Der Theologe Christian Staffa ist seit seiner Berufung 2019 erster Antisemitismusbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Zum Jahresende geht er in den Ruhestand. Um Antisemitismus zu bekämpfen, empfiehlt er zwei Ansätze: Fakten dagegensetzen und Emotionen dahinter in den Blick nehmen.
epd: Wie sehen Sie Ihre Zeit als Antisemitismusbeauftragter? Was haben Sie erreicht?
Christian Staffa: Das Amt zu schaffen, war richtig. Wir haben in der Kirche lange Defizite in der Auseinandersetzung mit Antisemitismus gehabt. Wir haben den Mechanismus, die Funktionsweise, die Bedeutung unterschätzt. Die Frage, warum Antisemitismus so präsent ist und was unser Anteil daran ist, kam zwar in Schuldbekenntnissen vor, ist aber nicht wirklich durchgearbeitet. Und da hat sich dann schnell die Frage gestellt, was dabei unsere Bildungsaufgabe ist.
Und da wurde klar, wir müssen an die Religionsschulbücher ran. Wir haben da ein ernsthaftes Problem, dass dort in der Regel Jesus als das neue Gute und das Judentum implizit oder explizit als das alte Schlechte dargestellt wird. Das wirkt vielleicht didaktisch sinnvoll, produziert aber Antijudaismus.
Was haben Sie dann unternommen?
Staffa: Das ist eine sehr langfristige Sache, weil Schulbücher nicht von heute auf morgen verändert werden. Und auch wenn sie verändert werden, kommen veränderte Fassungen nicht sofort in die Schulen. Die kirchlichen Verantwortlichen und die Schulbuchverlage sind sehr offen, aber für die Verlage ist Veränderung teuer.
Können Sie ein paar Beispiele für problematische Inhalte geben?
Staffa: Wenn die Todesstunde Jesu als Beginn einer neuen Religion beschrieben wird und das mit einer Selbstidealisierung des Christentums und impliziten Negativbeschreibungen des Judentums einhergeht. Oder der christliche Sonntag wird als Sinnbild von Freiheit, Erholung, Familienzeit dargestellt und der jüdische Schabbat als etwas Drückendes.
"Der Schabbat wird denunziert in seiner Lebendigkeit."
Und dann wird gesagt, "und Gott ruhte am Sonntag". Und da hört dann aus meiner Sicht der Spaß wirklich auf, weil das Judentum so vollends enteignet und der Schabbat unsichtbar gemacht wird. Da wird praktisch die Schöpfungsgeschichte umgeschrieben und Gott ruht am Sonntag, statt am Schabbat. Das sind aber Sachen, die Menschen nicht so schnell merken. Dann gab es in einem Religionsschulbuch eine Geschichte über ein Geheimprotokoll jüdischer Schriftgelehrter, Hohepriester und anderer Führungspersonen, die darüber beraten, wie sie Jesus umbringen werden. Das Buch ist inzwischen aus dem Verkehr gezogen, soweit ich weiß.
Was setzen Sie dagegen?
Staffa: Wir machen Tagungen, Workshops, auch mit Religionspädagoginnen und Religionspädagogen. Wir versuchen den Blick zu schärfen und werfen die Frage auf, was es bedeutet, mit Negativstereotypen zu arbeiten und ob es nicht viel interessanter ist, die Verbindungen von Judentum und Christentum zu zeigen.
Zum Beispiel, dass Nächstenliebe nicht nur bei Jesus vorkommt, sondern zunächst im Alten Testament steht. Und dann ist es natürlich auch wichtig, zu versuchen zu verstehen, was den Antisemitismus so attraktiv macht.
Und was ist das?
Staffa: Die einfachste Erklärung ist, dass wir die Erlösung, die uns im Christentum versprochen scheint, nicht oder zu selten spüren. Und dafür muss dann jemand verantwortlich sein. Dann wird der absurde Gottesmord-Vorwurf gegen die Juden kreiert, der Jude wird zum Negativen überhaupt gemacht und bekommt die Verantwortung für alles Schlechte zugeschoben. Und die eigene Negativität, Lust an Macht, Gier nach Geld, Aggression gegen Kinder, alles wird an das Jüdische delegiert. Das sind psychologische Erklärungen, die dann auch ökonomisch und politisch untersetzt werden.
Aber wir haben als Christen und Kirche tragischerweise diese Konstellation gebaut, dass wir für diese Erlösungsversprechen, die nicht eintreten, einen Verantwortlichen haben. Das geht auch ins Säkulare hinein. Denn auch der Nationalismus, die Nation hält nicht, was sie verspricht. Der Sozialismus hält nicht, was er verspricht. Der Kapitalismus hält nicht, was er verspricht. Dies wird gern den Juden zugeschrieben. Viele Negativbilder haben sich auch verselbständigt.
"Dass Judas als Verräter gilt, das weiß auch der Säkularste."
Wo sehen Sie weiteren Handlungsbedarf?
Staffa: Zum Beispiel in den postkolonialen Debatten. Mit einem theologischen Zugang könnte dort verständlich gemacht werden, dass man ohne Antisemitismuskritik eigentlich nicht rassismuskritisch sein kann. Antisemitismus ist das strukturell fundamentalere Gebilde. Die Theologie könnte an den Universitäten die Vorreiterrolle bei der Bekämpfung des Antisemitismus einnehmen und das deutlich machen.
"Wir müssen dem israelbezogenen Antisemitismus etwas entgegensetzen."
Dass das auch so an den Universitäten um sich greift, hätte ich nicht gedacht. Ein intellektuelles Selbstbild müsste eigentlich verlangen, Sachen von zwei Seiten zu beleuchten. Aber auch da geht es darum, ein positives Selbstbild durch Abwertung, in dem Fall von Israel, zu sichern. Also Israel ist böse und wir sind gut, weil wir hier auf die Straße gehen ohne jede geschichtliche Kenntnis und ohne jedes Risiko und auch ohne den Versuch, sich in den anderen, also Israel, hineinzuversetzen.
Wie kann israelbezogenem Antisemitismus entgegengewirkt werden?
Staffa: Man muss das mit Fakten probieren, aber auch mit der Frage, was den Leuten daran emotional so wichtig ist. Zum Beispiel mit Hinweisen auf historisch falsche Israelkarten bei Protesten. Das war früher gar nicht alles palästinensisch. Erstens gab es da noch gar keine Palästinenser im heutigen Sinn und zweitens war das britisch und davor türkisch. Beim Thema Gazakrieg und der Lage der Menschen dort muss man auch die Frage nach der Verantwortung stellen. Zum Beispiel, warum die Hamas bei israelischen Militärschlägen die Menschen nicht zum Schutz in ihre Tunnel gelassen hat. Aber weil das alles sehr affektgeladen ist, wird Aufklärung allein nicht helfen. Man muss auch an die Emotionen rankommen.
Wie sind Sie damit nach dem Hamas-Überfall auf Israel vom 7. Oktober 2023 umgegangen?
Staffa: Wir haben zum Beispiel eine digitale Israelsprechstunde für Lehrkräfte angeboten, die nach mehr Informationen gesucht haben. Da haben auch regierungskritische Israelis deutlich gemacht, dass sich auch linke und liberale Israelis durch das, was gerade in Europa geschieht, sehr bedroht fühlen. Und dass ihnen das, was in Israel geschieht, auch Angst macht, wie auch die objektive Bedrohungslage von außen. Das hat viele nachdenklich gemacht.
Wie blicken Sie auf die Debatte über Antisemitismus in der Linken, die seit der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus intensiv geführt wird?
Staffa: Mich beunruhigt, dass darüber die Frage, was die AfD in Sachsen-Anhalt macht, in den Hintergrund gerät. Sachsen-Anhalt ist wirklich etwas anderes als diese Neuköllner Linke. Ich finde die Drei-Parteien-Vereinbarung in Berlin zur Ermöglichung von Gesprächen gut. Ich würde die Auffassung nicht teilen, dass mit der Linken in Berlin der Antisemitismus an die Regierung kommen würde. Aber das Gefühl, dass das so sein könnte, verstehe ich trotzdem sehr gut.
Was muss geschehen, damit Ihr Amt nicht mehr gebraucht wird?
Staffa: Meine Auffassung ist eigentlich, dass wir alle dauerhaft Antisemitismusbeauftragte sein müssten. Man darf sich auch nicht in Depressionen ergehen. Das Engagement gegen Antisemitismus muss verstärkt und grundlegender werden, die dafür aufgebauten Netzwerkstrukturen müssen erhalten bleiben und die Theologie muss noch selbstkritischer werden.




