Im Südsudan hat die Gewalt zuletzt wieder zugenommen, und Millionen Menschen sind auf humanitäre Hilfe angewiesen. Der Geschäftsführer der deutschen Sektion von "Ärzte ohne Grenzen", Christian Katzer, hat das ostafrikanische Land besucht.
Im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) berichtet er von Angriffen auf medizinische Einrichtungen und warnt vor einer Erosion des humanitären Völkerrechts.
epd: Herr Katzer, Sie waren vor Kurzem im Südsudan. Etwa zehn Millionen Menschen brauchen dort laut den Vereinten Nationen Hilfe. Trotzdem schafft es das Land selten in die Schlagzeilen. Welche Eindrücke haben Sie mitgenommen?
Christian Katzer: Im Südsudan überschneiden sich mehrere Krisen. Wir sehen Gewalt und Angriffe auf die Zivilbevölkerung. Unsere Teams behandeln viele Menschen mit Schuss- oder Stichverletzungen. Die Patientinnen und Patienten berichten uns immer wieder von Flucht, Vertreibung und Unsicherheit.
Zugleich hat der Staat kaum Geld, um in die Gesundheitsversorgung zu investieren. Und dann spüren wir auch die Folgen der Klimakrise: Überschwemmungen, die seit Jahren andauern und ganze Landstriche überfluten.
Wasserversorgung gefährdet
Ausgerechnet in dieser Situation kürzen Geberländer ihre Mittel für die Entwicklungszusammenarbeit und die humanitäre Hilfe. Auch in Deutschland gab es Einschnitte. Was bedeutet das für die Menschen im Südsudan?
Katzer: Die Hilfe wird prinzipiell zurückgefahren. Ein Beispiel: In der Stadt Bentiu gibt es ein Vertriebenenlager, in dem mehr als 100.000 Menschen leben.
Dort ist die Wasserversorgung gefährdet und wird jetzt schon immer mal wieder abgestellt. Nun hat die Organisation, die das Trinkwasser zur Verfügung stellt, angekündigt, dass ihnen die Gelder ausgehen. Da ist nicht klar, wie es weitergeht. Der Mangel an sauberem Wasser führt dazu, dass sich Krankheiten wie Cholera ausbreiten. Und parallel dazu wird die Gesundheitsversorgung durch den Wegfall der Gelder weiter geschwächt. Vieles fällt in sich zusammen.
Bombardierungen aus der Luft
Ein anderer Aspekt in dem Land ist die Gewalt. Seit der Unabhängigkeit 2011 lodern immer wieder Konflikte auf. Ihre Organisation hat jüngst eine "Normalisierung von Gewalt" beklagt. Wie gefährlich ist Ihre Arbeit?
Katzer: Es gibt verstärkt Angriffe auf Einrichtungen von "Ärzte ohne Grenzen", auch gezielte Bombardierungen aus der Luft. So wurden am 3. Mai 2025 und am 3. Februar 2026 zwei unserer Einrichtungen bei eben solchen Luftangriffen getroffen, und wir mussten unsere Arbeit dort einstellen. Immer wieder kommen Kolleginnen und Kollegen bei Angriffen ums Leben.
Vor allem wird jedoch die Zivilbevölkerung massiv angegriffen. Wir haben 2025 rund 1.000 mehr Menschen mit Schussverletzungen behandelt als im Vorjahr. Die Zahl der Luftangriffe hat sich ebenfalls deutlich erhöht. Dies sehen wir in vielen Regionen des Südsudans.
Früher war schon ein T-Shirt ein guter Schutz
Sie arbeiten seit 1999 für "Ärzte ohne Grenzen" und kennen die Arbeit in Konfliktgebieten, waren unter anderem in Afghanistan und Somalia im Einsatz. Werden Kriege heute rücksichtsloser ausgefochten als noch vor 10 oder 20 Jahren?
Katzer: Wenn ich mir unsere Arbeit anschaue: ja, eindeutig. Die Angriffe auf medizinische Einrichtungen und Mitarbeitende haben extrem zugenommen. Das ist nicht vergleichbar mit früher, als schon ein T-Shirt mit unserem Logo ein guter Schutz war. Einfach weil damit signalisiert wurde: Hier handelt es sich um Helfer und Helferinnen. Auch Verhandlungen mit Regierungen und bewaffneten Gruppen, etwa um den Zugang zu Hilfsbedürftigen, waren vor zehn Jahren noch einfacher.
Das humanitäre Völkerrecht stellt Gesundheitseinrichtungen und die Zivilbevölkerung in Kriegen unter besonderen Schutz. Warum zählt das zunehmend weniger?
Katzer: Die Standards wurden durch die jüngsten Kriege und Konflikte extrem geschwächt, etwa in der Ukraine oder im Gaza-Streifen. Hinzukommt die weitverbreitete Straflosigkeit. Anfang der 2000er Jahre haben wir bei Gesprächen mit den Anführern von bewaffneten Gruppen beispielsweise gemerkt, dass sie den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag durchaus im Hinterkopf hatten. Heute herrscht eine Straffreiheit, die wieder aufhören muss.
Täter zur Rechenschaft ziehen
Klare Unterstützung des Völkerrechts nötig
Was kann die Bundesregierung tun?
Katzer: Es braucht eine klare und unmissverständliche Unterstützung des Völkerrechts. Die Bundesregierung muss sich bei Verletzungen klar äußern, auch wenn enge Partner wie die israelische Regierung dafür verantwortlich sind. Und es braucht mehr Engagement für die internationale Strafverfolgung, um sicherzustellen, dass Täterinnen und Täter zur Rechenschaft gezogen werden.
Kritiker monieren, dass Deutschland und andere westliche Länder mit zweierlei Maß messen: Während Verbrechen durch Russland in der Ukraine klar verurteilt würden, sei man bei der Bewertung des israelischen Militäreinsatzes im Gaza-Streifen oder dem Angriff der USA auf Venezuela zurückhaltender. Wie nehmen Sie das Auftreten der Bundesregierung wahr?
Katzer: Es gibt Doppelstandards, und das schadet der Glaubwürdigkeit massiv. Bewaffnete Gruppen überall auf der Welt registrieren, was stillschweigend akzeptiert wird und was nicht. Und sie können eigene Verbrechen damit rechtfertigen, dass sie in anderen Kontexten geduldet werden.



