Amill Gorgis, Diakon der syrisch-orthodoxen Kirche in Berlin, macht auf die Bedrängnis der Minderheiten in Syrien aufmerksam. Die neuen Machthaber unter dem Interimspräsidenten Ahmed al-Scharaa verfolgten eine Islamisierung des bisher multireligiösen und multikulturellen Landes, sagt Gorgis am Rande einer Veranstaltung des evangelischen Zentrums Oekumene in Frankfurt am Main dem Evangelischen Pressedienst (epd). "Wir haben die große Sorge, dass Syrien zu einem christenfreien Raum wird."
So habe die syrische Regierung die Trennung von Frauen und Männern in Schulen, Hochschulen und im öffentlichen Personenverkehr verfügt. An den Gerichten seien als Vorsitzende Richter die Juristen von islamischen Geistlichen ersetzt worden. Die früher regelmäßigen Dialoge zwischen führenden islamischen Geistlichen und Bischöfen seien eingestellt worden.
Stattdessen tönten aus den Lautsprechern von Moscheen Predigten, die Andersdenkende und -glaubende verächtlich machten. In den Schulen werde im islamischen Religionsunterricht gelehrt, Christen und Juden seien "von Gott geschlagen".
Kreuze zerstört, Glocken beschädigt
"Die neuen Machthaber sind keine Brückenbauer, sie betonen das Trennende zwischen den Religionen und äußern Verachtung für Andersdenkende", sagt Gorgis, der ausgebildeter Elektroingenieur ist. In Syrien kursierten Videos, in denen Nicht-Sunniten als unreine "Schweine" verunglimpft würden. "Der Schritt vom Verächtlichmachen bis zur Tat ist nicht groß", mahnt der syrisch-orthodoxe Diakon.
Anders als gegen die Alawiten und Drusen, an denen es nach der Machtübernahme in Syrien Massaker gab, hätten Christen bisher nur vereinzelt körperliche Gewalt erfahren. Allerdings gebe es Muslime, die aggressive Mission in christlichen Dörfern betrieben, Kreuze zerstörten oder Kirchenglocken beschädigten.
"Radikale lassen die Christen spüren, dass sie in Syrien unerwünscht sind", sagt Gorgis. "Eltern überlegen sich, ob ihre Kinder im Land noch eine Zukunft haben." Die Mehrzahl der Christen sei im Lauf des Bürgerkriegs vertrieben worden oder geflohen. 1970 hätten die rund zwei Millionen Christen noch 18 Prozent der Bevölkerung Syriens ausgemacht. Heute seien höchstens noch 350.000 Christen im Land verblieben, die weniger als zwei Prozent der Bevölkerung ausmachten.
Christliche Schulen als Brückenfunktion erhalten
Das gesellschaftliche Mosaik Syriens mit seiner Vielfalt an Religionen, Völkern und Kulturen sei bedroht, sagte Gorgis, der Bücher mit syrisch-orthodoxer Liturgie und Geschichte aus dem Aramäischen ins Deutsche übersetzt hat. Noch gebe es in Trägerschaft der Kirchen Schulen und Krankenhäuser.
Sie stünden allen Menschen offen und seien Brücken zwischen den Bevölkerungsgruppen. Der Betrieb vieler stehe aber vor dem Aus, da die finanzierende Mittelschicht nach 13 Jahren Bürgerkrieg verarmt sei. Hier wäre eine Unterstützung aus Europa überlebensnotwendig, betont Gorgis.



