Als 16-jähriger Schüler läuft er 2022 in 16 Tagen 1.120 Kilometer durch Deutschland, im Schnitt täglich einen 1,7-fachen Marathon. Die Idee für seinen Ultralauf beschreibt Denis Holub damals mit den Worten: "Versuche nicht vor den Problemen der Welt wegzurennen, sondern für sie zu rennen und zu helfen, die Welt stückweise zu einem besseren Ort für alle zu machen." Als 20-jähriger Physikstudent organisiert er dieses Jahr einen rund 3.000 Kilometer langen Staffel-Triathlon, den "Euroman 2026", wieder zugunsten der Hilfsorganisation Mary's Meals. Von Schottland bis nach Bosnien-Herzegowina läuft er nonstop– sieben Tage getragen von dem Motiv "United by Hope" mit anderen Sportlern. Eine großartige Leistung, die Denis Holub mit seinem Team ab jetzt jedes Jahr auf die Beine stellen will.
evangelisch.de: Was treibt dich an, Denis?
Denis Holub: Ich bin sehr motiviert. Wenn mich etwas überzeugt, gehe ich begeistert an die Sache heran. Mir ist wichtig, dass in allem, was ich tue, ein starkes "Warum" steckt. Dieses "Warum" ist bei mir immer menschenbezogen: Ich möchte Menschen helfen und einen gesellschaftlichen Beitrag leisten. Außerdem bin ich sehr sportlich. Es geht mir darum, mich selbst zu testen und weiterzukommen.
Woher kommt dieses Streben nach Sinn?
Denis Holub: Das hat eine lange und eigentlich auch traurige Geschichte. Aber sie zeigt, dass in allem, was passiert, auch etwas Gutes stecken kann.
Während der Corona-Zeit ist mein älterer Bruder gestorben. Ich war damals 14 Jahre alt. Das hat viel mit mir gemacht. Ich wusste noch nicht, was ich später einmal machen möchte, aber ich wusste plötzlich, dass ich nicht möchte, dass Menschen leiden, wenn sie nichts dafür können.
In dieser Zeit habe ich auch stärker zum Glauben gefunden. Die christliche Sozialethik hat mir gezeigt, dass ich als Mensch dazu beitragen kann, die Welt ein Stück besser zu machen. Dafür wollte ich kämpfen. Es wurde zu einer Art Mission, nicht nur auf den Glauben bezogen, sondern auf alles Gute in dieser Welt. Damals habe ich mit Kraftsport und Leichtathletik begonnen und schließlich meinen ersten Lauf durch Deutschland als Spendenaktion organisiert.
Du sprichst oft von Berufung. Was bedeutet dieser Begriff für dich?
Denis Holub: Berufung ist für mich eng mit meinem Glauben verbunden. In der Bibel gibt es viele Berufungsgeschichten. Oft geht es darum, im Namen Gottes nach außen zu treten. Missionare leben das bis heute. Für mich hängt Berufung mit meinem persönlichen "Warum" zusammen. Ich wünsche mir eine Welt, die ein besserer Ort ist, im Kleinen wie im Großen. Manchmal beginnt das schon damit, einem Menschen in einem Dorf ein Lächeln zu schenken, der es weitergibt. Menschen zu bewegen und Leben zu verändern, das ist meine Berufung.
Du hast Theologie und Physik studiert, warst bei der Marine und engagierst dich heute als Social Entrepreneur. Was verbindet diese sehr unterschiedlichen Stationen?
Denis Holub: Während des Abiturs war für mich klar, dass mein soziales Engagement zunächst ein Hobby ist, allerdings mein wichtigstes. Deshalb bin ich auch Jugendbotschafter bei der Kinderhilfsorganisation Mary's Meals. Eigentlich wollte ich immer Pilot werden. Ich bekam die Chance, zur Marine zu gehen und hätte dort Marineflieger werden können. Ich bestand alle Tests und war stolz, dass ich zur Offizierschule gehen durfte. Aber nach sieben Monaten erkannte ich, dass ich mich nicht für 16 Jahre verpflichten will. Es waren ambivalente Gefühle zwischen dem Wunsch, Menschen etwas Gutes zu tun, aber gleichzeitig beim Militär zu sein.
Ich habe stattdessen angefangen, Physik zu studieren, da mir das handfest erschien. Da ich bis zum Start mehrere Monate Zeit hatte, studierte ich Theologie. Dort habe ich viel zum Thema Ethik mitgenommen, auch Philosophie hat mich interessiert.
Mit 16 Jahren hast du einen Ultramarathon durch Deutschland organisiert. Wie kam es dazu?
Denis Holub: Innerhalb von 16 Tagen bin ich 1.124 Kilometer von Freiburg bis nach Hamburg gelaufen. Die Idee entstand während der Corona-Zeit. Wir saßen alle zu Hause, und ich wollte etwas dagegen unternehmen. Zunächst hatte ich keinen konkreten gemeinnützigen Zweck vor Augen. Meine Mutter erzählte mir dann von Mary's Meals. Die Organisation ist nicht sehr bekannt, obwohl sie aus meiner Sicht etwas Einzigartiges leistet.
Ich habe überlegt, wie man möglichst viel Aufmerksamkeit erzeugen könnte. Meine Idee war, als 16-Jähriger etwas zu tun, das nicht alltäglich ist. Statt einen lokalen Spendenlauf zu organisieren oder daran teilzunehmen, wollte ich einmal quer durch Deutschland laufen. Das hat erstaunlich gut funktioniert. Am Ende kamen mehr als 100.000 Euro an Spenden zusammen.
"Es geht darum, einem Zweck zu dienen, der größer ist als man selbst"
Hast du mal ausgerechnet, wie viele Kinder davon unterstützt werden können?
Denis Holub: Ja. In Malawi gibt es die "Chibwana School" mit 942 Schülerinnen und Schülern. Durch die Spendengelder können die fünf Jahre lang mit einem kostenlosen Essen versorgt werden. Mein Ziel ist es, spätestens nächstes Jahr für einige Wochen dorthin zu reisen. Ich möchte die Kinder kennenlernen und sehen, welchen konkreten Effekt unsere Aktion vor Ort hatte.
Warum hast du dich damals für Mary's Meals entschieden?
Denis Holub: Zunächst hatte ich überlegt, UNICEF als Partner für den Lauf zu wählen. Als ich dann von Mary's Meals erfahren habe, war mir schnell klar, dass die Organisation zwar kleiner, aber auch familiärer ist. Ich hatte sofort einen festen Ansprechpartner, der mich Schritt für Schritt eingeführt hat. Dadurch hatte ich sofort das Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein.
Du bist heute Jugendbotschafter von Mary's Meals. Was gehört zu deinen Aufgaben?
Denis Holub: Ich trage die Vision und die Arbeit von Mary's Meals nach außen. Das geschieht nicht nur über Spendenaktionen, sondern auch bei Vorträgen, zum Beispiel an Schulen. Ich versuche, mit gutem Beispiel voranzugehen und Menschen für diese Bewegung zu begeistern. Das ist mein wichtigstes Ziel.
Du sprichst oft von "Growing through Suffering". Was bedeutet das für dich?
Denis Holub: Der Begriff beschreibt die Idee, durch Herausforderungen zu wachsen. Geprägt hat mich dabei auch David Goggins, eine bekannte Persönlichkeit der Ultramarathon-Szene. Es geht darum, einem Zweck zu dienen, der größer ist als man selbst.
Für mich bedeutet das nicht, Leid bewusst zu suchen. Aber ich glaube, dass schwierige Erfahrungen Teil eines Entwicklungsprozesses sein können. Man lernt, die eigenen Bedürfnisse zurückzustellen und auch in anstrengenden Phasen einen Sinn zu erkennen.
Bei meinem Lauf durch Deutschland gab es Etappen, die besonders hart waren. In diesen Momenten hat mir der Gedanke geholfen, dass ich für einen größeren Zweck unterwegs bin. Ich denke, dass wir größtenteils nur 40 Prozent unseres Potenzials erreichen. Und dabei das Gefühl haben, dass unsere Grenze schon erreicht ist.
Was hilft dir konkret, in solch schwierigen Momenten weiterzumachen?
Denis Holub: Ich stelle mir das wie einen Prozessor im Kopf vor, der einen besser kennt als jeder andere. Er begleitet einen ein Leben lang und weiß genau, wo man sich wohlfühlt und wo die eigenen Grenzen liegen. Sobald man an diese Grenze kommt, meldet sich eine Stimme, die sagt: Jetzt bist du erschöpft, jetzt geht es nicht mehr weiter. Genau an diesem Punkt versuche ich gegenzuhalten und mir zu sagen: Das ist noch nicht meine wahre Grenze. Beim Laufen nehme ich mir dann kleine Zwischenziele vor, bis zum nächsten Baum oder bis zum nächsten Ortsschild. Oft merke ich dann, dass doch noch mehr möglich ist, als ich zunächst gedacht habe.
Das motiviert mich. Ich frage mich: Was ist möglich? Welchen Effekt kann ich erzielen? Wenn ich sportliche Herausforderungen mit Spendenaktionen verbinde, entsteht daraus ein zusätzlicher Antrieb. Je größer die Leistung, desto mehr Aufmerksamkeit entsteht und desto mehr Menschen können potenziell unterstützt werden.
War der "Euroman" die größte Triathlon-Staffel der Welt?
Denis Holub: Bei solchen Rekorden muss man genau hinschauen, wie man sie definiert. Bezogen auf die Distanz war es die größte Triathlon-Staffel, weil es ein vergleichbares Format zuvor nicht gegeben hat. Für mich war aber vor allem wichtig zu zeigen, was möglich ist, wenn man sportliche Herausforderungen mit einer gesellschaftlichen Mission verbindet.
"Ich vertrete die Einstellung, dass Sport nur aus Entertainmentgründen moralisch wertlos ist"
Kann beim "Euroman" jede und jeder mitmachen?
Denis Holub: Es gibt einige Voraussetzungen. Die Teilnehmenden müssen volljährig sein und bestimmte Mindestdistanzen absolvieren. Beim ersten "Euroman" waren das mindestens 50 Kilometer auf dem Rad und zehn Kilometer laufend.
Soll daraus ein regelmäßiges Event werden?
Denis Holub: Der "Euroman e. V." ist noch ein kleines Team, aber wir planen bereits den "Euroman 2027". Die Strecke wird anders sein, und wir wollen professioneller auftreten. Unser Ziel ist es, mehr Menschen für das Race-Team zu gewinnen und die Reichweite unserer Mission zu vergrößern.
Manche kritisieren, dass solche Aktionen vor allem Symptome bekämpfen. Was entgegnest du?
Denis Holub: Mit dieser Kritik habe ich mich auseinandergesetzt. Man darf aber nicht vergessen, dass es immer noch besser ist als nichts zu tun. Außerdem geht es um viel mehr als nur um Spendenaktionen. Der "Euroman" soll das Sinnbild davon sein, was geschehen kann, wenn man sportliche Superlative mit sozialem Engagement verbindet.
Ich vertrete die Einstellung, dass Sport nur aus Entertainmentgründen moralisch wertlos ist. Wenn ein Fußballstar sich für einen sozialen Zweck einsetzen würde, dann würde er damit ein Riesenpublikum erreichen. Es gibt 700 Millionen Menschen auf der Welt, die von Hunger betroffen sind. Das ist ein Problem, das wir lösen können. Dafür braucht es Aufmerksamkeit und die Bereitschaft zu handeln. Wenn wir diese Mentalität etablieren, dann erreichen wir ein nachhaltigeres Ziel als nur eine gute Summe an Spenden.
Welche Projekte möchtest du in Zukunft umsetzen?
Denis Holub: Ich möchte das "Purpose Leadership College" gründen. Eine Art Universität, in der Menschen zusammenkommen, die etwas verändern wollen und ein ähnliches Mindset mitbringen.
Dabei spielt es keine Rolle, ob jemand Bürgermeisterin oder Bürgermeister werden, eine Initiative gründen oder eine Spendenaktion organisieren möchte. Es soll ein Ort sein, an dem Menschen Erfahrungen teilen, voneinander lernen und sich weiterentwickeln können. Im Moment ist das allerdings noch eine Vision.
Wo siehst du dich in zehn Jahren?
Denis Holub: Hoffentlich beim zehnten "Euroman", mit abgeschlossenem Studium und idealerweise in einer Führungsrolle innerhalb der Organisation. Wir möchten den "Euroman" nicht nur als Verein weiterentwickeln, sondern auch als Marke für Sportveranstaltungen mit sozialem Engagement. Und natürlich hoffe ich, dann immer noch mit meiner Freundin zusammen zu sein.
Wenn du eine Sache in der Welt verändern könntest, welche wäre das?
Denis Holub: Ich würde mir wünschen, dass wissenschaftlicher Konsens weniger infrage gestellt wird. Das betrifft zum Beispiel die Klimaforschung oder die Medizin. Wenn wissenschaftliche Erkenntnisse stärker akzeptiert würden, könnten wir gesellschaftliche Probleme schneller und effektiver angehen.
Das gilt auch für den Kampf gegen Hunger. Wenn wir anerkennen, dass Hunger ein globales Verteilungsproblem ist, können wir uns stärker auf Lösungen konzentrieren, statt immer wieder über die Ursachen zu streiten.
Was möchtest du jungen Menschen mitgeben, die sich angesichts der vielen Krisen ohnmächtig fühlen?
Denis Holub: Dieses Gefühl kann ich gut nachvollziehen. Wichtig ist zunächst die Erkenntnis, dass Veränderungen nicht nur von anderen ausgehen müssen. Jeder Einzelne kann etwas beitragen.
Genauso wichtig ist aber, sich mit anderen zusammenzutun. Große Herausforderungen lassen sich nicht allein lösen. Man sollte sich zusammenschließen und gemeinsam ins Handeln kommen. Das ist der erste Schritt, den ich empfehlen würde.




