Sonne, Strand und Segen

Urlauberpaar vor der Urlauberkapelle in Cuxhaven-Duhnen

© epd-bild/Dieter Sell

Die evangelische Urlauberpastorin Maike Selmayr traut in der Urlauberkapelle in Cuxhaven-Duhnen das Urlauberpaar Nathalie Kulmsee und Ulrich Wellmann. Die Kapelle wurde 1860 als Scheune erbaut und ist das älteste Gebäude im Ort.

Deutschland spricht 2019
Sonne, Strand und Segen
Urlauberkirchen am Meer begeistern Touristen als spirituelle Orte der Ruhe und Besinnung
Wenn der Urlaub anbricht, bleibt Zeit zum Nachdenken. Die Gedanken kreisen. Dankbarkeit, aber auch Trauer, Ängste und Sorgen können hoch kommen. Die Urlauberkapelle in Cuxhaven ist ein Ort, um sie zur Sprache zu bringen, um loslassen zu können.

Über der Urlauberkapelle in Cuxhaven-Duhnen wölbt sich ein blauer Himmel, der an diesem Tag nicht strahlender sein könnte. Am Fuß des Glockenturms fiebert die Hochzeitsgesellschaft dem Moment entgegen, den Braut und Bräutigam bestimmen. Dann geben Nathalie Kulmsee und Ulrich Wellmann das Zeichen - über den Köpfen steigen weiße Ballons in den Himmel, begleitet von einem roten Herzen. Kurz zuvor hat sich das Urlauberpaar das Ja-Wort gegeben. Sie mit einem Brautstrauß aus Muscheln, er mit einem Seestern am Revers. Und ganz bewusst in der Urlauberkapelle, die an der Nordseeküste einzigartig ist.

"Ich kenne Cuxhaven von Kindesbeinen an, ich habe hier oft Urlaub gemacht", sagt Nathalie Kulmsee. "Die Weite über dem Wasser, die Wellen, der Horizont, die Natur - das passt zu uns", schwärmt sie von dem Nordseeheilbad, das die Erzieherin aus Unna mit ihrem nun frisch angetrauten Ehemann seit vielen Jahren besucht.

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Aus der Kirche direkt an den Traumstrand
Aus der Kirche direkt an den Traumstrand

Und die Urlauberkapelle steht eben nur ein paar Schritte vom Duhner Strand entfernt, der den Blick freigibt auf Wattenmeer und Ozeanriesen, die von und nach Hamburg kommend Cuxhaven passieren - mit jährlich rund 3,8 Millionen Übernachtungen einer der touristischen Hotspots an der Küste. Die Kapelle ist gleichzeitig das älteste Gebäude im Ort, 1860 als Scheune erbaut.

Das sieht man dem Haus auch an, denn der Gottesdienstraum erinnert an eine Bauerndiele. 1952 wurde das Gebäude von der evangelischen Kirche gekauft und ist mittlerweile ohne Ortsgemeinde ganz und gar der Urlauberseelsorge gewidmet - als einzige Kirche an der Nordsee zwischen den Niederlanden und Dänemark. Sie ist ganzjährig von 10 bis 18 Uhr geöffnet und bietet auch im größten Trubel der Hochsaison einen Ort der Stille. In nächster Zeit soll sie saniert und erweitert werden.

"Die Kapelle ist ein Magnet für Touristen", hat die evangelische Urlauberseelsorgerin Maike Selmayr erfahren. "Draußen tobt das Leben, drinnen öffnet sich ein Ruheraum", beschreibt die Pastorin den Ort, an dem sie seit sechs Jahren arbeitet. Sie führt zwar kein Buch über die Zahl der Gäste, die in die Kapelle kommen. Doch die Kerzen, die Besucher im vergangenen Jahr in ein hölzernes Segens-Schiffchen namens "Hoffnung" gestellt haben, gibt einen Hinweis: "Es waren 20.000 - und auch in diesem Jahr werden es wieder viele."

Maike Selmayr in Aktion.

Oft kommen Besucher zu Beginn ihres Urlaubs in die Kapelle und zünden eine Kerze nach einer guten Anreise an, am Ende des Urlaubs nicht selten verbunden mit einem Dank für eine erholsame Zeit. Dazwischen können Gäste in der Kapelle an Gottesdiensten, Vorträgen, Konzerten und geistlichen Lesungen teilnehmen, die im Programm unter anderem als "Kraftquelle" oder als "Nahrung für Herz und Hirn" auftauchen. "Besonders beliebt sind allabendlich die Gute-Nacht-Geschichten für Kinder, Eltern und Großeltern", ergänzt Selmayr.

Teils seitenweise vertrauen sich Besucher dem Gästebuch an, bitten Gott unter dem Dach der Kapelle um Gesundheit, einen Arbeitsplatz, danken für langjähriges Eheglück, formulieren sogar Liebesbriefe. Mehrfach wird die Kapelle als "Zufluchtsort für die Seele" beschrieben.

"Wenn ich diesen Raum betrete, fallen alle Sorgen von mir ab", hat Stefanie notiert. Jesse dankt, "dass man in der Urlaubshektik hier Luft holen kann". Ohne einen Namen steht ein paar Seiten weiter der Satz: "Gott, lass diesen Urlaub gut werden, gib, dass ich Ruhe finden kann und Frieden." Ein anderer hat offensichtlich in höchster Not geschrieben: "Hilf mir Gott - oder ich mache Schluss."

"Wenn der Alltag in den Hintergrund rückt, bleibt Zeit zum Nachdenken, die Gedanken kreisen", meint Selmayr. "Dann können Dankbarkeit hochkommen, aber auch Trauer, Ängste und Sorgen - die Kapelle ist der richtige Ort, dies alles vor Gott zu bringen", betont die Seelsorgerin. Eine ähnliche Erfahrung macht ihr katholischer Kollege Lars-Jörg Bratke in der "Kirche am Meer" in Schillig, zu der anders als in Duhnen eine Ortsgemeinde gehört. Er spricht von "Seelenproviant", den die Urlauberkirchen bereit hielten.

Segnungen, die Hand verbunden mit einem biblischen Wort auflegen - sie spielen nach den Erfahrungen von Maike Selmayr dabei eine zentrale Rolle. Das gilt für einzelne Besucher genauso wie für Paare und Familien wie Friedhelm, Silke und Lea Heinemann, die an diesem Nachmittag zusammen mit den Brautleuten in einem Segenskreis stehen.

"Segen bedeutet für uns Stärkung", sagt Vater Heinemann, der mit seiner Familie aus dem Oberbergischen Land angereist ist - wie schon seit 15 Jahren. Er sieht eine direkte Verbindung zur Kapelle als Raum: "Hier kann man abgeben, hier weht der Geist Gottes." Und Silke Heinemann bekräftigt: "Wenn ich in die Kapelle komme, habe ich das Gefühl, ich komme nach Hause."

Manchmal bitten Gottesdienstbesucher Selmayr noch am Ausgang, dass sie spontan einen Segen spendet. Vielleicht war es ein solcher Segen, verbunden mit Sonne und Strand, der eine Urlauberin später ins Gästebuch schreiben ließ: "Meine Seele hat Flügel bekommen. Es war wunderschön."

Seelsorge für Touristen und an Urlaubsorten ist für die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) ein Arbeitsfeld mit wachsender Bedeutung. Vor allem in den Sommermonaten sind Pfarrerinnen und Pfarrer der EKD an der deutschen Küste, im Ausland, an Bord von Kreuzfahrtschiffen und an Kurorten als Seelsorger aktiv. Urlaubs-Seelsorgerinnen und Seelsorger gibt es an mehr als 70 Orten in Europa.

Insgesamt sind dort rund 140 Pfarrerinnen und Pfarrer aus den EKD-Landeskirchen im Einsatz. Besonders in deutschsprachigen Urlaubsgebieten übernehmen sie auch schon mal den Dienst des einheimischen Ortspfarrers. Dann gehören Trauungen, Taufen und Beerdigungen zu ihrem Aufgabengebiet. Auch rund 70 Kreuzfahrten im Jahr werden von Seelsorgern im Auftrag der EKD begleitet.

Ein Schwerpunkt der landeskirchlichen Urlauberseelsorge in Niedersachsen sind die Nordseeküste und mehrere Orte im Binnenland. Über das Jahr verteilt sind dort rund 100 Urlauberseelsorger für jeweils mehrere Wochen im Einsatz. In der hannoverschen Landeskirche werden sie dafür vom Dienst in ihrer Heimatgemeinde befreit.

Darüber hinaus organisieren alleine zwischen dem ostfriesischen Dornum und Otterndorf an der Elbmündung kirchliche Teams auf zehn Campingplätzen Angebote, die sich oft an Familien wenden. Besonders beliebt sind Gute-Nacht-Geschichten im Kirchenzelt sowie Gottesdienste unter freiem Himmel an besonderen Orten. Dazu zählen Andachten auf einem Kutter in der Nordsee, am Strand etwa an der Kugelbake in Cuxhaven und im Watt.