Who put the -ismus in Journalismus?

Who put the -ismus in Journalismus?

Nach knapp zwei Monaten wieder auf dem Schirm: die Frage, ob ein Journalist Aktivist sein darf (oder Passivist bleiben muss). Außerdem: Die FAZ reduziert den Umfang und lässt sich einen offenen Brief auf der Zunge zergehen. Ein "Tatort" toppt "Game of Thrones" in einer Hinsicht, aber nicht in einer anderen. Ein Otter. Und gute Kritiken für eine Syrien-Dokumentation.

Wenn es gestern an dieser Stelle schon losging mit der neuen Blattstruktur der FAZ, dann heute eben noch einmal: Die FAZ ist seit Samstag neu geordnet; was mir spontan nicht aufgefallen war, Newsroom aber sehr wohl, ist, dass die Seite "Netzwirtschaft" nicht mehr erscheine und dass hier und da ein weiteres Seitchen fehle. Bülend Ürük erinnert: "Dass die finanzielle Situation in Frankfurt angespannt ist, bewies die Entscheidung, keinen neuen Nachfolger für [den scheidenden FAZ-Herausgeber; AP] Günther Nonnenmacher zu bestimmen."

Ob wir mit dieser Meldung tief zurück in der Zeitungskrisenberichterstattung sind bzw. wohin sie führt, weiß ich jetzt auch nicht. Aber, um überzuleiten: Dürfte man als Journalist mit Medienschwerpunkt denn hoffen, dass es der FAZ gut geht, weil sie mit möglichst vielen Seiten gebraucht wird für die publizistische Vielfalt? Oder wäre das dann schon journalistischer Aktivismus?

Die Frage, ob Journalisten Aktivisten sein dürften, ist eine, die gestern nach längerer Pause wieder aufpoppte. Vielleicht ließe sich die Frage wenigstens zum Teil mit der Gegenfrage beantworten, ob denn ein passivistischer Journalist wünschenswert wäre: einer, der sich für nichts einsetzt, der alles und jeden gleich ernst und unernst nimmt, der seine Prioritäten vorgekaut kriegt, wartet, was ihm in den Schoß fällt und vorhandenes Material auswertet. Eher nicht. Oder?

Dass die um den Jahreswechsel intensiv geführte Debatte darüber, wie viel von einem Aktivisten ein Journalist haben darf (siehe etwa dieses Altpapier), nicht abgeschlossen ist, liegt womöglich am -ismus im Aktivismus. Ein aktiver Journalist mag besser sein als ein passiver, weil der Beruf ein gewisses Interesse an irgendetwas ja nun einmal voraussetzt. Aber was ist mit einem, der einen -ismus pflegt (und nicht nur einen Journal-ismus)?

Stefan Niggemeier wurde vom Journalistenverbands-Magazin Journalist dazu um einen Debattenbeitrag gebeten, und man kann seinen Text zusammenfassen als Verteidigung des engagierten Vertretens einer unabhängig gebildeten Meinung bei gleichzeitiger Berechtigung des möglichst neutralen Beitrags. Man fragt sich zunächst bei der Überschrift – "Ich habe eine Meinung" –, ob vielleicht die Schubladen verrutscht sind; Meinung haben, Aktivist sein, das ist ja nicht das Gleiche. Lesenswert ist Niggemeiers Text aber etwa, weil man am Ende ahnt, dass das der Punkt in der Debatte ist: dass die Kategorie "Aktivismus" hier missverständlich ist, in dem Sinn, dass jeder etwas anderes darunter verstehen kann.

Denn was ist gemeint mit aktivistischem Journalismus? Journalismus, der Homophobie nicht gleichwertig aufgreift (siehe etwa Altpapier zur jüngsten "Maischberger"-Diskussion)? Meinungsgetriebener Journalismus? Nee – dass ein Journalist etwas meinen darf, ist eigentlich ja ziemlich unumstritten. Ist jeder Axel-Springer-Journalismus aktivistisch, weil es publizistische Leitlinien gibt? Und ist es aktivistischer Journalismus, die Journalismushaftigkeit von vermeintlich aktivistischem Journalismus in Zweifel zu ziehen und für das als gut Angesehene – die strikte Trennung von Kommentar und Nachricht – zu streiten?

 Niggemeier:

"Die Diskussion um die Frage, ob Journalisten mit ihrer Berichterstattung für eine Sache kämpfen oder werben dürfen, an die sie glauben, ist uralt. Die Kommunikationswissenschaft hat größere Teile ihrer Forschung damit verbracht, nach dem Selbstverständnis und Rollenbild von Journalisten zu fragen und zu unterscheiden zwischen (möglichst neutralen) Informationsvermittlern und engagierten Kritikern, Anwälten und Kontrolleuren, die mit ihrer Arbeit die Welt in irgendeiner Weise besser machen wollen."

Er schreibt:

"Ich glaube, dass die Unterscheidung zwischen Journalisten und Aktivisten an dieser Stelle falsch und sinnlos ist. Es handelt sich um zwei verschiedene Formen des Journalismus, und beide lassen sich nach demselben Maßstab beurteilen: ob sie der Wahrheitsfindung dienen. Natürlich muss ein Journalist unabhängig sein, natürlich darf er sich nicht einem Verein, einem Unternehmen, einer Person verpflichtet fühlen, sondern nur einer Sache. Natürlich darf er kein Lobbyist sein. Aber er darf Überzeugungen haben und leidenschaftlich dafür kämpfen."

Wie wäre es mit folgendem Zwischenfazit: Aktivistischer Journalismus ist in Ordnung, solange es sich um Journalismus handelt.

Zum Thema Aktivismus ohne Journalismus lohnt sich aktuell auch ein Blick in das FAZ-Blog von Teresa Bücker sowie ins FAZ-Feuilleton, wo laut FAZ-E-Paper Karin Rönicke – vermutlich ist allerdings die FAZ-Bloggerin Katrin gemeint – über Feminismus schreibt. Außerdem ist Silke Burmesters am 22.2. erschienener TAZ-Artikel über Ernst Elitz seit diesen Tagen online, an dem man gut studieren kann, dass die Frage, ob man für oder gegen Deutschlandradio-Gründungsintendanten mit Meinungen ist, auch mit jener zusammenhängt, wie behämmert man deren Meinungen findet.

+++ Die medienpolitisch zentralen Tagesnachrichten kreisen heute wieder um die im Raum stehenden Rundfunkgebührensenkung um mögliche 73 Cent, die die Personalratsvorsitzenden von ARD, ZDF und Deutschlandradio mit einem offenen Brief an die Ministerpräsidenten verhindern wollen. Michael Hanfeld tobt sich in der FAZ dazu wieder gut aus: "Das Wehklagen von ARD und ZDF wird immer absurder" / "Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen" / "Kann es sein, dass der Hunger dort nie gestillt ist, egal, wie viel Beitrag jeder zahlen muss?" Weitere Fragen, die man sich als Leser stellt, könnten lauten: Ist das nun Aktivismus oder Journalismus? Falls jemand wissen will, worum es in dem offenen Brief geht, kann übrigens fündig werden.

Bei SZ und TAZ geht es dagegen in Einspaltern um das Vorhaben der rheinland-pfälzischen Landesregierung, die Werbezeiten im öffentlich-rechtlichen Rundfunk zurückzufahren, ohne dass dadurch deutliche Beitragserhöhungen nötig würden. Wer mag, könnte die beiden heutigen Gebührenmeldungen miteinander in Verbindung bringen.

+++ Alle Medienmedienthemen von heute, die mit Ottern zu tun haben, dann im Altpapierkorb.


ALTPAPIERKORB

+++ Bei Arte läuft eine Dokumentation, die im Januar auf dem Sundance-Filmfestival den Jury-Preis gewann, die davon handelt, wie junge Syrer zu Kriegern werden: "Homs – ein zerstörter Traum" (20.15 Uhr): "Talal Derki zeigt in seinem Film die Schrecken des Bürgerkrieges so direkt, dass man sich manchmal bewusst machen muss, hier keine Filmeffekte zu sehen, sondern echtes Blut und echte Tote", schreibt die SZ. Die TAZ: "Der Film zeigt Szenen aus dem Krieg in Syrien, die man noch nie in den deutschen Medien gesehen hat. Er vermittelt eine Vorstellung davon, was "Front" in diesem Kampf um Straßenzüge bedeutet". Und die FAZ: "Er ist nichts für Zartbesaitete – vor allem wegen des psychischen Drucks, den er aufbaut, aber auch wegen einiger blutiger Szenen" +++

+++ Das mit dem Altpapier-Gegenstand Medien in Verbindung stehende Social-Media-Dings (#ottergate) des gestrigen Tages ist ein kleiner TAZ-Artikel über Otter, dessen Foto fälschlicherweise mit "Christopher Lauer" unterschrieben war. Hurra, es gibt nur Gewinner: Heute gibt es eine hübsche Richtigstellung, Piratenpolitiker Lauer war in seinem Element, und die HuP hatte auch was zu tun +++

+++ Gerne genommen heute die Information, dass der zweite "Tatort" mit Til Schweiger nicht ohne 19 Tote auskomme ("So oft wurde noch nie gestorben", so der Tagesspiegel, der aber auch weiß: "Die Klasse und die Qualität eines Krimis hängt nicht von der Zahl seiner Leichen ab"). +++ Die Berliner Zeitung haut online via DPA zum Schweiger-Krimi außerdem einen ganz besonderen Sprachwitz raus: "Ein Sonntagskrimi mit viel Gangster-Gewalt, aber auch reichlich Sex und nacktem Po, wie vorab durchsickerte. Ob man das po-etisch oder unethisch findet, ist – wie so oft beim 'Tatort' – Geschmackssache" +++ Festhalten lässt sich, dass 19 Tote und ein nackter Po fünf Tote mehr bedeuten als in einer durchschnittlichen Folge "Game of Thrones", wo es dafür mehr Nacktheit gibt, nämlich im Schnitt 5,6 Brüste – hat der Guardian vor einem Jahr mal recherchiert +++

+++ Diemut Roether verteidigt den Deutschen Fernsehpreis nebenan bei EPD Medien gegen die Kritik der Kritiker (siehe Altpapier) +++ Steffen Grimberg weist im "Zapp"-Blog auf einen Wams-Beitrag von Produzentin Regina Ziegler hin: "Ziegler ist so etwas wie die Urmutter der deutschen TV-Produzenten ('Weißensee', aber auch viel Schrott) und hält es mit Radio Eriwan: Deutschland hat schon das Zeug zur großen Serie, sagt Ziegler also, die Stoffe seien da, auch Kreative, die zur Umsetzung bereit stünden. 'Die eigentlichen Hürden beginnen erst, wenn man einen Stoff hat', schreibt Ziegler – denn 'dann schlägt die Stunde der scharfsinnigen Bedenkenträger'. Und die fragen so vertrackte Dinge wie: 'Wer will sich so was anschauen?' oder: 'Schürt das nicht Politikverdrossenheit?'" +++ Und die SZ berichtet von einer Wiederentdeckung des Analogen durch Magazindesigner; Zitat: "Weil uns das Netz und das Digitale so mit Schnelligkeit und Oberfläche abspeist, wird Print kostbar. Wenn etwas die Qualität hat, nicht bloß im Augenblick zu bestehen, wird es gedruckt. Sonst – ab ins Digitale!" +++

+++ Der Mordprozess gegen Oscar Pistorius hat begonnen, Tagesschau.de schreibt von medialer "Hysterie" in Südafrika +++ Die TAZ schreibt von Hetze russischer Medien gegen Maidan-Anhänger +++ Und good news für alle, die es betrifft: Während eines Praktikums bei Facebook oder Twitter kann man jeweils mehr als 6000 US-Dollar monatlich verdienen – sofern es stimmt, was Sascha Lobo gestern als Link getwittert hat: Lasst uns alle irgendwas mit Social Media machen! +++

+++ Einen differenzierten Beitrag über die gestern hier verarztete Enzensberger-Debatte schreibt Don Dahlmann bei Carta: "Das Bedauerliche an dem Text ist eigentlich, dass er so hilflos wirkt. Wenn selbst jemand wie Enzensberger nur noch zu symbolischen Mitteln auffordert, wenn ihm nicht mal mehr ein Angriff auf die Staatsphilosophie gelingt, wenn ihm keine andere Lösung einfällt als die Technologie zu verbannen, dann ist das schon eine kleine Bankrotterklärung." +++

Das Altpapier gibt es wieder am Mittwoch.

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