Das Modewort Qualitätsjournalismus

Das Modewort Qualitätsjournalismus

Neue Stars am Himmel des Fernsehens werden entspannt begrüßt. Klare Worte über den Zustand des Journalismus fallen aber auch. Aktuelles zum Sarrazin-Getalke, versprochen, nur im Altpapierkorb.

Wenn ein Vertreter des Jakob-Augstein-Forums für Experimente zur Zukunft des Journalismus ("Freitag") auf den offiziellen Lehr­stuhl­in­ha­ber der Rudolf-Augstein-Stiftungsprofessur für Praxis des Qualitätsjournalismus (am Institut für Journalistik und Kommunikationswissenschaft der Universität Hamburg, soviel Platz bietet das Internet ja...) trifft, dann wird nur auf einer Seite des Tischs geschmunzelt.

Das tritt im Verlauf des Interviews von Matthias Dell, bekanntlich auch Altpapier-Autor, mit Volker Lilienthal schnell zutage.

Freilich wurde Lilienthal auch nicht zum Scherzen nach Hamburg berufen. Sondern zum Forschen, Lehren, Analysieren. Wie gut und scharf er das tut, davon gibt er einige Beispiele. Gleich nachdem er den Kernbegriff seines akademischen Tuns, den "Qualitätsjournalismus", als ideologisches und pleonastisches, dennoch nicht unbedingt überflüssiges Modewort entlarvt hat, sagt er zum Beispiel:

"Journalismus hat starke rezeptive Anteile: Man geht erst zu Leuten hin und redet mit denen. Dann kommt die Produktionsphase, in der diese Recherche in einen Artikel umgearbeitet wird. Nach meiner Beobachtung wird die rezeptive Phase immer mehr verkürzt – weil Mitarbeiter fehlen und weil das Produzieren wichtiger wird. Viele Journalisten müssen heute gleich für mehrere Plattformen schreiben. Im Lokaljournalismus kommt es vor, dass aus einer Ratssitzung heraus der schnelle Teaser für eine Online-Plattform des Verlags geschrieben werden muss. Wenn ich das mache, dann höre ich in dem Moment nicht mehr dem zu, was debattiert wird."

Ferner spricht Lilienthal von den unterschätzten Vorzügen papierner Medien (man kann sie anders als iPads problemlos verlieren) und von der digitalen Technik als "innovativer Kombination aus Kreativität und Kapitalismus". Da geht es um die "Gehässigkeit" zwischen traditionellen Verlagen und öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern bei den Abwehrkämpfen im Internet, die dem Freitag am Herzen liegt.

Diese Gehässigkeit ist, andererseits, ausgesprochen relativ. Das fällt beim Blick auf die Medienseiten der sonstigen Presse heute massiv auf. Zumindest wenn Medienseiten über ihr absolutes Leitmedium, das Fernsehen, schreiben, dann passt weiterhin oft, um eine Metapher aus der Holzmedienwelt zu verwenden, zwischen dessen Protagonisten und die Berichterstatter kein Blatt Papier.

Die DuMont-Presse interviewt unter den Überschriften "Es..."/ "Das ist ja nicht das Dschungelcamp" bzw. "Ich bleibe bei meinen Leisten" die frisch verheiratete und in Kürze auch als Moderatorin des "heute-journals" zu sehende Maybrit Illner. Ein netter Talk ganz ohne scharfe Töne. Etwa auf die Frage, wie sie als ZDF-Frau sich auf die weiter anschwellende Zahl von Talkshows bei der öffentlich-rechtlichen Konkurrenz vorbereitet, antwortet Illner:

"Gar nicht! Wir warten einfach in Ruhe ab, wie die ARD fünf Köpfe auf sieben Tage verteilt. Und das werden die schon schaffen. Es ist ja noch ein ganzes Jahr Zeit. Ich halte mich aus dem Moderatoren-Puzzle doch schlauerweise heraus. Im Übrigen nehmen wir uns nix weg..."

Am Rande geht es übrigens um diesen bekannten SPD- oder baldigen Ex-SPD-Politiker, der mit seinem Buch gerade durch die Fülle der ARD-Talkshows tingelt. Und auch zu dem Thema äußert sich Illner derart staatsfraulich, als könnte sie sich vorstellen, Steffen Seibert dereinst auch in seiner nächsten Aufgabe zu beerben.

Ausführlich mit dem lockeren, entspannten, aufgeschlossenen Moderator Eckart von Hirschhausen hat der Tagesspiegel geplaudert. Da wird zum Beispiel noch mal aufgeklärt, wie es zu dieser unhübschen Verwerfung mit der Süddeutschen Zeitung und deren Seite 3-Geschichte im März (nicht frei online, Widerschein bei S. Niggemeier) gekommen war. Die Frage, ob es die GEZ-finanzierten Sender, wenn heute Hirschhausen mit "Das fantastische Quiz des Menschen", demnächst Frank Plasberg (der gestern diesen bekannten Buchautor zu Gast hatte, siehe Altpapierkorb...) mit "Das Quiz der Deutschen" sowie der für viel Gebührengeld vom ZDF der ARD abgeworbene Jörg Pilawa quizzen, mit dem ziemlich alten und in den letzten Jahren von der privaten Konkurrenz wiederabgeguckten TV-Genre nicht ganz gewaltig übertreiben, muss ein andermal vertieft werden.

Direkt nach Mainz gereist ist Hans Hoff. Er porträtiert in der Süddeutschen, nicht ohne ziemlich oft und ostentativ zu bedauern, dass es sich nicht um Donald Draper aus der oft gelobten US-Serie "Mad Men" handelt, die der Digitalsender Neo tatsächlich zu zeigen wagt, dessen Chef Norbert Himmler. In all dem Bedauern, auch über Mainz an sich und darüber dass weder Zigaretten noch Whisky gereicht werden und die Büros dennoch so muffig sind, erscheint Himmler als ziemlich leuchtender Shootingstar am Hierarchiehimmel des ZDF.

[listbox:title=Artikel des Tages[Qualitätsjournalismusprofessor im Freitag-Interview##Illner im DuMont-Interview##Shootingstar Himmler im SZ-Porträt##So locker ist von Hirschhausen (Tsp.)]]

Immerhin tut das ZDF etwas für seine Mainzer Bevölkerung. Es verhindert, dass sie künftig samstagabends noch später als bisher auf den Lerchenberg hinauffahren muss, um im "Aktuellen Sportstudio" die prominenten Moderatoren und Gäste zu beklatschen, bloß weil das ZDF vorher noch eine weitere Krimiwiederholung einschiebt. Künftig wird "kurz nach 22 Uhr live on tape aufgezeichnet und um 23 Uhr ausgestrahlt". Und das ist tatsächlich etwas, was die deutschen Medienbeobachter (oder zumindest Joachim Huber vom Tagesspiegel) ärgert

 


Altpapierkorb

+++ Jetzt aber: Wie war Bertelsmann-Shootingstar Thilo Sarrazin bei Frank Plasberg? Der Talk- und Quizkanone gelang es "mit seinen Fragen und Einspielfilmen ... Sarrazin an verschiedenen Stellen zu entzaubern" (evangelisch.de). Sogar mit einem "recycelten" Film, "der bereits beim Auftritt Sarrazins in der Sendung vom Oktober 2009 zum Einsatz kam". "Für das Fernsehen ist Thilo Sarrazin ein Glücksfall. Er scheint in seiner spröden Umständlichkeit geradewegs einer anderen Welt entsprungen, einer Welt namens Wirklichkeit" (Alexander Kissler, sueddeutsche.de). +++ Huch, "Herr Friedman, heute waren Sie ein Arschloch!", hat Sarrazin gar auch noch gesagt? Die Bild-Zeitung enthüllt nun, was Friedman schon vor der Show bei einem Interview, das er für Springers Schwester-Boulevardblatt "BZ" führte, widerfahren war... +++ "Der letzte Moment der Wahrheit war der erschütterndste": Zumindest Nils Minkmar (faz.net) ließ sich von der "Wanderers Nachtlied"-Sequenz erschüttern. ++++++ Wie sich "Berufsdemagogen wie Thilo S." eine "neue Medienwirklichkeit zu nutze" machen, schildert Jakob Jochmann auf Carta, allerdings ohne direkten Bezug zum Fernsehgetalke. +++

+++ Wie Steffen Grimberg die Geschäftszahlen der DuMont-Presse in der TAZ analysiert, dürfte Juniorchef Konstantin Neven DuMont gefallen. +++

+++ DJV, ARD, ZDF und andere haben einen "Forderungskatalog zur Änderung der Akkreditierungspraxis bei politischen und sportlichen Großveranstaltungen" vorgelegt. Und auch wenn der Begriff klingt, als müsste zur besseren Umsetzung eine entsprechende Stiftungsprofessur ins Leben gerufen werden, die Sache ist ernst. René Martens berichtet in der TAZ. +++

+++ Die FAZ-Medienseite setzt sich heute die Brille der Verbraucher auf. Eine 3-D-Brille, wenn es nach den Trends geht, die die IFA prägen sollen. Weil aber "selbst in Asien, wo der jüngste 3D-Hype seinen Ursprung hat, ...ein dreidimensionales Vollprogramm noch in weiter Ferne" scheint, fragt Oliver Jungen skeptisch, "ob hier die Form dem Inhalt davongeeilt ist" (derzeit nicht frei online). Schon online: Was Die Zeit so zur IFA berichtet. +++ Und der Kultursender Arte, "der es in der Kommerzialisierung besonders weit treibt, etwa durch ein eigens Programmheft, dem Werbung mit Reiseangeboten extra für Arte-Freunde beiliegt - hat sich derweil mit der Google-Tochter Youtube verbündet. Arte will von November an auf einem eigenen Youtube-Kanal jede Woche mehrere Stunden Programm anbieten, das gerade erst im Fernsehen gelaufen ist", informiert außerdem Michael Hanfeld. Ferner empfiehlt die FAZ die Webseite verbraucher-sicher-online.de. +++

+++ Was Steve Jobs jetzt wieder anstellt, berichtet u.a. handelsblatt.com. +++ Mark Zuckerberg "erscheint machtgeil und herzlos"? Zumindest im Kinospielfilm "The Social Network" (FTD aus New York). +++

+++ Neues aus der Medienjustiz: Jörg Kachelmann siegt gegen bild.de. Am ausführlichsten im KSTA nachzulesen. +++

+++ Manche Berliner Fernsehverbraucher können derzeit im Kabelnetz Sat.1 nicht empfangen, zumindest nicht ohne 90-Dezibel-Kabel (BLZ)! 

Neues Altpapier gibt's wieder am Freitag. 

weitere Blogs

Coming-in
Bahnt sich in der "frommen Welt" eine Kehrtwende an, was die Akzeptanz von Homo- und Bisexualität sowie Transgeschlechtlichkeit und Varianten der Geschlechtsentwicklung angeht? Genau dafür sprechen sich prominente Vertreter*innen aus der evangelikalen Szene auf der vor Kurzem online gegangenen Webseite Coming-in.de aus. Im Interview berichtet Dr. Benjamin Pölloth, Vorstandsmitglied von Zwischenraum e.V., was es mit dieser Homepage auf sich hat, wer dahinter steht und warum sie für den Kampf um Gleichheit so bedeutsam ist.
Mit "Stille" werden die meisten Leser*innen, die diesen Blog regelmäßig lesen, etwas anfangen können. Assoziationen wie Gebet oder Meditation ploppen womöglich auf, beides machen sich nämlich quasi die Wirkung der "Stille" zu nutze, um Konzentration zu fördern oder behilflich zu sein, dem Alltag für einen kurzen Moment zu entfliehen. Laut dem Psychologen David Daniel Ebert schaffen das auch sog. "Oddly-Satisfying-Videos". Davon kursieren tausende im Netz, es werden täglich mehr und übersetzt heißt das "seltsam befriedigend". Die älteste Form sind wohl die in langen Reihen aufgestellten Dominosteine, die einmal angestoßen, gefühlt endlos nacheinander umkippen.
Bride and groom are holding each other's hands during church wedding ceremony
In Bad Neustadt musste die Polizei eine „wilde“ Trauung verhindern
Auslaufen der "Sea-Watch 4"
Das von der Evangelischen Kirche initiierte Seenotrettungsschiff "Sea-Watch 4" startete im Sommer seine Mission im Mittelmeer. Für evangelisch.de schrieb die Journalistin Constanze Broelemann in ihrem Blog "Seenotizen": "Wir sind auf See. Endlich. Gut vorbereitet, nimmt die "Sea-Watch 4" Kurs auf die libysche Küste. Ich nutze die Zeit vor den ersten Rettungsmanövern, um mit einigen meiner Crew-Mitglieder über ihre Motivation für die Mission zu sprechen."