Woher der Hass auf Juden kommt

Kippa in Synagoge
Bernd Weißbrod/dpa
Das Judentum ruft in einigen Menschen starke negative Emotionen hervor: An der Universität Bamberg wird nach den Ursachen gesucht.
Antisemitismus
Woher der Hass auf Juden kommt
Eine antisemitische Haltung ist mit einer demokratischen Gesellschaft nicht vereinbar. Doch warum gibt es überhaupt diese Feindschaft gegenüber einer Weltreligion? An der Uni Bamberg wird dieser Frage intensiv nachgegangen.

Antisemitismus ist keine Erscheinung der Vergangenheit. Judenfeindliche Vorstellungen haben sich über Jahrhunderte verändert und sind bis heute in unterschiedlichen gesellschaftlichen Milieus verbreitet. Warum halten sie sich so hartnäckig? Welche Funktion erfüllen sie? Und was lässt sich dagegen tun?

Antisemitismus bezeichnet Judenfeindschaft. Er umfasst Vorurteile, Diskriminierung und Gewalt gegen jüdische Menschen. Doch Antisemitismus ist mehr als Hass oder ein Vorurteil: Er ist auch ein Weltbild, das komplizierte gesellschaftliche Zusammenhänge vermeintlich einfach erklärt, sagt die Professorin für katholische Theologie und Expertin für antisemitismuskritische Bildung von der Uni Bamberg, Kathrin Gies. Krisen, Konflikte und Missstände werden dabei einer angeblich mächtigen jüdischen Gruppe zugeschrieben, die im Verborgenen die Geschicke der Welt lenke.

Typisch sei die Einteilung der Welt in Gut und Böse, erklärt Gies. Solche Vorstellungen hätten nichts mit dem tatsächlichen Handeln jüdischer Menschen zu tun, ergänzt ihre Kollegin Jana Hock, wissenschaftliche Mitarbeiterin an Gies‘ Lehrstuhl.

Warum gibt es Antisemitismus?

Antisemitismus erfüllt verschiedene Funktionen. Er bietet laut Hock und Gies einfache Erklärungen für eine komplexe Welt und kann Menschen emotional entlasten: Denn statt sich mit gesellschaftlichen Widersprüchen auseinanderzusetzen, machen sie eine vermeintlich übermächtige Minderheit für Probleme verantwortlich. Laut Gies geht damit häufig die Vorstellung einher, einer überlegenen Macht ausgeliefert zu sein.

Zugleich kann Antisemitismus die Identität einer Gruppe stärken, indem sie sich von anderen abgrenzt. Das zeigt sich bereits in der Entstehungszeit des Christentums in der Antike. Die frühe christliche Gemeinschaft entwickelte ihr Selbstverständnis auch in Abgrenzung zum Judentum. Dabei entstanden negative Bilder von jüdischen Menschen, die über Jahrhunderte weitergegeben wurden.

Als das Christentum zur Staatsreligion wurde, verfestigte sich diese religiös begründete Judenfeindschaft auch in gesellschaftlichen Strukturen, sagt Gies: "Damals wurden Bilder geprägt, die genau diese Funktion der Abgrenzung haben. Diese Bilder sind sehr wirkmächtig, aber auch sehr anpassungsfähig - anpassungsfähiger als Begriffe. Daher funktionieren sie auch in neuen Formen des Antisemitismus." Christlicher Antijudaismus lasse sich deshalb nur schwer vom modernen Antisemitismus trennen.

Wie äußert sich Antisemitismus?

Antisemitismus verändert seine Ausdrucksformen je nach gesellschaftlichem und politischem Umfeld, erklärt Hock. Er kann religiös, rassistisch oder auf Israel bezogen auftreten. Antisemitische Vorstellungen verschwanden auch nach dem Nationalsozialismus nicht aus der deutschen Gesellschaft.

Hock spricht von Gelegenheiten, bei denen bereits vorhandene antisemitische Einstellungen aktiviert werden. Ein Beispiel sei der israelbezogene Antisemitismus nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel vom 7. Oktober 2023. Diese Form von Antisemitismus habe schon zuvor existiert, trete seither aber verstärkt hervor.

Welche Folgen hat Antisemitismus?

Antisemitismus beeinträchtigt das Sicherheitsgefühl, die Gesundheit und die gesellschaftliche Teilhabe jüdischer Menschen in Deutschland. Das zeigt eine bundesweite qualitative Studie des Kompetenzzentrums antisemitismuskritische Bildung und Forschung (Koas) mit 118 Teilnehmenden, die Anfang Oktober veröffentlicht wurde.

Für viele Jüdinnen und Juden ist der 7. Oktober 2023 ein tiefer Einschnitt. Belastend waren nicht nur die Gewalttaten der Hamas, sondern auch die weitgehend ausbleibende Empathie ihres nichtjüdischen Umfelds. Auch die Zahl der antisemitischen Straftaten in der aktuellen Kriminalstatistik ist auf dem Höchststand.

Was hilft weiter?

Wissen über die Geschichte des Antisemitismus ist wichtig, reicht allein aber nicht aus. "Es gibt diese falsche Vorstellung: Antisemitismus könnte ich allein durch ein Mehr an Information oder Wissen korrigieren", sagt Gies. Denn antisemitische Vorstellungen erfüllten auch emotionale Funktionen. Menschen müssten bereit sein, ihre eigenen Überzeugungen zu hinterfragen.

Das falle vielen schwer, weil sie sich selbst nicht als antisemitisch wahrnehmen wollten. Hock plädiert deshalb für Selbstreflexion und persönliche Gespräche. Aussichtsreich seien Gespräche mit Menschen, zu denen bereits eine emotionale Bindung bestehe.