Härtefallgründe für Kirchenasyl ernsthaft prüfen

Mann steht am Altar
Anika Kempf
Die Asylbewerber in der Nordkirche kamen vorwiegend aus Afghanistan, Syrien und Somalia. Proportional stark zugenommen hat der Anteil von Frauen und Kindern im Kirchenasyl.
Nordkirche-Beauftragte fordert
Härtefallgründe für Kirchenasyl ernsthaft prüfen
In der evangelischen Nordkirche geht die Zahl der Kirchenasyle weiter zurück. Die Nordkirchen-Flüchtlingsbeauftragte Jochims fordert, dass sich die zuständigen Behörden ernsthaft mit den Härtefallgründen auseinandersetzen und dann entscheiden.

Seit 2019 wird am 30. August der Tag des Kirchenasyls begangen. Er soll an die christliche Verpflichtung erinnern, Menschenrechtsverletzungen etwas entgegen zu setzen. Auslöser für die ersten Kirchenasyle war der Tod des türkischen Asylbewerbers Kemal Altun. Der 23-Jährige hatte sich am 30. August 1983 aus Angst vor einer Auslieferung in die Türkei aus dem Fenster eines Berliner Gerichts gestürzt.

Die evangelische Nordkirchen-Flüchtlingsbeauftragte, Pastorin Dietlind Jochims, sagt dem Evangelischen Pressedienst (epd), wie es derzeit um Kirchenasyle im Norden bestellt ist und welche Gefahren sie sieht.

epd: Die Zahl der begonnenen Kirchenasyle in der Nordkirche hatte sich 2025 im Vergleich zu 2024 fast halbiert auf 59. Wie sieht die aktuelle Entwicklung aus?

Dietlind Jochims: Die Zahlen sind weiter deutlich gesunken. Insgesamt wurden zwischen September 2025 und August 2026 in der Nordkirche 28 Kirchenasyle mit 60 Flüchtlingen neu begonnen, darunter 11 in Hamburg, 9 in Mecklenburg-Vorpommern und 8 in Schleswig-Holstein. Zum Vergleich: Zwischen September 2024 bis August 2025 gab es insgesamt noch 68 neue Kirchenasyle mit 112 Personen.

Aus welchen Ländern kamen diese Asylbewerber vorwiegend?

Jochims: Aus Afghanistan, Syrien (abnehmende Tendenz) und Somalia. Proportional stark zugenommen hat der Anteil von Frauen und Kindern im Kirchenasyl.

Welche Gründe führten vorwiegend zu einem neuen Kirchenasylfall?

Jochims: Meist war es eine Kombination von unterschiedlichen Härtefallgründen, die insgesamt eine Abschiebung als nicht zumutbar erscheinen ließen. Dazu gehörten häufig schwere Erkrankungen, drohende Familientrennungen, eine besondere Schutzbedürftigkeit oder eine menschenrechtswidrige und entwürdigende Behandlung, die im Ersteinreiseland in die Europäische Union erlitten wurde und wieder droht.

Vor welchen Problemen steht das Kirchenasyl in der Nordkirche derzeit?

Jochims: Die größte Herausforderung ist die Umsetzung des neuen europäischen Asylsystems. Dessen Fokus liegt grundsätzlich eher darauf, Schutzsuchende abzuwehren als sie zu schützen. So soll es nun möglich sein, die sogenannte Überstellungsfrist auch in Fällen von Kirchenasyl zu verlängern. Dadurch besteht das Risiko, dass Menschen über drei Jahre im Kirchenasyl ausharren müssen. Ohne Leistungsbezug, ohne Krankenversicherung, ohne Arbeits- und Bildungsmöglichkeiten. Erst nach Ende der Frist wird in Deutschland über ihr Asylgesuch entschieden.

Die größte Herausforderung ist die Umsetzung des neuen europäischen Asylsystems, erklärt die evangelische Nordkirchen-Flüchtlingsbeauftragte, Pastorin Dietlind Jochims.

Eine solch lange Zeit der Ungewissheit und der fehlenden Perspektive würde für Kirchenasylgäste und auch Kirchengemeinden schwer durchhaltbar. Wir halten die Anwendung dieser neuen Regeln auf Kirchenasylfälle für rechtlich nicht haltbar, werden das im Zweifelsfall einzeln gerichtlich überprüfen lassen müssen.

Welche Forderungen und Befürchtungen haben Sie im Blick auf das Kirchenasyl? In Mecklenburg-Vorpommern wird ja am 20. September ein neuer Landtag gewählt.

Jochims: Ich wünsche mir eine ernsthafte inhaltliche Auseinandersetzung der zuständigen Behörden mit den vorgebrachten Härtefallgründen. Staat und Gesellschaft können einen menschlichen und menschenrechtlichen Blick aufeinander haben, sie können und sollten diesen Blick lernen.

Die gegenläufigen Entwicklungen in unserer Gesellschaft bereiten mir große Sorge. Mit einer starken oder gar einer regierenden AfD werden nicht Wohlergehen und Gerechtigkeit gestärkt, sondern Misstrauen, Rassismus und Feindseligkeit. Nicht nur das Kirchenasyl, sondern alle Bereiche und Institutionen, in denen sich Menschen für ein faires Miteinander einsetzen, sind und würden bedroht. Ich sehe aber nach wie vor viele Menschen, die eine demokratische, humanitäre und solidarische Gesellschaft wünschen. Diese möchte ich weiter stärken.