Zeugen Jehovas sind in der DDR neuen Forschungsergebnissen zufolge nach 1964 systematisch wegen ihrer Kriegsdienstverweigerung verfolgt worden. Doch auch andere junge Christen hatten früher in den neuen Bundesländern kein einfaches Leben.
Während die Wehrdienstverweigerung bei Angehörigen der Großkirchen oftmals zunächst geduldet worden sei, habe später eine jahrelange Diskriminierung eingesetzt, sagte der Kirchenhistoriker Christopher Spehr im Thüringer Landtag bei der Vorstellung eines Forschungsprojekts zur Diskriminierung von Christen in der DDR.
Das Projekt lief von 2020 bis 2023 am Lehrstuhl für Kirchengeschichte der Universität Jena. Mithilfe von Archivrecherchen und Zeitzeugeninterviews wurde untersucht, wie das SED-Regime in der DDR gegen Christen vorging, die sich der Militarisierung verweigerten.
Waffenloser Wehrdienst in eigenen Bataillonen
Mit der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht im Januar 1962 sah sich die DDR mit jungen Männern konfrontiert, die den Dienst an der Waffe aus Gewissensgründen ablehnten. Ersatzweise wurde 1964 die Möglichkeit geschaffen, den Dienst in der Nationalen Volksarmee als Bausoldat zu verrichten.
Auch Bausoldaten leisteten einen 18-monatigen, allerdings waffenlosen Dienst. Sie wurden beim Bau militärischer Anlagen, in der Industrie, im Tagebau sowie in Lazaretten eingesetzt. Bis 1970 waren nach Angaben des Forschungsprojekts 1.092 Bausoldaten registriert. Mehr als 880 Männer verweigerten den Militärdienst vollständig.
Ausgrenzung, berufliche Einschränkungen, Haft
Die Gründe dafür waren unterschiedlich. Bei christlich geprägten Männern spielte das Gebot "Du sollst nicht töten" eine wichtige Rolle. Andere wurden etwa durch den Verlust von Angehörigen oder pazifistische Literatur geprägt.
Die Entscheidung gegen den Militärdienst hatte erhebliche Folgen. Betroffene berichteten von Ausgrenzung, Mobbing und beruflichen Einschränkungen bis hin zu Haftstrafen. Auch von Todesfällen unter Bausoldaten infolge der Arbeitsbedingungen wird berichtet.
Kirchen unterstützten, waren aber auch als Vermittler tätig
Als Akteure der Diskriminierung nennt die historische Forschung neben staatlichen Stellen auch Vorgesetzte und gesellschaftliche Vorurteile. Anfang der 1960-er Jahre habe es noch einzelne militärische Vorgesetzte gegeben, die kompromissbereit gegenüber den Bausoldaten gewesen seien. Doch ihre übergeordnete Überwachung des Staates habe sich schließlich auch auf das Verhalten dieser Kommandeure ausgewirkt.
Gleichzeitig habe es innerhalb der Kirchen unterschiedliche Formen des Umgangs mit den Verweigerern gegeben. Einerseits unterstützten kirchliche Stellen Betroffene und ermöglichten etwa Theologiestudenten einen Aufschub des Wehrdienstes. Andererseits sei Widerstand von Bausoldaten teilweise auch beschwichtigt worden.
Konflikt konnte nicht gelöst werden
Im Ergebnis habe die Einführung des Bausoldatendienstes den Konflikt mit wehrunwilligen Männern nicht beenden können, betonte das Forscherteam. Die Pflicht, an Gelöbnissen teilzunehmen oder die Mitwirkung an militärischen Bauprojekten sei ein anhaltender Konfliktpunkt geblieben. Die Erwartung, die Bausoldaten durch ihren Einsatz bei militärischen Bauprojekten in das System einzubinden, sei durch den Widerstand vieler Verweigerer unterlaufen worden. Bausoldaten verweigerten demnach teilweise auch Befehle oder stellten sich gegen militärische Vorgaben.




