Expertengremium verfasst Normierung zu "Spiritual Care"

Menschen, die sich Hände halten
Rolf Oeser/Fundus
Spirituelle Bedürfnisse kranker und pflegebedürftiger Personen würden laut einem Vertreter des Expertengremiums oft vernachlässigt.
Eine DIN-Norm für die Seele
Expertengremium verfasst Normierung zu "Spiritual Care"
Was eine DIN-Norm für Papierbögen ist, wissen die meisten: Ein A4-Blatt hat exakt 210 mal 297 Millimeter. Aber wie kann man Spiritualität und existenzielle Fragen normieren? Das erklären zwei Experten, die an eben so einer Norm mitgearbeitet haben.

Eine unheilbare Erkrankung, ein schlimmer Unfall, nach dem nichts mehr ist, wie zuvor, oder der plötzliche Tod einer Person: Es gibt Schicksalsschläge, die Menschen verzweifeln lassen. In Lebenskrisen taucht häufig auch die Sinnfrage auf, die Betroffenen suchen nach Halt und Orientierung. Ähnlich geht es oft pflegenden Angehörigen und Menschen, die im Gesundheitswesen arbeiten. Wie aber kann diesen spirituellen Bedürfnissen, genannt Spiritual Care, im Gesundheits- und Pflegebereich bestmöglich begegnet werden?

Zu diesem Thema hat das Deutsche Institut für Normung (DIN) eine sogenannte Spezifikation veröffentlicht, also eine Art standardisiertes Regelwerk, Titel: "Spiritual Care im Gesundheitswesen". Solche Normierungen kommen aus der Technik, sagt Michael Utsch von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen. "Damit wird zum Beispiel die Tragfähigkeit von Brücken überprüft, um Gefahren auszuschließen." Doch wenn es um die Seele, die psychische Gesundheit geht, gebe es im alternativen Gesundheitsbereich "fragwürdige Methoden und Versprechen". Es geht bei der Normierung "also um eine Qualitätssicherung", sagt Utsch.

Normierung spiritueller Fragen ist nicht leicht

Der studierte Theologe und Psychotherapeut war als Teil eines interprofessionellen Konsortiums maßgeblich an der Entwicklung der neuen Norm beteiligt. Er betont: "Der Bereich spiritueller Bedürfnisse muss viel stärker wissenschaftlich, praktisch, therapeutisch und medizinisch in den Blick genommen werden." Das wurde nun auf etwa 30 Seiten versucht. Da werden Begriffe, Qualitätsstandards und Anforderungen von "Spiritual Care" definiert, es gibt Impulse zu Steuerung, Management und Nachhaltigkeit der Methoden und auch ethische Aspekte werden berücksichtigt. Dabei ist klar: Eine Normierung spiritueller Fragen ist nicht gerade leicht.

Jesuitenpater Eckhard Frick, der an der TU München die Professur für Spiritual Care und psychosomatische Gesundheit innehat, weiß, wie vielfältig der Anwendungsbereich ist. Der Psychiater und Psychoanalytiker hat viele Menschen in Krisensituationen begleitet. Die können ein Leben lang auftreten. "Das fängt schon in der Neonatologie an. Junge Eltern wollen verzweifelt wissen: Kommt unser Baby durch? Und wenn es nicht durchkommt, warum ist das so? Am anderen Pol des Lebens fragen die Menschen: Warum muss ich jetzt schon sterben? Wofür ist das gut? Ich habe doch immer so gesund gelebt?", erläutert der Professor.

"Spiritual Care" ist Querschnittsaufgabe

Laut Frick, der ebenfalls an der Erarbeitung der DIN-Norm beteiligt war, werden die spirituellen Bedürfnisse kranker und pflegebedürftiger Personen oft vernachlässigt. "Es gibt zwar die Seelsorge, aber die ist nicht immer und auch nicht in der notwendigen Breite zur Stelle." Deshalb bräuchten alle Akteure im Gesundheits- und Pflege-Bereich entsprechende Kompetenzen. Dabei gehe es nicht darum, die Seelsorge der Religionsgemeinschaften zu normieren. "Menschen, die Sorgen haben, fragen sich meistens nicht, ob sie gerade die richtige Person vor sich haben", sondern sie äußern ihre Sorgen spontan, auch wenn die zuständige Person nicht greifbar ist.

Frick spricht deshalb von einer Querschnittsaufgabe, die alle Akteure im Gesundheitsbereich betreffen: "Die Pflege beispielsweise hat eine sehr hohe Begleitungskompetenz, die wir wertschätzen und entwickeln helfen müssen." Religionspsychologe Utsch hofft, dass das neue Dokument zum Nachdenken anregt - auch in der Forschung. "Wir verstehen noch nicht genug, wie stark unsere seelischen und spirituellen Erfahrungen unser Wohlbefinden beeinflussen", sagt er, und wie Glaube "tatsächlich körperliche Prozesse verändern kann." Es gebe Hinweise in Studien, dass spirituelle Praktiken Schmerzen lindern und Krankheitsverläufe verkürzen könnten.