"Vulgarisierung des Landes"

"Vulgarisierung des Landes"

Was medial am Fall des Uli H. interessiert. Die zweiten Gedanken im Fall Lewitscharoff. 450 Olympia-Mitarbeiter von ARD und ZDF treten im großen Spiel "Wer ist noch teurer als der andere?" gegen 10 bis 20 Jugendkanal-Redakteure an. Sowie: Harald Schmidts Abschied, die Axel-Springer-Bilanz und Postillon-TV im NDR.

Weil auf diese neumodischen Playmobil-Püppchen kein Hut passt, den er nehmen könnte, packt Harald Schmidt diese Woche nach beinahe zwei Jahrzehnten Late-Night eben seine Koffer. Mehr dazu im Altpapierkorb.

Wetten, dass die eben beginnende Woche nachrichtenhierarchisch und gesamtmedial (jenseits der Medienseiten, vielleicht aber sogar diesseits) trotzdem eine Hoeneß-Festspielwoche wird? Für uns in unserem kleinen Altpapier-Medienkolumnen-Zockerbüro ist am Fall Hoeneß, der von heute an in München verhandelt wird, erstens das große mediale Interesse selbst von Interesse, das sich unter anderem schon daran zeigt, dass die ARD ihre Talkshows dazu in die Bütt schickt. Als Aufmacherthemen-Seismograph taugt die Talkshowschiene ja bisweilen prima. Gestern jedenfalls lief "Günther Jauch" zum Thema, heute läuft "Hart aber fair" (und die Themen von "Anne Will" und "Beckmann" sind noch nicht raus).

Medial von Interesse ist zweitens die Rolle der Zeitschrift Stern, weil die für den Ausgang des Strafprozesses bedeutsam sein könnte: Es geht u.a. darum, ob Hoeneß sich aus freien Stücken selbst angezeigt hat oder weil er wegen der Recherchen des Sterns unter Druck geriet. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung im Vorberichtserklärmodus:

"Glaubt das Gericht Hoeneß seine Reue? Nimmt sie ihm ab, dass er mit der Selbstanzeige von sich aus reinen Tisch machen wollte oder handelte er erst, als es nicht mehr anders ging, weil die Angst zu groß war, aufzufliegen? Hoeneß' Version lautet, er habe auf das Deutsch-Schweizer Abkommen für eine Steueramnestie gehofft. Als dies scheiterte, schritt er demnach zur Tat. Die weniger schmeichelhafte Variante dagegen geht so: Er hat die Selbstanzeige erst gestellt, als in ihm die Panik hochkroch, nachdem seine Schweizer Bank ihm von Anfragen eines 'Stern'-Journalisten berichtet hat. Das erklärte die Hektik, mit der sie verfasst wurde – und ihre Abweisung durchs Finanzamt."

Der Stern, gestern bei "Günther Jauch" mit Johannes Röhrig vertreten (während z.B. der Spiegel nur heute zu Plasberg darf), gehört also schon wegen seiner (mindestens zeitlich) führenden Rolle in den Recherchen zu den Profiteuren des Falls Uli H. Wobei man sagen muss, dass der kausale Zusammenhang zwischen eigener Arbeit und Fortgang des Ereignisses, den Stern-Mitarbeiter gestern in einigen Tweets herstellten ("Jetzt #jauch zum Fall #Hoeness – mit dem Mann, dessen Recherchen alles ins Rollen brachten: #stern-Reporter Johannes Röhrig") erst noch gerichtlich geklärt werden muss: Es ist noch nicht aktenkundig, dass der Fall nicht auch ohne die Stern-Recherchen gerollt wäre. Er wäre aber womöglich nicht unter Nennung des Namens Hoeneß an die Öffentlichkeit gekommen.

Was uns zu Medienaspekt drei führt: Medial von Interesse ist auch, was Thomas Fischer im FAS-Interview sagt, der als Richter am Bundesgerichtshof gute Ansätze zeigt, zum Mediendarling zu werden. Kürzlich hatte er zum Fall Edathy in der Wochenzeitung Die Zeit geschrieben, nun stellt er im besagten Interview rechtspolitische wie mediale Bezüge zwischen dem Edathy-Fall und, allgemein, Steuerfällen her:

"Natürlich gibt es Stimmungslagen in der Rechtspolitik, die bis in die Strafverfolgung hineinwirken: In Fragen der Steuer, aber zum Beispiel auch in der jetzt diskutierten Kinderpornographie. Da haben wir einen dramatischen Stimmungswandel: hin zu härterer Verfolgung und zu härteren Strafen, während gleichzeitig die Fälle des Kindesmissbrauch seit vielen Jahren sinken. (...) Der Fall Zumwinkel war ein Beispiel dafür, wie Personen, indem sie der medialen Berichterstattung preisgegeben werden, gesellschaftlich liquidiert werden."

"Gesellschaftliche Liquidierung" ist dabei, das nur zur raschen Klarstellung, kein Vorwurf, der dem Stern gilt, sondern wenn in diesem konkreten Fall jemandem, dann Stern-Quellen.

+++ Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen liest übrigens offensichtlich den Stern, und das so genau, dass er für Carta eine detaillierte kenntnisreiche Blattkritik der Zeitschrift seit ihrem Relaunch verfasst hat. Das Magazin kommt hier im Altpapier tendenziell – wertfrei gesagt – eher kurz. Aber weil gerade Stern-Woche ist, ist das heute mal anders:

"Es ist ein ideengesteuerter, strikt auf Wiedererkennbarkeit, eine andere Form der Aktualität und rauhe Authentizität setzender Journalismus, der heute das Magazin bestimmt – eben das macht den Relaunch zu einem Experiment, das für die Branche insgesamt bedeutsam ist. Man traktiert hier mit großer Energie die 1-Million-Euro-Frage des Magazinjournalismus: Wie kann es gelingen, die Fliehkräfte der neuen Zeit zu bändigen, Aufmerksamkeit noch einmal zu zentrieren und wieder für das Medium in seiner Gesamtheit zu interessieren?",

schreibt Pörksen. Und wie kann es gelingen?

"Natürlich verändern die digitalen Echtzeit-Medien auch den Aktualitätsbegriff einer klassischen Illustrierten – allerdings eher im Sinne einer eigentümlichen Dialektik, nicht in Form eines endlosen Steigerungsspiels, das man gar nicht gewinnen könnte. (...) Das Ziel ist es, das eigene Magazin in ein Medium des zweiten Gedankens zu verwandeln, dessen Einfälle und Perspektiven auch über den Tag und die Woche hinaus Bestand haben."

Falls es jemand gerne mit Beispielen unterfüttert hat: Wenn Welt.de noch während der Jauch-Talkshow einen ersten Jauch-Talkshow-Megahammer raushaut, wäre es keine gute Idee von einem Wochenmagazin, vier Tage später die gleiche Meldung ohne einen zweiten Gedanken auch zu bringen. Kann man sich mal merken.

+++ Ob aber in einer Medienlandschaft der vielen Geschwindigkeiten nicht auch Tageszeitungen schon zu Medien des zweitens Gedankens werden (müssen)? Die Frage, die Michael Haller vielleicht stellen würde, ist, ob das schlau ist bzw. wäre. Die TAZ bespricht ein Buch des Journalistik-Professors und schreibt:

"Die Leser wollten, so seine These, 'keine täglich gedruckte Wochenzeitung', sie sind von den inaktuellen Allerweltsthemen, den Human-Interest-Storys und aufwendig illustrierten Serien eher gelangweilt, sie haben bei der vor allem morgendlichen Lektüre dafür keine Zeit. Haller hält nichts vom Konzept des 'entschleunigten' Hintergrundmediums, das die aktuelle Informationsleistung ersetzen will durch zeitlose Erzählstücke."

(Wer keine Zeit für ein ganzes Buch hat, kann eventuell auch erstmal den Haller-Artikel lesen, der im Rahmen der Spiegel-Online-Zeitungsdebatte im August veröffentlicht wurde. Ein recht langes tl;dr quasi.)

Um aber auf die zweiten Gedanken zurückzukommen: In der Lewitscharoff-Debatte (Altpapier vom Freitag) wurden sie in den Wochenendmedien formuliert. Oder sagt man hier einfach Weiterdrehs? Jedenfalls bringt die Lewitscharoff-Geschichte nicht nur deutliche Kritik am Inhalt des von ihr Gesagten hervor, sondern sorgt auch für Zweifel, ob die Art und Form der Reaktion darauf, und damit die Debatte, konstruktiv sei. "Der Diskurs hat sich in das Private zurückgezogen, während in der Öffentlichkeit das Geplärr dominiert", schreibt etwa Marco Herack in seiner "Wostkinder"-Kolumne bei Faz.net. Und Jens Bisky am Samstag im SZ-Feuilleton:

"Der weitere Verlauf kann vermutet werden. Die einen werden Lewitscharoff im Ganzen verdammen, und mit ihr, was ihnen auch sonst nicht passt: Kirche, Religion, ihren vermeintlichen Konservatismus. Die anderen werden behaupten, endlich sagt's mal jemand, endlich widerspricht einer dem 'Mainstream' (das sind immer die, die anderer Meinung sind). Dann ruft einer 'Gedankenpolizei' und ein anderer fantasiert von 'geistigen Brandstiftern'."

Bisky sieht in der Lewitscharoff-Rede vor allem ein Indiz für die "Vulgarisierung des Landes mittels lustvoll zelebrierter Diffamierung".

Ulf Poschardt erkennt in der Welt ebenfalls eine "unschöne Melodie in den öffentlichen Debatten, geht es nun um Homosexualität, Putin oder eine Redeminiatur in irgendeinem Dresdner Theaterhinterzimmer". Allerdings kritisiert er – einerseits überraschenderweise, andererseits eben Ulf Poschardt – weniger den Irrsinn und "Schmarrn", den Leute wie Matussek und Lewitscharoff jüngst erzählt haben. Den zwar auch. Vor allem aber die empörten Reaktionen darauf: "Überall herrschen rhetorische Standgerichte, Instantverurteilungen, sprachliche Brutalität ohne ironisches Flackern." Dass er die Verantwortung für die Armut des Diskurses von den Verursachern weg und denen zuschiebt, die sich über diese Verursacher ärgern, kann man etwas cheap finden.

Jens Bisky in der SZ verteilt diese Verantwortung genau anders herum. Auch bei ihm findet sich aber der Gedanke, dass man empörtes Kopfschütteln noch nicht mit einem konstruktiven Beitrag zur Debatte zu verwechseln braucht: "Wer seine Überzeugungen nicht aussprechen kann, ohne andere zu erniedrigen, erniedrigt sich selber." Unbehagen aber müsse man artikulieren dürfen, und zwar, so Bisky, sogar "das Unbehagen angesichts der Emanzipation der Schwulen, das Fremdeln mit Einwanderern, die moralische Überforderung durch den medizinischen Fortschritt".

"Es gelten aber auch für die Artikulation von Unbehagen die allgemeinen Geschäftsbedingungen des zivilisierten Gesprächs. Wer es mit Verachtung und Abscheu beginnt, vergiftet es auf lange Zeit. Wer bei jeder missglückten Formulierung eine öffentliche Hinrichtung verlangt oder Unterwerfung unter Vorformuliertes, unterdrückt es."


ALTPAPIERKORB

+++ Zu den wiederkehrenden Aufgaben des Altpapier-Autors gehört es, sich über die Anfeindungen wundern zu dürfen, die den Öffentlich-Rechtlichen vom Boulevard entgegenschlagen. In diesem Fall gibt es eine kleine charmante Leserirreführung von Michael Hanfeld von der FAZ, der am Wochenende die Zahl der Mitarbeiter, die ARD und ZDF zu den Olympischen Spielen entsandt hätten (450), mit der Zahl der Redakteure gegenschnitt, die den neuen ARD-ZDF-Jugendkanal stemmen sollten (10 bis 20). Man beachte: Mitarbeiter – inkl. Kamera, Cutter, Ausstatter, Maske, Assistenten, Kommentatoren, was weiß ich – gegen Redakteure in ohnehin bestehenden räumlichen und personellen Strukturen. Äpfel im Vergleich mit Glühbirnen. "450 Mitarbeiter von ARD und ZDF bei den Olympischen Spielen in Sotschi, das könnte dem unbefangenen Betrachter als Personalausstattung satt erscheinen", schreibt er. "Mit zehn bis zwanzig Redakteuren indes wollen ARD und ZDF beim neuen Jugendkanal auskommen, den die Ministerpräsidenten in der nächsten Woche wahrscheinlich als 'trimediales' Angebot beschließen." Da ist der unbefangene Betrachter schnell dabei, über den Aufwand Olympia nur noch den unbefangenen Kopf schütteln zu wollen – kann das schließlich nicht Sat.1 machen, diese kostspielige Übertragung von Curling-Olympia-Vorrunden? Dann aber kommt Hanfeld auf die 10 bis 20 Redakteure zu sprechen: "Was selbstverständlich wieder Geld kostet". Zusammengefasst: 450 Leute – das ist ja skandalös viel, zumal wenn man das mit der Zahl der Jugendkanal-Redakteure vergleicht. Die natürlich skandalös teuer sind. Aber Glossen sollen ja auch vor allem lustig sein +++ Die mögliche Gebührensenkung ist in Hanfelds Text auch Thema. In der TAZ steht dazu die Meldung: "Vor der Entscheidung über die künftige Höhe des Rundfunkbeitrags (zurzeit 17,98 Euro) zeichnet sich ab, dass die Mehrheit der Länder für eine Senkung ist" +++

+++ Im Hochpreisprogrammsegment ist der NDR fündig geworden, der "auf der Suche nach jüngeren Comedy- und Satire-Formaten" (DWDL) von Ende April an das Web-TV-Format des Postillons ausstrahle, wie im Spiegel steht. Sueddeutsche.de berichtet, die gedruckte SZ hat ein Porträt des Postillon-Machers Stefan Sichermann (Seite 4)Einen Satz, den Michael Hanfeld wohl eher nicht geschrieben hätte, findet man im DWDL-Artikel dazu: "Der Sendeplatz zur Geisterstunde gehört zu den attraktivsten, die das NDR Fernsehen für diese Programmfarbe zu bieten hat" +++ Und Klaus Brinkbäumer sagt "Servus" zur Münchner Abendzeitung, auf deren Rettung die TAZ noch mithofft +++

+++ Am Donnerstag läuft die letzte "Harald Schmidt Show" (das Playmobil-Foto oben ist meinem Schmidt-Tschüssi von 2012 im Freitag entnommen). Der Tagesspiegel, in dessen Text sich auch ein Mittwoch verirrt, verabschiedet daher das Format der Late-Night aus dem deutschen Fernsehen: "Die stete Angst deutscher TV-Redakteure, ihre Zuschauer mit dem eigenen Programm zu überfordern, zu erschrecken und nicht 'abzuholen' – mit konsequenter Late-Night steigt sie ins Unermessliche" +++ Hans Hoff verabschiedet Schmidt in seiner DWDL-Kolumne in den – vorläufigen? – Fernsehruhestand +++

+++ Lutz Meier ordnet im Stern-Blog die jüngste Axel-Springer-Bilanz ein: "1. Der Journalismus verliert bei Springer an Bedeutung, 2. Der Verlag stößt margenschwache journalistische Geschäfte ab und entwickelt margenstarke, nichtjournalistische, 3. Die Abhängigkeit von der 'Bild'-Zeitung wächst, 4. Döpfner muss jetzt liefern" +++ Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo spricht im W&V-Interview mit Karsten Lohmeyer über Finanzierungsmöglichkeiten der Gegenwart/Zukunft: "Wichtig ist, dass wir uns nicht allein auf Vertrieb und Anzeigenerlöse verlassen dürfen, um unsere Unabhängigkeit zu erhalten" +++ "Ich bin optimistisch, dass der Guardian die Wette gewinnen kann, die er eingegangen ist. Die Wette darauf, eine weltweite liberale Marke zu werden, aber auch die Wette darauf, Bezahlmodelle für hochwertigen Journalismus im digitalen Raum zu finden. Wir werden uns alle die Augen reiben, aber vermutlich haben die weniger mit Inhalten zu tun als wir alle bisher glauben", kommentiert derweil in seinem Blog Dirk von Gehlen einen Artikel von Guardian-Chef Rusbridger +++

+++ Hans Hoff, diesmal für die Süddeutsche, porträtiert den scheidenden Zuständigen des Grimme-Instituts für den gleichnamigen Preis, Ulrich Spies: "Heute treibt ihn die Angst um, dass der Preis nach ihm an jemanden geraten könnte, der ihn als medienpolitisches Machtinstrument missbraucht, als verlängerten Arm der NRW-Staatskanzlei quasi. Spies wünscht sich jemanden, der kein Verwalter und kein reiner Netzwerker ist, lieber jemanden mit Leidenschaft fürs Fernsehen, jemanden, der die Qualität des Produkts über die eigene Bedeutung stellt" +++ Der Tagesspiegel berichtet über die Reform des israelischen öffentlich-rechtlichen Rundfunks +++ Bei Welt.de wird die jüngste Ausgabe des "Aktuellen Sportstudios" gelobt +++ Die FAZ bespricht heute "Shrink – Nur nicht die Nerven verlieren" mit Kevin Spacey (RTL Nitro, Dienstag, 20.15 Uhr) +++ Die SZ den ZDF-Krimi "Unter Feinden" (20.15 Uhr) +++

Das Altpapier gibt es wieder am Dienstag.

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