Die kalte Jahreszeit steht vor der Tür und mit ihr für viele Menschen die Angst vor dem Temperatursturz. Für einige sind jedoch nicht die steigenden Heizkosten in der eigenen Wohnung der Grund, sondern die Frage, wo sie überhaupt bei Kälte unterkommen können.
Laut der Frankfurter Diakonie leben circa 350 Personen in Frankfurt auf der Straße. Obdachlose Menschen sind dabei einer Vielzahl an Gefahren ausgesetzt: Kälte, mangelnde medizinische Versorgung und Gewalterfahrungen. Frauen sind besonders gefährdet. Sie sind zusätzlich häufig sexualisierter Gewalt ausgesetzt. Umgesetzt wurde das Projekt vom Diakoniezentrum WESER5.
Kleine Hilfe mit großer Wirkung
In der Unterkunft finden Frauen nicht nur einen Platz zum Schlafen: Neben den aufgestellten Feld- und Stockbetten gibt es auf den zwei Etagen der ehemaligen Kita eine Dusche, Decken und Hygieneartikel für sie. Außerdem haben die Frauen hier die Möglichkeit, ihre Handys aufzuladen oder sich mit einem heißen Tee zu wärmen.
Alexander Thiele ist Volontär im Bereich Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit des Bistums Limburg. Er studierte Geschichte und Geschichtsjournalismus an der Goethe-Universität Frankfurt und der Justus-Liebig-Universität Gießen. Sein Praktikum bei evangelisch.de ist Teil seiner Journalistischen Ausbildung am katholischen Institut für publizistische Ausbildung (Ifp) in München.
Die Unterkunft ist täglich zwischen 22 und 8 Uhr geöffnet. Die Lage der Unterkunft ist zum Schutz der Frauen bewusst nicht öffentlich einsehbar. Viele haben sexualisierte Gewalt durch Expartner oder andere Männer erlebt. Daher ist auch das Personal der Einrichtung durchgängig weiblich.
Die Frauen können in der Unterkunft einige persönliche Gegenstände in Spinden unterbringen. "Die meisten Frauen bleiben mehrere Wochen bei uns", sagt Sozialarbeiterin Sophia Tepper, während sie eine Lieferung Toilettenpapier entgegennimmt. "Manche bleiben aber auch nur wenige Nächte." Tepper gehört zum Koordinationsteam der Unterkunft und berät zusätzlich Menschen in der Multinationalen Informations- und Anlaufstelle (MIA) für EU-Bürger in Frankfurt.
Im zweiten Stock stehen Rucksäcke, kleine Trolleys und mehrere Kisten im Flur verteilt. Man merkt sofort, dass hier auf engem Raum miteinander ausgekommen werden muss. In den einzelnen Räumen stehen nichtbezogene Feldbetten und einige wenige Doppel-Hochbetten. Auf der Fensterbank neben einem der Betten liegt ein Glücksratgeber. "Der gehört einer der Frauen", sagt Tepper und lächelt. Eigentlich gehörten Bücher in die Spinde.
Im ersten Stock des Gebäudes befinden sich ein kleiner Empfangs- und Küchenbereich, sowie die Toiletten. In einem Nebenraum stehen weitere Betten. "Unser Angebot ist bewusst offen", so Tepper. Jede obdachlose Frau könne hier unterkommen. Bedingungen gäbe es, bis auf die Hausregeln, dafür keine.
Obdachlose Frauen sind im System fast unsichtbar
Aktuelle Statistiken belegen, dass die meisten Obdachlosen in Deutschland männlich sind. Obdachlose Frauen sind eine besonders gefährdete Gruppe. Übergriffe gehören für sie zur harten Lebensrealität auf der Straße. Denn Frauen sind gegenüber Männern größtenteils physisch im Nachteil. Ein weiterer Grund dafür ist sexualisierte Gewalt: "Viele der Frauen haben auch Gewalt in einer Partnerschaft erlebt", so Tepper. Nachdem sie aus einer toxischen Beziehung ausgebrochen sind, wüssten sie nicht, wohin sie sonst gehen könnten. "Der Großteil der Frauen in unserer Unterkunft ist zwischen 40 und 60", erklärt Tepper. Einige seien sogar über 70, die älteste 82. Viele von ihnen hätten mit psychischen Problemen zu kämpfen.
Aktuell reichten die 30 Schlafplätze aus. "Wegschicken mussten wir bisher noch niemanden", sagt Tepper. Für einen solchen Fall stünde man jedoch in engem Kontakt mit den anderen Notunterkünften in Frankfurt, um die Personen schnell vermitteln zu können. Über den anstehenden Winter zeigt sich Tepper jedoch besorgt. "Noch reichen unsere Kapazitäten gerade so aus", sagt sie. Mit den erwartbar sinkenden Temperaturen in nächster Zeit, könnte jedoch auch die Nachfrage nach dem Notangebot steigen.
Viele der Frauen hätten eigentlich ein Anrecht auf staatliche Unterstützung, wie eine Sozialwohnung. Die bürokratischen Hürden dafür seien jedoch hoch: "Es ist illusorisch zu erwarten, dass Menschen mit psychischer Erkrankung Anträge ausfüllen." Daher bietet das Diakoniezentrum WESER5 auch eine soziale Beratungsstelle an, die obdachlose Menschen und Personen in prekären Lebenslagen unterstützt. Auch Tepper berät hier, zusätzlich zu ihrer Tätigkeit in der Notunterkunft.
Bewusst keine Hürden
"Lucia ist ganz bewusst ein niedrigschwelliges Angebot", sagt Tepper, während sie an den provisorischen Betten entlanggeht, die in den schlauchigen Räumen verteilt stehen. "Jede Frau, die nicht weiß, wohin sie sonst gehen soll, kann hier ein Bett bekommen." Man verlange keine Personalien. Nach Staatsbürgerschaften werde nicht gefragt. Auch eine vorherige Anmeldung sei nicht notwendig. Die meisten "Gäste", wie Tepper die Frauen lächelnd nennt, würden telefonisch über die Sozialberatung von WESER5 an sie vermittelt.
"Einige Frauen bleiben nur ein paar Nächte, die meisten aber mehrere Wochen", so Tepper. Man lege bewusst Wert auf Anonymität. "Viele bleiben eher für sich", erklärt sie. Das sei jedoch auch verständlich. Etliche der Frauen hätten Angst, Fremden zu vertrauen. "Sie legen viel Wert auf die Sicherheit ihrer Sachen. Viele sind auf der Straße bestohlen worden, teilweise auch von anderen Obdachlosen." Vereinzelt habe es in der Unterkunft Streit um persönliche Gegenstände gegeben. Insgesamt habe es aber noch nie größere Konflikte gegeben, trotz der vielen Menschen auf engem Raum. "Manchmal bilden sich hier auch kleinere Gruppen", schildert Tepper das Zusammenleben. Etliche würden sich gegenseitig schon kennen. Schließlich hätten auch obdachlose Menschen ein gewisses soziales Netzwerk. Um auf der Straße überleben zu können, muss man offensichtlich ein bisschen zusammenhalten.
Keine endgültige Lösung
Die Eröffnung der Unterkunft war eine direkte Reaktion auf die Schließung der Notunterkunft in der U-Bahn-Station "Eschenheimer Tor" in Frankfurt. Bis Ende Juni hatten hier regelmäßig knapp 150 Personen auf provisorischen Schlafplätzen übernachten können. Nach der überraschenden Räumung aus Brandschutzgründen durch die Frankfurter VGF, hatte die Stadt Frankfurt zunächst in der Bockenheimer Anlage eine provisorische Zeltunterkunft für etwa 200 Personen eingerichtet. Diese wurde jedoch im August ebenfalls abgebaut.
Auch wenn die provisorische Lösung mittlerweile durch mehrere Angebote wie "Lucia" in der Stadt ersetzt wurde, bleibt die Frage, wie lange Projekte wie dieses angesichts sinkender Mittel noch finanziert werden können.




