Fast die Hälfte sind Frauen

Fast die Hälfte sind Frauen

Wie der Spiegel einstellt, wie Stimmung in der Basler Zeitung ist, wozu Bild wirklich da ist und was an Wolf Schneiders Videoblog beeindruckt.

Charlie Sheen kann man bescheuert finden. Oder clever. Vielleicht auch beides. Jedenfalls hat er es geschafft, ein bemerkenswertes Geschäftsmodell zu entwickeln.

"Dass Sheen mittlerweile zum routinierten Darsteller seiner selbst geworden ist, dessen Karriere bis auf Weiteres von nichts lebt als von dem theatralisch aufgemotzten Kaputtgehen seiner Karriere, fällt ihnen gar nicht auf."

Schreibt Jörg Häntzschel auf Sueddeutsche.de über einen Auftritt des Filmschauspielers, der es erst als eskapöser Fernsehstar zu Ruhm gebracht hat, in Chicago.

"Was Sheen mit seiner Tour vorhatte, wie er ohne jede Live-Erfahrung Abend für Abend tausende von Zuschauern unterhalten wollte, das war von Anfang an niemandem klar gewesen."

Der vorangegangene Abend in Detroit, über den Häntzschel sehr gut unterrichtet ist, scheint aus dem Ruder gelaufen zu sein. Weshalb in Chicago etwas zurückhaltender Stimmung gemacht wird:

"So wie ein rarer Vogel behutsam zum Singen angeregt wird, wird Sheen, der fluchende, zeternde, sexistische und halbverrückte Dummkopf mit Fingerspitzengefühl zu seinen Ausbrüchen geleitet. So derb, dass er mit ihnen am Ende das Publikum gegen sich aufbringt, dürfen sie aber auch nicht sein."

Das hätte Adorno gefallen. Aber gefällt es auch Wolf Schneider? Der große Richtig-schreiben-Erklärer des deutschen Journalismus widmet sich in dieser Woche auf seinem skurrilen, weil völlig drögen Videoblog auf Sueddeutsche.de dem Fluchen. Weil das Beeindruckendste an Onkel Wolfs Erzählungen über die Sprache unter dem frechen Titel "Speak Schneider" das unbescheidene Bücherregal im Hintergrund ist (BILDUNG!), kann man den Erfolg von Sheen zumindest verstehen – da ist wenigstens was los.

In Sachen Geschäftsmodell überrascht die Bild-Zeitung – zumindest laut einer Studie der Otto-Brenner-Stiftung, die Hans Leyendecker für die SZ (Seite 15) gelesen hat.

Hans-Jürgen Arlt und Wolfgang Storz

"entwickeln ein interessantes Theorem: Bild sei gar keine richtige Zeitung, sondern inszeniere sich nur so, um Geschäfte machen zu können. Ein 'Jahrhundertschwindel' steht auf dem Cover der Studie. Das Blatt sei mit seinen 'Volksprodukten' und seiner 'Marketing- und Verkaufsmaschine' zu 'einem der großen Einzelhändler Deutschlands geworden'."

Leyendecker findet den Ansatz "zumindest originell", ein Urteil, das wohl vor allem vor dem Hintergrund einer nicht einfacher gewordenen "Bild"-Kritik gelesen werden muss. Dafür spricht, dass der sonst so selbstdarstellungsnotorische Bild-Chef Diekmann einmal nicht zum Interview bereit stand.

Die Grenzen des Gedankens benennt Leyendecker allerdings auch:

"Das Boulevardblatt, schreiben sie, ziele auf den 'Reputationsgewinn der Exklusivität; ob dabei auch eine relevante Information mitgeliefert wird, ist Nebensache'. Aber der Befund gilt für viele Medien, die zum Beweis ihrer Daseinsberechtigung die Erwähnung in anderen Blättern herbeisehnen (auch die Süddeutsche Zeitung liegt bei solchen Untersuchungen ziemlich weit vorn)."

Immerhin erfährt man, dass Insider mit einem Jahresgewinn der Bild von 250 Millionen Euro kalkulieren. Was dann unter anderem für die Welt ausgegeben werden kann, wo Richard Herzinger online endlich wieder mit einem Blog da ist.

[listbox:title=Die Artikel des Tages[Charlie Sheens Geschäftsmodell (SZ)##RTLs Geschäftsmodell (stern.de)##Die Stimmung bei der Basler Zeitung (NZZ)##Die Zukunft des Spiegel (Berliner)##]]

Es heißt "Freie Welt" (ein Terminus, den schon der beliebte amerikanische Präsident John F. Kennedy im Munde führte, wie in der wolfschneiderbücherregalesken Einführungsveranstaltung unbescheiden erklärt wird) und befasst sich nicht nur mit dem notorischen Westliche-Werte-Vorzeigen, der Großteile des heutigen Konservatismus immer so schulaufsatzhaft klingen lässt.

Nein, die Freiheit wird hier auch in Castingshows verteidigt, weshalb Herzinger gleich einmal seine Beobachtungen zum – vermeintlich oder nicht – RTL-Desaster bei DSDS zum Besten gibt.

"Denn während der Sendung waren die Telefonnummern der Kandidaten in falscher Zuordnung eingeblendet worden, und der in seiner permanent aufgedrehten Möchtegern-Witzischkeit zunehmend überfordert wirkende Moderator Marco Schreyl hatte die falsche Zahlenfolge brav zweimal wiederholt."

Das liest sich nun allerdings derart, nun ja, gewöhnlich, dass man sich fragt, worin der Erkenntnisgewinn bestehen soll, wenn der großkalibrige Herzinger die Arbeit eines jener jungdynamischen Claqueure übernimmt, die sonst für Springers Online-Dienste mit hämischer Empörung den PR-Abteilungen des Privatfernsehens assistieren.

Bei Carsten Heidböhmer auf stern.de, wo sich mitunter auch auf diese, nun ja, journalistische Disziplin verstanden wird, erfährt man jedenfalls mehr über mögliche Feinheiten des Geschäftsmodells von RTL.

"Es gibt noch eine zweite strittige Entscheidung, die die Senderverantwortlichen getroffen haben. Alle Stimmen, die am vergangenen Samstag bis 22.39 Uhr eingegangen sind, zählen in der nächste Sendung. Das mag sich zunächst fair anhören, könnte aber letztendlich die Ergebnisse verzerren. Denn die Anrufer bewerten die aktuelle Performance der Kandidaten. Wer am letzten Samstag beispielsweise Sebastian Wurth unterstützt hat, weil ihm sein Auftritt gefiel, kann in der nächsten Sendung seine Sympathien Zazou Mall schenken. Wurth könnte dann trotzdem mehr Stimmen bekommen als seine Konkurrentin - weil er die vielen Anrufer aus der Vorwoche mitnimmt."

Got it?


Altpapierkorb

+++ "Das Gesicht zu wahren, das war in alten Zeiten extrem wichtig und ist es heute noch", sagt Onkel Wolf in seinem Videoblog. Das müsste man mal Markus Somm erzählen, dem Chefredaktor der "Basler Zeitung", die ihren Vize-Chefredaktor verloren hat, wie die NZZ am Sonntag berichtete. Überhaupt scheint die Stimmung mies: "Somm sagte am Montag vor den Angestellten den bemerkenswerten Satz, dass er noch nie auf einer Redaktion gearbeitet habe, wo die Stimmung gut gewesen sei. 'Wenn es so ist – dann muss das an Somm liegen', meint dazu ein Redaktor der 'Basler Zeitung'." Und außerdem: "'In der über eineinhalbstündigen Aussprache gab es nicht eine einzige positive Wortmeldung zum Chefredaktor. Das muss man sich einmal vorstellen', sagt ein Journalist. Somm habe den Rückhalt der Redaktion fast vollständig verloren. Mehr als die Hälfte der Journalisten sei nun auf Stellensuche." +++

+++ Da kann der Spiegel mit ganz anderen Zahlen aufwarten: "Fast die Hälfte der Neueinstellungen beim Spiegel sind Frauen", teilt der alleinige Chefredakteur Georg Mascolo Ulrike Simon in der Berliner mit. Dass das auch in höheren Ebenen spürbar wird, ist Desiderat von Mascolos Wirken: "Die Chefredaktion muss Frauen intensiver fördern. Und die Journalistinnen im Spiegel müssen auch in die Bereiche von Politik, Wirtschaft oder Investigation drängen, in denen heute vor allem Männer arbeiten." +++ Mit Skepsis begegnet Wolfgang Denzler in der TAZ den Vorstellungen, die der Bauer-Verlag von seiner neugegründeten Journalistenschule hat. +++

+++ Mit Skepsis ist auch der Transparenz von Energieversorgern mit Atomkraftwerken zu begegnen. Die TAZ berichtet über eine NDR-Doku, die Zeuge eines Warnsignals in Brokdorf wurde, dem die Umstehenden nicht unbedingt souverän begegneten. Sie wurde aus aktuellem Anlass wieder gesendet und kursiert nun als Youtube-Schnipsel. Weil die Reporter die Szenen sendeten, durften sie danach nicht mehr rein, was die Unternehmenssprecherin von Eon dennoch als Erfolg verbucht: "'Zu unserem Geschäft gehören Offenheit und Transparenz', sagt Ulmann noch. Deswegen habe man den NDR ja überhaupt reingelassen." +++

+++ In Frankreich wird das eher boulevardeskere Blatt "France Soir" seine Finanzsorgen nicht los, berichtet die FAZ (Seite 35). +++ In England ist das totalboulevardeske Blatt "Daily Sport" verschwunden (SZ, Seite 15). +++ Und in Amerika tut sich Rupert Murdochs iPad-Zeitung "The Daily" schwer (FAZ, Seite 17). +++

+++ In Deutschland und Frankreich begleitet Arte den Theatermacher René Pollesch und den Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow "Durch die Nacht". Die SZ erkennt ein grundsätzliches Problem: "Und so bewahrheitet sich am Ende eine These, die bei dieser Reihe leider viel zu selten beachtet wird: Am interessantesten wird es dann, wenn das Programm abgearbeitet ist und die Protagonisten beim Bier über das reden können, was ihnen sonst so wichtig ist." +++ Und die TAZ findet beide in ihrer Nettigkeit "fast ein bisschen langweilig". +++ Im Tagesspiegel räsoniert Joachim Huber über die verflixte siebte Season von "Dr. House" und die Programmgestaltung von RTL. +++ In der TAZ vermeldet Julia Niemann, dass es zur siebten Season von "Mad Men" kommen wird. +++

Neues Altpapier gibt's morgen wieder ab 9 Uhr. 

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