queeres lesbisches Paar auf dem Land in Niedersachsen. Sie sind im verflixten siebten Ehejahr und wollen gerne ein Kind. Gleichzeitig sind sie beide Theologinnen und Pastorinnen in einer ländlichen Kirchengemeinde. Und seit neustem haben sie den Youtube-Kanal "Anders Amen".
Warum brauchen sich die Kirche und das GEP, wie kann das Medienhaus der EKD und der Gliedkirchen kommende Herausforderungen bewältigen und warum brauchen wir Social Media?