72 Stunden pro Minute

72 Stunden pro Minute

Altes Lagerfeuer Fernsehen und ein neuer Mediendialog, scharfe Monopolisten-Kritik und ein amazing Beispiel für Google-Arroganz, Elefantenrunden-Rituale und uniformierte Blogger als Messe-Hostessen. Sowie: ein prominenter Neuzugang auf dem absurdesten Walk of Fame des Kontinents.Da könnte sich das Urheberrecht aber umgeschaut haben: Bei der Berliner Medienwoche, der gestern begonnenen, heute noch laufenden Mediendiskussionveranstaltung, wurde es kurzfristig von der Tagesordnung verbannt. Und zwar mit dem für solche Medienveranstaltungen verblüffend innovativen Argument, dazu seien ja "nun wirklich alle Argumente ausgetauscht" worden. Das sagte der Geschäftsführer des Medienboards Berlin-Brandenburg, Elmar Giglinger in seiner "Bei uns am Standort"-Eröffnungsansprache.Nachdem im anschließenden Grußwort eine nicht direkt mediennahe, aber halt zuständige und CDU-nahe Senatorin den aktuellen, bekanntlich eigentlich nur von der CDU gut gefundenen Leistungsschutzrecht-Entwurf kritisiert hatte (meedia.de), gab es interessante "Keynoter", wie man inzwischen sagt:

Der ProSiebenSat.1-Vorstandsvorsitzende Thomas Ebeling führte sich mit einem Trailer zu "Voice of Germany" (einem Exempel aus dem gerade schwer angesagten Fernsehgenre der Castingshow) ein, um in dann umso erfrischenderer Sprödigkeit, außer darauf hinzuweisen, wie gut aufgestellt sein Konzern ist, das "große gesellschaftliche Lagerfeuererlebnis" auszumalen, das Fernsehen ja sei und bleiben werde.

Als Schlüsselbegriff seiner Keynote kristallisierte sich "monopolistisch" heraus: Die Privatsender seien "von quasimonopolistischen Strukturen umringt". Ebeling nannte die öffentlich-rechtlichen Sender, die Mediaagenturen, Kabel- und Satellitenanbieter und zumal die "globalen Akteure" des Internets. Und zumal Google. Seine in die Forderung "Deutschland braucht einen Mediendialog" mündende Attacke schlug gewisse Wellen (heise.de, horizont.net, meedia.de). Die FAZ-Medienseite fasst zusammen:

"Er halte es für 'inakzeptabel', sagte er, gemünzt auf Google, 'dass ein einziges Unternehmen faktisch ein Monopol auf Online-Suche und damit auf die Informationsvermittlung im Netz hat, ohne gleichzeitig größtmögliche Transparenz zu üben'..."

Dann noch Googles Suchalgorithmus mit dem deutschen Pressegrosso-System aus der analogen Holzmedien-Welt zu vergleichen (das ansonsten gern als Vergleich für Netzneutralität herangezogen wird, siehe unten), war auch kein schlechter Schachzug Ebelings. Gesprächsbereitschaft Googles über Selbstregulierungen leitete er daraus ab, dass der Suchmaschinen-Konzern an der Berliner Renommier-Adresse Unter den Linden "eine Repräsentanz mit 30 Lobbyisten" eingerichtet habe. (Wo genau, falls man mal klingeln möchte? Unter den Linden 14, auch wenn Google Maps das aus irgendeinem Grund nicht anzeigt).

Gewissen Pfiff hatte Ebelings Attacke, weil der zweite Keynoter aus dem Google-Imperium kam. Matthew Glotzbach, seines Zeichens Managing Director von Youtube für Europa, Nahost und Afrika, gab aktuelle Wasserstandsmeldungen zu den Zahlen, die immer noch am besten ahnen lassen, wohin die Reise geht: Die Menge der auf Youtube heraufgeladenen Inhalte habe sich auf 72 Stunden pro Minute erhöht; 2013 sollen 90 Prozent des Internet-Traffics von Videos verursacht werden (wie letzten Sommer aber auch schon prophezeit worden war).

Als Schlüsselworte seiner Performance erwiesen sich "to embrace" (die traditionellen Medien müssten das Internet und die sozialen Medien eben umarmen) und ganz besonders "amazing". Sätze ohne amazing hatte Glotzbach nur wenige parat.

In der anschließenden Elefantenrunde setzte er sich mit nettem Lächeln dazu. RBB-Intendantin Dagmar Reim, sozusagen der Platzhirsch, sagte dieses und jenes (siehe Tagesspiegel, DPA/ BLZ, Medienwoche-Pressemitteilung). Conrad Albert, noch ein ProSiebenSat.1-Vorstandsmitglied und Ebeling vom Typ her recht ähnlich, legte relativ bärbeißig gegen Google nach. Das Google-Firmenmotto "Don't be evil" erinnere ihn ans nicht immer vertrauenswürdige "Der tut nichts, der will nur spielen" von Hundehaltern, undsoweiter.

Als Moderator Frank Thomsen dann Glotzbach fragte, was er denn davon hält, erwiderte dieser, er verstehe ja nur wenig deutsch. Von der Simultanübersetzung, mit der die von Bertelsmann-RTL-UFA entsandte Französin Claire Tavernier eine gute Podiums-Figur machte, hatte er gar keinen Gebrauch gemacht. Falls also noch mal eine Personifizierung von Google-Arroganz gegenüber zuversichtlich-besorgten Medienmanagern klassischen Zuschnitts gebraucht wird - Glotzbach wäre absolut amazing.Wobei er in der Sache natürlich recht hatte: Solchen Manager-Elefantenrunden zuhören muss man wirklich nicht, am Ende des Tages, zumal die Teilnehmer von der Beschränkung auf noch unausgetauschte Argumente noch nichts gewusst hatten. Glotzbach nahm dann doch noch etwas teil und empfahl deutschen Fernsehmachern, auch das künftige "Google TV" zu umarmen, es sei ja nur ein Betriebssystem (und wolle nur spielen, konnte man sich dazu denken).

[+++]Auch sonst viel Betrieb in Berlin, schon weil diese Medienwoche ja in Kombination mit der IFA stattfindet und daher Scharen von Unterhaltungselektronikfans mit gewaltigen Papiertüten voll von Werbegeschenken, aber auch von Totholz-Infomaterial die weitere Szenerie beleben.Der Berlin-Brandenburger Medienwächter Hans Hege war bereits in der Samstags-FAZ sozusagen Ebeling beigesprungen: mit einem "Plädoyer für eine öffentlich finanzierte Suchmaschine im Internet" ("Wir müssen Google Konkurrenz machen!"), das inzwischen frei online steht und in seiner leicht trostlosen Unrealistik auch lesenswert ist.

[+++] Auf der eigentlichen IFA machen die sympathischen Konzerne Samsung und Deutsche Telekom Furore: Ersterer, indem er offenbar Blogger von seinem Heimatkontinent einflog, um sie dann, in Uniformen, "wie Hostessen am eigenen Messestand einzuspannen", wie etwa sueddeutsche.de unter Berufung auf thenextweb.com berichtet.[+++] Dass die Deutsche Telekom "auf der IFA Gleitcrème verteilt", ist indes nicht wörtlich zu verstehen. Vielmehr hat Jens Best u.a. auf Carta die Gleitcreme als Metapher für eine Spotify-Flatrate gewählt, die die Telekom neu vermarktet. Dabei gehe es ums Aushebeln der Netzneutralität, lautet Bests Ansatz (und das Argument, dass diese "das Presse-Grosso des 21. Jahrhunderts" sei, taucht in den Kommentaren wieder auf).

[+++] Aber auch eine hart-bunte News stammt von der IFA-Medienwoche, und zwar gar direkt aus der oben schon skizzierten Elefantenrunde: Norbert Himmler ist als neuer ZDF-Programmdirektor in die Riege entsprechender Elefanten aufgestiegen und nutzte die Gelegenheit, anzudeuten, dass "Wetten, dass..?" "interaktiver werden" soll, und so etwas wie "Schlag den Raab" vielleicht gar auch ("'Auch Markus Lanz wird gegen Kandidaten antreten', fügte er hinzu. Es werde 'einiges passieren'", vgl. DAPD/ welt.de).Diese Info führt nun einerseits zu einer der Einrichtungen, denen Himmler seinen (bescheidenen) Ruf als innovativ verdankt: dem ja auch interaktiven "TV Lab" des ZDF-Digitalnischensenders Neo. Dessen zweite Ausgabe ging gerade zuende. "So frech, so tabulos, so entbehrlich" sei sie aber gewesen, meint Peer Schader im FAZ-Fernsehblog, dass sich "die Privatsender entspannt zurücklehnen" könnten.

Immerhin eine der quasimonopolistischen Strukturen rings um ProSiebenSat.1 erfordert also keine unbedingte Aufmerksamkeit.Außerdem führt die "Wetten, dass..?"-Info zu dem gesamtgesellschaftlichen Top-Ereignis gestern in der brodelnden Medienmetropole Berlin, von dem natürlich die Springer-Presse mit der ergreifendsten kleinen Text- und Foto-Reportage berichtet: Thommy Gottschalk, der zur Einweihung eigens aus Kalifornien angereiste vormalige "Wetten, dass..?"-Moderator und "Show-Titan" hat nun auch einen Stern auf dem absurdesten Walk of Fame des Kontinents, auf dem Mittelstreifen der Potsdamer Straße in Berlin-Mitte.


Altpapierkorb

+++ Außerdem führt das Thema "Wetten, dass..?" natürlich zur Frage, ob sich der Nebel um das "nicht" im ansonsten unspektkulären Focus-Interview mit dem multiplen ZDF-Moderator Lanz (siehe Altpapier) gelichtet hat. Nicht, lautet die Antwort. Aber medienjournalistische Nachbereitungen der Tagespresse gibt's. "Der Fehler liegt bei uns, nicht beim Focus", sagte ein ZDF-Sprecher auch der TAZ noch einmal. +++  Und Ulrike Simon hat für die BLZ nachinvestigiert: "Im Fall von Lanz hatten die Focus-Journalisten das Interview am Abend des vorigen Dienstags ans ZDF gemailt, mit der Bitte, es bis Donnerstag zu autorisieren. Knapp vor Produktionsschluss kam es zurück. Jetzt stand dort nicht mehr: 'Ich glaube, dass er, 'Wetten, dass ..?' nicht wirklich schaden will.' Stattdessen stand dort nun: 'Ich bin mir ganz sicher, dass er 'Wetten, dass ..?' schaden will.' Aus Focus-Sicht war die Geschichte damit natürlich besser. ..." +++

++ Die Medienseite 31 der Süddeutschen befasst sich gar nicht mit der Berliner Medienwoche, sondern mit: 1.) Fatma Nabil, die als erste verschleierte Nachrichtensprecherin des Staatsfernsehens,  "ägyptische Mediengeschichte" schreibe. +++ 2.) mit einem neulich von kress.de nicht direkt neu, sondern eher mal wieder angekündigten ProSiebenSat.1-Plan, der jetzt aber einen konkreten Namen hat: Der geplante Sender für ältere Zuschauer bzw. "Best Ager" soll "Sat.1 Gold" heißen. +++ 3.) soll der SZ zufolge das Radioprogramm NDR Kultur "kontroverser werden" ("Das Pro- und Contra-Format 'Kultur kontrovers' ... wird nicht mehr wie bisher nur viermal im Jahr, sondern monatlich gesendet - an wechselnden Wochentagen..."). +++ 4.) hat im Doris Heinze-Prozess vorm Hamburger Landgericht der Produzent Uwe Schott ausgesagt und dabei seine frühere Produktionsfirma-Partnerin, die mitangeklagte Heike Richter-Karst, "so eindringlich" angeblickt, dass "der Richter und die Staatsanwältin Schott ermahnen" mussten, "während der Vernehmung den Richter anzuschauen....". +++ 5.) meint Altpapier-Autor René Martens zur heutigen "ARD exklusiv"-Reportage von Christoph Lütgert: "Die Autoren ziehen alle Rührstück-Register, trotzdem gelingt die Balance zwischen Emotionalisierung und Journalismus." +++ Und 6.) wird auch noch der neue Fernseh-Philosoph Richard David Precht ("...der das Hemd bis zum zweiten Knopf offen lässt und zumindest äußerlich den Eindruck erweckt, die Deutschen hätten jetzt auch ihren Bernard- Henri Lévy...") nachbesprochen. ++++++ Precht wie Jauch bereitet Barbara Sichtermann im Tsp. nach. +++

+++ Text Nr. 7 auf der SZ-Medienseite gilt dem heutigen Sat-1-Film "Und weg bist du", den wohl deshalb, weil Christoph Maria Herbst darin mit Perücke den Tod spielt, viele besprechen. "Die Freude über den fulminanten Beginn verblasst indes schnell", meint Hans Hoff. +++ "Stirb langweilig", titelt die TAZ. +++ "... ein unterhaltsames Rührstück. Als solches ist der Film aber sehenswert...", meint die FAZ. +++ "Ein mutiges Projekt des ja nicht immer sonderlich mutigen Privatsenders Sat1", würde Markus Ehrenberg (Tsp.) sagen. +++

+++ Den französischen "Anklagefilm gegen die Bank Goldman Sachs", den Arte zurselben Zeit zeigt, besprichen FAZ ("Die Darstellung wirkt häufig wie eine Verschwörungstheorie - und doch findet der Film Zeugen dafür, insbesondere einstige Mitarbeiter der Bank...") und die TAZ ("...doch ein bisschen zu einfach gestrickt") +++

+++ Aus Weißrussland, wo "in den letzten Tagen ... Online-Aktivisten schikaniert und verhaftet" wurden, berichtet die FAZ. +++ Über Aserbeidschan (und Versprechungen, die die European Broadcasting Union entgegennahm, ohne sich um Einhaltung zu kümmern), berichtet Stefan Niggemeier. +++ Und über portugiesische Pläne, aus Kostengründen das staatliche Fernsehen zu privatisieren, berichtet die Welt. +++

+++ Nicht auf der Beerliner Veranstaltung "Medienwoche", sondern für die gleichnamige schweizerische Webseite hat Ronnie Grob Roger Schawinski interviewt, der darin natürlich auch etwas zu Sat.1 sagt. +++

Neues Altpapier gibt's wieder am Mittwoch. 

 

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