Obwohl es ein Deutscher war, der vor gut 140 Jahren die mechanische Bildübertragung erfunden hat, gilt das Fernsehen als amerikanisches Medium, weil es in den USA zur Blüte gebracht wurde. Praktisch alle TV-Genres, die bis heute das Programm prägen, sind dort schon vor Jahrzehnten etabliert worden, darunter auch die sogenannten Medicals. Ausgerechnet dieser Begriff hat sich in der ansonsten von Anglizismen geprägten Fachsprache noch nicht durchgesetzt. Hierzulande heißen die entsprechenden Produktionen nach wie vor "Arztserie", dabei ist mindestens die Hälfte der Hauptfiguren längst weiblich.
Mit der zweiten Staffel der Serie "Die Notärztin" hat der federführende SWR für die ARD ein geradezu klassisches "Medical" nach dem Vorbild des amerikanischen Genre-Prototypen "City Hospital" (1951) geschaffen. Konzentrierten sich die ersten Folgen auf die beruflichen Herausforderungen der Titelfigur, so wird ihr Privatleben nun mindestens gleichwertig.
Natürlich ist das auch fürs hiesige Fernsehen nichts Neues, ARD-Freitagsreihen wie etwa "Die Eifelpraxis" oder "Praxis mit Meerblick" sind ganz ähnlich angelegt, aber eine Sendezeit von nun insgesamt fast zehn Stunden bietet ganz andere Möglichkeiten, Geschichten tiefgründig zu erzählen. Darin liegt die große Stärke der zweiten Staffel. Sehenswert ist die Serie ohnehin erneut schon allein wegen Sabrina Amali; die Schweizerin war bereits vor zwei Jahren der hauptsächliche Einschaltgrund. Das ist diesmal nicht anders, zumal die Nebenfiguren zunächst wie eindimensionale Stereotype wirken. Dieser Eindruck ändert sich jedoch in den weiteren Folgen, wenn sich die Rollen vom Klischee emanzipieren und die Mitwirkenden an Format gewinnen. So kommen auch mehrere Subthemen ins Spiel, weil sich beispielsweise Feuerwehrfrau Billy (Anna Schimrigk) als neue Staffelleiterin den Respekt der männlichen Kollegen verschaffen muss. Auch privat wächst der Druck: Ihre Mutter (Birge Schade) leidet unter Frühdemenz. Der nach einer Handgreiflichkeit vorübergehend in die Leitstelle versetzte Markus (Max Hemmersdorfer), in Staffel eins noch Ninas Flirtpartner, hat gleich mehrere starke Szenen und redet unter anderem so lange auf einen lebensmüden jungen Mann ein, bis Rettung naht.
Wie in den ersten sechs Folgen stehen anfangs die Einsätze der Mannheimer Feuerwehr im Mittelpunkt. Bei der Rettung einiger junger Leute, die sich im Drogenrausch in den Neckar verirrt haben, lernt Nina einen Mann kennen, der einen der Jungs aus dem Wasser gezogen hat. Philipp (Max Woelky), zweifacher Vater, ist frisch getrennt und will sich eigentlich nicht gleich schon wieder verlieben, aber natürlich sind die Gefühle stärker. Das erfahrene Publikum fragt sich zwar, wo bei diesem Glücksgriff der Haken ist, doch das größere Hindernis für eine glückliche Liaison scheint die physisch und psychisch kräftezehrende Arbeit der Notärztin zu sein: Wie bei allen Heldinnen solcher Geschichten hat ihre Hingabe nie Feierabend.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Die Beziehungsebene bildet den roten Faden der Serie und setzt regelmäßig einen Kontrapunkt zu den Einsätzen. Exemplarisch zeigt sich das in Folge fünf: Die Episode wechselt ständig vom Schauplatz eines schweren Unfalls mit mehreren Fahrzeugen zu einem Kindergeburtstag. Das wirkt zunächst irritierend, hat aber Methode und verdeutlicht den Kontrast, den derartige Berufe mit sich bringen: hier der Kampf ums Überleben der Schwerverletzten, dort die Ausgelassenheit der Feier. Die Drehbücher sind wieder unter der Leitung von Jan Haering entstanden, der auch die ersten sieben Folgen inszeniert hat; den Rest hat Florian Gottschick beigesteuert.
Die Umsetzung hat allerdings deutliche Schwächen, aber vielleicht ist das auch dem Sendeplatz geschuldet: Beim Erzähltempo unterscheidet sich "Die Notärztin" kaum von den üblichen Dienstagsserien im "Ersten". Gerade die Einsatzfahrten wirken wie gemütliche Ausflüge, in deren Verlauf Nina mit Rettungssanitäter Paul (Paul Zichner) ihre Beziehung erörtert. Natürlich konnten die Verantwortlichen nicht ganze Straßenzüge absperren, aber andere Kamerapositionen und eine flottere Schnittfrequenz wären auch bei einem niedrigeren Budgets möglich. Die elektronische Musik dudelt zumeist gleichförmig im Hintergrund, ganz gleich, ob es um Leben und Tod oder eine Führung durch die Wache geht. Und während die Arbeit von Feuerwehr und Notärztin auch dank der Fachberatung streckenweise fast dokumentarisch wirkt, sind die regelmäßigen Herzdruckmassagen viel zu schwach. Das wiederum ist verständlich: Im wahren Leben kann dabei auch mal eine Rippe brechen.


