Mit ausgestrecktem Fuß sitzt Fatma Ismaiel Omar auf einem Metallbett im improvisierten Gesundheitszentrum. "Eine Ratte hat mich gebissen", sagt die 50-Jährige. Wenn der Fuß auf dem Boden aufkommt, schmerzt die Wunde, die sich schnell nach dem Biss vor zwei Wochen entzündet hat. "Die Ärzte hier haben nicht viel, aber mit dem Wenigen tun sie viel Gutes", lobt sie. Die Sudanerin lebt als Geflüchtete in Adré, einem Ort im Osten des Tschad, nur zwei Kilometer von der Grenze zu ihrem Heimatland entfernt.
Im Sudan herrscht seit gut drei Jahren Krieg. Er hat laut den Vereinten Nationen die größte humanitäre Krise der Welt ausgelöst: Über 13 Millionen Menschen wurden durch die Kämpfe zur Flucht gezwungen, etwa 4,3 Millionen suchen in Nachbarländern Schutz. Für 2026 rechnen die UN mit 33,7 Millionen Menschen im Sudan, die auf Hilfe zum Überleben angewiesen sind. Doch das Geld dafür fehlt.
Auch die Versorgung sudanesischer Flüchtlinge im Tschad gerät zunehmend unter Druck. Das Welternährungsprogramm der UN hat seine Hilfe für die Mehrheit der Geflüchteten bereits in lebensbedrohlichem Umfang reduzieren müssen.
Gesundheitsversorgung für Geflüchtete
Also tun die Geflüchteten selbst, was sie können. "So lange wir irgendwie an Medikamente und medizinisches Material kommen, ist es auch für uns selbst besser, wenn wir weiterarbeiten und die Menschen hier behandelt werden", sagt die 21-jährige Marwa Ibrahim Yahaya in der behelfsmäßigen "Klinik" in Adré, in der auch Fatma Ismaiel behandelt wird. "Hoffnung und Hafen für Geflüchtete" haben sie die Einrichtung aus Holzgerüst, Bastmatten und Plastikplanen genannt.
Marwa Ibrahim hat in ihrer sudanesischen Heimatstadt El Geneina Pharmakologie studiert und anschließend noch ein Medizinstudium begonnen, ehe sie vor rund drei Jahren vor der Gewalt der paramilitärischen RSF-Miliz floh. In dem 2023 eskalierten Machtkampf zwischen den RSF und der Armee machen die UN und Menschenrechtsorganisationen beide Parteien für schwere Kriegsverbrechen verantwortlich.
Lebensgefährlicher Medikamentenschmuggel
Marwa Ibrahim hat durch den Krieg ihren Vater, ihren Ehemann und zwei Geschwister verloren. Nachdem sie Adré erreicht hatte, habe die Trauer sie zwei Jahre lang gelähmt, erzählt sie. Erst dann habe sie das Leben wieder angehen können - und fing an, in der Klinik zu arbeiten. Dort ist zwar der Behandlungsumfang gering, aber trotzdem segensreich. So bekommen chronisch Kranke hier ihre Medikamente, Diabetiker Insulin.
Dass die Flüchtlinge überhaupt etwas zu verteilen haben, liegt nicht zuletzt an ihrer Umsicht: Apothekerinnen und Apotheker, Ärztinnen und Ärzte hätten Medikamente auf die Flucht mitgenommen, erzählt Marwa Ibrahim. "Und wenn die Lage an der Grenze einigermaßen stabil ist, schleichen sich Frauen von hier in den Sudan zurück, um Medikamente und andere lebenswichtige Dinge zu holen." Diese lebensgefährlichen Missionen seien Frauen vorbehalten, Männer würden als potenzielle Gegner von den RSF-Milizionären getötet.
Computerkurse und Traumatherapie
Helfen mit allem, was man geben kann - diesen Wunsch hatte auch der Lehrer Adam Abdallah Abdirahman. Er gründete in Adré das "El Triyag Institut für Sprachen und Computerausbildung". Lehrende und Lernende sind Geflüchtete aus dem Sudan, aber auch einige Einheimische folgen dem Unterricht. "Wir möchten ihnen für ihre Gastfreundschaft etwas zurückgeben", sagt Adam Abdallah. "Wir werden hoffentlich eines Tages gehen, bis dahin möchten wir etwas von unserem Wissen mit ihnen geteilt haben."
Die Sozialarbeiterin Zahra Adam Chamis Fadoul hat ein Traumazentrum eröffnet. Dort behandeln nun vier ehrenamtliche Psychologinnen und Psychologen traumatisierte Geflüchtete, vor allem Frauen. Gemeinsam ist den Helferinnen und Helfern nicht nur ihr großer Einsatz, sondern auch die eigene Betroffenheit: Kaum jemand von ihnen steht ein Interview durch, ohne zwischendurch von den Erinnerungen überwältigt zu werden.
Die Gedanken an ihre verschwundenen oder getöteten Angehörigen seien sowieso immer kurz unterhalb der Oberfläche, sagt Sozialarbeiterin Zahra Adam unter Tränen - und lehnt ab, das Interview abzubrechen. Sie hat von ihrem ältesten Sohn seit Monaten keine Nachricht mehr und darüber hinaus vor und während der Flucht viel Schreckliches erlebt.
Anderen helfen will sie trotzdem - oder besser gesagt: angesichts ihrer eigenen Erfahrungen erst recht. Sie kann das Leid der anderen umso mehr ermessen. Und wenn es an einem Tag mal gar nicht geht, ergänzt ihre Kollegin Hafisa Abdirahman Taha, "suche ich selbst das Gespräch mit einer Psychologin, ehe ich am nächsten Tag wieder für andere da sein kann".
Am Donnerstag hatten 29 Länder im UN-Menschenrechtsrat vor der Gefahr von Gräueltaten gegen die Bewohner von Al-Obeid gewarnt. Der UN-Hochkommissar für Menschenrechte, Volker Türk, erklärte: "Ich fordere die Staaten mit Einfluss auf, jetzt zu handeln und diesen Wahnsinn zu stoppen."
Der Krieg im Sudan hat zu einer der größten humanitären Krisen weltweit geführt. Mehr als 13 Millionen Menschen wurden vertrieben, die Hälfte der Bevölkerung ist auf Hilfe angewiesen und hat nicht genug zu essen. Der Zugang für humanitäre Hilfe ist besonders in den umkämpften Gebieten extrem eingeschränkt.




