Ein ganz normaler unbeschwerter Urlaubstag in Italien, Sommer 2021. Susanne Jäger bekommt einen Anruf, das Display ihres mobilen Telefons zeigt "Papa", aber die Stimme am anderen Ende der Leitung gehört einem Bekannten ihrer Eltern: Der Vater sei vermutlich tot, die 87jährige Mutter habe zwar überlebt, sei jedoch verwirrt. Es ist der 15. Juli, das Ahrtal ist von einer Katastrophe heimgesucht worden, in deren Verlauf über 130 Menschen gestorben sind; der Vater von Susanne Jäger war einer von ihnen. Fünf Jahre später hat die Journalistin die Ereignisse jener Schicksalsnacht mit Hilfe der Menschen aus der Nachbarschaft ihrer Eltern aufarbeitet.
Im Unterschied zu anderen Sendungen dieser Art, etwa "Ein Tag im Juli" (ZDF-Mediathek), ist die Dokumentation sehr persönlich gestaltet; das macht den mit 45 Minuten im Grunde viel zu kurzen Film besonders berührend. Jägers Erinnerungen bilden einen roten Faden, den sie geschickt mit den Erzählungen der Nachbarn verwebt. Auf diese Weise ergibt sich pars pro toto ein Gesamtbild, das beinahe zwangsläufig in eine alles entscheidende Frage mündet: Hätte der Tod des Vaters und vieler anderer verhindert werden können, wenn die Leute rechtzeitig gewarnt worden wären? Angeblich ist das geschehen; Jägers Recherche kommt zu einem anderen Ergebnis.
Zunächst jedoch geht es um die Menschen. Die Eltern der Autorin sind vor dreißig Jahren für ihren Lebensabend nach Bad Neuenahr gezogen, "ein kleines Monte Carlo", sagt ein Nachbar mit italienischen Wurzeln; entsprechende Archivbilder stehen in krassem Kontrast zu den privaten Videoaufnahmen vom Tag nach Katastrophe, nachdem die Flut im Wortsinne wie eine Naturgewalt über das Städtchen hereingebrochen war. Jägers Vater sah das Unheil kommen, wenn er auch nicht ahnen konnte, welche Ausmaße es annehmen würde.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Er wollte sein Auto auf einen höher gelegenen Parkplatz fahren; als ihn die Wassermaßen erreichten, hatte der neunzig Jahre alte Mann nicht genug Kraft, um sich in Sicherheit zu bringen. Zwei Frauen, die sich gerade noch auf ein Autodach retten konnten, mussten hilflos mitansehen, wie er von der Flut fortgerissen wurde: "Es ging alles so wahnsinnig schnell." Jägers Mutter stand gegenüber am Fenster, nur wenige Meter von ihrem Mann entfernt. Im Kommentar der Tochter heißt es: "Plötzlich ist er weg, verschluckt vom Wasser und der Dunkelheit." Künstlich erzeugte Unterwasserbilder lassen erahnen, wie es ihm und vielen anderen in ihren letzten Lebensmomenten ergangen sein mag. Private Videos dokumentieren den Ablauf der nächtlichen Tragödie.
"Diese Katastrophe hat nicht nur aus mir einen anderen Menschen gemacht", sagt die Autorin. Ein altes Ehepaar erzählt, seit damals hätten sie beide eine Art innere Blockade: "Wir können uns nicht mehr von Herzen freuen." Eine alte Frau hat in ihrer Wohnung sieben Stunden lang bis zum Hals im Wasser gestanden. Bei jedem Regen hat sie Angst, die Ereignisse von damals könnten sich wiederholen. Jäger ist vor fünf Jahren nach dem Anruf umgehend nach Deutschland zurückgekehrt und zu ihrer Mutter ins Ahrtal gefahren. Dort ist sie in der Nacht zum 16. Juli eingetroffen. Am nächsten Morgen hat sie sich auf die Suche nach dem Vater gemacht. Das Auto der Eltern entdeckte sie gestrandet in einer Fußgängerzone. Anrufe bei den Krankenhäusern der Umgebung blieben ergebnislos, ein Besuch der Leichensammelstelle auf dem Gelände eines kleinen Flugplatzes in der Nähe wurde ihr verwehrt. Die Leiche ihres Vaters wurde schließlich in einem Garten entdeckt; die Flut hat ihn eineinhalb Kilometer weit fortgeschwemmt.
Susanne Jäger hat ihre Dokumentation in viele kleine Kapitel eingeteilt. Sie tragen Überschriften wie "Chaos" und "Suche", aber auch "Liebe", weil sie unter anderem berichtet, wie sich ihre Eltern einst kennengelernt haben. Sie spricht über ihre besonders innige Beziehung zum Vater und dessen Vorlieben. Von Vertrauen geprägt waren offenbar auch ihre Gespräche mit den Männern und Frauen aus der Nachbarschaft. Sie verstehen bis heute nicht, warum sie nicht rechtzeitig vor dem Unheil gewarnt worden sind, obwohl die Lage in den Ortschaften flussaufwärts längst dramatisch war. Offiziell heißt es, die Feuerwehr habe die Menschen per Lautsprecherdurchsage aufgefordert, in ihren Wohnungen zu bleiben. Demnach habe ihr Vater, schlussfolgert Jäger, seinen Tod also selbst verschuldet, was sie aber nicht glauben will. Tatsächlich führt ihre entsprechende Recherche zu einem ganz anderen Ergebnis: Ihrem Vater wurde posthum die Missachtung einer Warnung angelastet, die offenbar gar nicht erfolgt ist.




