Schuld und Vergebung

Lieber Herr Muchlinsky,
erst einmal muss ich ein wenig ausholen.
Als Kind, Jugendliche und junge Erwachsene habe ich ziemlich unter meinem Vater gelitten. Es ist bis heute ein sehr ambivalentes Verhältnis. Die Fehler, die er gemacht hat, haben mich geprägt. Trotzdem war und bin ich immer auf der Suche nach einem inneren Frieden, nach Versöhnung, die in meinem Herzen zu spüren ist. Vor zwei Jahren bekam mein Vater seine Krebsdiagnose, es schien, als blieben ihm nur wenige Monate. Seit kurzem ist klar, dass mein Vater nun bald sterben wird. Auch schon vor der Diagnose von vor zwei Jahren stockte ich immer an der Stelle des Vaterunsers "wie auch wir vergeben unseren Schuldigern". Und ich fragte mich, ob ich dieses mitbeten kann und ob es nicht dazugehört, dass "die Schuldiger" ihre Schuld sehen und evtl. bereuen. Wahrscheinlich ist die Vergebung unabhängig davon möglich und auch nötig? Was aber, wenn es einem nicht gelingt, zu vergeben? Oder wenn es mir erst nach dem Tod meines Vaters gelingt? "Muss" man als Christ oder Christin vergeben?
Ich spüre eine unendliche Trauer, schon jetzt, eine unsägliche Angst vor dem Sterben, das ich (zusammen mit meinen Geschwistern und meiner Mutter) werde begleiten müssen. Es scheint, als helfe mir mein (vielleicht zu zarter Glaube) nicht dabei, dies besser durchzustehen. Ich hoffe, dass ich meinen Vater gehen lassen kann, in Liebe und ohne Groll. Haben Sie eine Idee, wie ich dieses erreichen kann?
Ganz herzlichen Dank im Voraus.
H.